Juni 1876
29. Juni. (29. Juni 1876)
Der Wurm ist noch nicht angekommen, er kommt aus England, ein Teil (der Schwanz) schwimmt im Kanal. Die Dekoration des zweiten Aktes ist schöne. Es werden prachtvolle Wirkungen durch Transparentbeleuchtungen erzielt. Nur ist man zu weit gegangen, auch die Soffitten, herabhängendes Baumlaub, hat man transparent gehalten. die Wirkung täuscht nicht mehr, stört geradezu, weil zu unnatürlich. Reichenberg – Fafner – wikt mit seiner Stimme durch ein Sprachrohr kolossal. Die ganze Scene ist in der Presse vielfach besprochen, als etwas sehr Gewagtes hingestellt. Ich selbst war derselben Ansicht und hielt sie für eine der größten Klippen. Aber nun hat sie das Gegenteil bei mir bewirkt. Die Zusammenstellung der Dekorationskörper ist schon von gewaltiger Wirkung und bringt uns in eine unbeschreibliche Stimmung. Das erste Wecken des Wurms durch Wotan, das vergebliche Bemühen, ihm die Gefahr zu zeigen, die letzten Worte Fafners: „Laß mich schlafen“ brechen bei dem Zuschauer und Hörer die Spitze des Komischen ab. Das Singen des Waldvogels (Lilli Lehmann), das Schneiden der Rohrpfeife von Siegfried, der Zank des Mime und Alberich, alles trägt den Stempel des Außergewöhnlichen, wir werden gefesselt durch das überwiegend Poetische, und am Schluß weiß man nicht, welcher von den vorangegangenen Akten der schönste war.
Gestern morgen kam der Meister in die Stunde zu den Kindern, er war besonders heiter gestimmt. „Wenn ich Ihre Violine höre, erinnere ich mich der genialen Zeit, welche wir im vorigen Jahre mit einander verlebten. Sie müssen heute bei mir bleiben, Kögl, der Hagen-Sänger, kommt zur Probe, schöne Stimme, fast zu edel für den Hagen, aber ich fürchte, er hat kein Darstellungstalent, ich habe große Lust, Scaria zu holen (ich stutzte!). Ach, der bereut schon, daß er nicht dabei sein kann, nun wir wollen sehen. Es wäre ganz gut, wenn Kögl den Hunding sänge, es widersterbt mir, Eilers, der im Rheingold erschlagen wird, gleich am zweiten Tag in der Walküre als Hunding wieder auftreten zu sehen.“
Ehe Kögl noch zur Probe kam, frühstückte ich mit dem Meister und erzählte ihm dabei von Dr. Baldamus. „In Cöthen? vor 21 Jahren?“ sagte Wagner, „da war ich ja noch flüchtig, habe keine Ahnung von dem Manne, aber wenn er mir in zwei Jahren Nachtigallen in meinen Garten bringt, dann soll er in diesem und dem nächsten Jahr die Hauptvorstellung besuchen.“ Ich gedenke alsbald Baldamus davon zu benachrichtigen.
Kögl hat eine wundervolle Stimme, aber er ist ein Schulmeister, ich fürchte dieselbe Couleur wie Eilers. Daß ihm Wagner den „Donner“ wieder abgenommen, machte ihn sehr glücklich. In der gestrigen Probe spielte Wagner darauf an, ihm en Hunding zu geben. Das hat ihn ganz entsetzt. Er hat mich himmelhoch gebeten, all meinen Einfluß geltend zu machen, um Wagner zu bestimmen, dies nicht zu tun.
26. Juni. (26. Juni 1876)
Zu berichten wäre noch von den Scenenproben 1. Akt Siegfried, wo ich vielfach einzugreifen Gelegenheit hatte. Es blieb auch hier, wie bei den vorigen Proben, bei der Art und Weise, alles zu ändern vom anderen Tage. Dies Thema halte ich für vollkommen erschöpft, und ich werde darüber, wenn nichts Besonderes vorliegt, nichts mehr erwähnen.
Den Gedanken, einen Regieauszug und Scenarium zu schreiben, mußte ich zunächst aufgeben, die Sachen stehen im Kopf fest. Ich werde die Hauptsachen notieren und die Arbeit vornehmen, wenn die Hauptproben beginnen. Ich bin im voraus überzeugt, daß Wagner in diesen Hauptproben wieder alles anders macht.
Der 1. Akt Siegfried macht unsägliche Schwierigkeiten, weil Unger (Siegfried) auf wirklichem Herdfeuer mit wirklich glühendem Eisenstab sich sein Schwert Nothung schmieden muß. Die Dekoration, Felsenhöhle, Schmiede des Mime, ist wieder ein Meisterstückchen der Dekorationsmalerei. Siegfried, der übermäßig schwer und viel zu singen hat, hat wacker gearbeitet und schmiedet nach der Note sein Schwert, bis er zuletzt noch den Griff aufsetzt und dann zum Schluß damit den Ambos spaltet. Viel Arbeit, viel Mühe, aber es bekam zuletzt den Stempel des Wahren, Natürlichen, und eine neue Klippe war umschifft.
22. Juni. (22. Juni 1876)
Bezüglich der Proben vom 20. und 21. Juni habe ich noch nachzuholen, daß Wagner wieder alles änderte, was er am 19. arrangiert hatte. Er ging noch weiter, er änderte sogar die Tempis im Orchester, und bei der Stelle der Brünnhilde: „Lebe, Weib, um der Liebe willen,“ was er gestern ganz langsam nehmen ließ, verlange er vollständige Änderung. Er war furchtbar aufgeregt, sprang herum und trampelte mit den Füßen, daß es einem heiß und kalt wurde. Die Walküren, mit schweren, großen Schilden und Speeren bewaffnet, waren in Schweiß gebadet. Die Sieglinde hatte ihm gestern ihre schweren Stellen: „Rette mich, Kühne, rette mein Kind“ usw. ziemlich zu Dank gesungen, heute war ihm nichts gut genug. Mit einer Wutgebärde wandte er sich von ihr ab und murmelte ärgerlich in sich hinein, ich hatte ihn noch nie so gesehen. Frau Jachmann hatte sich die jüngeren Kolleginnen um 4 Uhr bestellt. Ich hatte erfahren, daß sie die Scene im Sinne des Meisters gibt. Es wurde alles umgeworfen, ich hatte mich wohl gehütet, daran teilzumehmen. Vor Anfang der Probe sagte ich zu den Walküren-Damen etwa folgendes: „Meine Damen, Sie haben vor Allem darauf zu achten, gleichmäßge Stellungen zu vermeiden, um so mehr als, da Sie mit Schild und Speer bewaffnet sind, die Armhaltungen an sich sehr gleichmäßig erscheinen. Sie müssen fortwährend, trotzdem Sie Alle schwer zu singen haben, ihre Augen offen halten.
Es ist mir bei einigen von Ihnen aufgefallen, daß Sie Ihre Teilnahme an dieser wichtigen Scene nicht feurig genug äußern. Sie lassen sich von der Großartigkeit des Musikalischen geradezu von Ihrem Spiel ablenken und treten in die Funktion des zuhörenden Publikums, Sie vergessen, daß Sie in der Scene stehen, in der Sie wichtig zu wirken haben.“
Betz kommt auch schon, um Fragen zu stellen, und sofort korrigierte ich in der letzen Scene das Bedecken der Brünnhilde mit dem Schild. Auch mit der Sieglinde ist Wagner noch gar nicht zufrieden. Wagner lief in voller Wut an mir vorbei und raunte mir etwas zu, wovon ich nur die Worte verstand: „Ändern, ändern, Scheffsky entsetzlich!“
Gestern besuchte mich Dr. Baldamus aus Cöthen, er wollte gern die heutige Probe besuchen. Durch die Bekanntschaft Hans Richters und der Materna hoffte er Einlaß zu bekommen. Ich sagte ihm, das würde nicht möglich sein, da wir in einer Konferenz schon im vorigen Jahre beschlossen hätten, den Besuch der Arrangierproben, ebenso wie es bei anderen Theatern üblich sei, aufs strengste zu untersagen. Wir können den Künstlern nicht zumuten, bei Wagners unberechenbarem Wesen, der keine Schonung in der Aufregung kennt, sich den Augen von Laien und neugierigen Besuchern auszusetzen. Es wäre auch nicht ausgeschlossen, daß Schilderungen solcher Scenen in die schwierige Presse übergehen. Wie ich gedacht hatte, wurde Baldamus von Hans Richter abgewiesen, auch ein Brief, den er durch Vermittlung von Anton Seidl an Wagner geschrieben hatte, konnte unmöglich an die Adresse sofort gelangen. Nach der Probe fand ich ihn mit seiner Frau vor dem Theater, wir gingen zusammen nach der Stadt. Er erzählte mir viel von Koburg, und wie es ihm gelungen sei, die seit vilen Jahen dort verschwundenen Stare wieder einzuführen. Jetzt, seit zwei Jahren, brüteten auch schon wieder die Nachtigallen. „Hören Sie, Doktor, wenn Sie Wagner versprechen, daß in zwei Jahren in seinem Garten die Nachtigallen singen, so verspreche ich Ihnen, daß Sie alle Hauptproben besuchen dürfen.“
Baldamus ging hocherfreut darauf ein, und ich denke, Wagner bei Gelegenheit davon zu erzählen, da er Baldamus im Hause des Herrn v. Behr in Cöthen vor vielen Jahren kennen gelernt hatte. diese Geschichte gehört ja nicht eigentlich in das Tagebuch, doch teile ich sie mit, um zu beweisen, wie noch viele solche Menschen kamen, die sich einbildeten, weil sie vor 20 Jahren mit Wagner einmal ein Glas Wein getrunken hätten, es könnte ihnen gar nicht fehlen, ihr anliegen betreffs Eintritt für die Vorstellungen bewilligt zu sehen.
Den Obergarderobier Ernst Fischer aus Koburg habe ich engagiert. Ich erzählte dem Meister, daß er ein tüchtiger Mensch sei. „Nun,“ meinte Wagner, „wenn er ein so tüchtiger Schneider ist, wie wir zwei, dann wird er seine Stellung schon ausfüllen.“
17. und 18. Juni (17. und 18. Juni 1876)
Erst heute komme ich nach vielen unruhigen Stunden dazu, Bericht zu erstatten. Der Meister konnte auch Freitag nicht zur Probe kommen, Schmerzen, welche ihn aufs heftigste plagten, und eine schlimme Nacht im Fieberzustande zwangen ihm, im Hause zu bleiben. Hans Richter, der mir vor Beginn der Probe, während wir zusammen beim Kaffee saßen, wohl ansehen mochte, daß ich nicht Lust hatte, zu gehen, sagte: „Nun, kommen Sie nicht?“ Ich erwiderte: „Ich werde wohl nicht nötig sein, da sämtliche Requisiten, unerläßlich nötig zur Arrangierprobe, fehlen. Niemann und Betz haben die Scene zu beherrschen, lassen Sie nur die Herren allein machen. Ich wiß bestimmt, daß, wenn Wagner kommt, er doch Alles über den Haufen wirft.“ Richter sagte: „Sie wissen, es ist der Wunsch des Meisters, daß Sie dabei sind.“ Ich ging und setzte mich ruhig mit dem Klavierauszug hinter die Kulissen. Alle arrangierten, Maschinenmeister Brandt, Niemann und Betz, aber sie wurden sich nicht einig, wie es gemacht werden könnte.
Sonnabend Morgen empfing mich der Meister mit dickgeschwollenem Gesicht und sehr angegriffen durch die schlaflosen Nächte. „Bester Freund, ich will und muß heute auf die Probe, Sie werden sich an meine Seite setzen, und da ich nicht laut sprechen kann, mein Dolmetscher sein.“ Wir setzen uns zusammen, nahmen den Klavierauszug der Walküre zur Hand. Er zeichnete mir Auftritte, Stellungen und Abgänge genau auf die Note auf. Um 5 Uhr war ich schon im Theater, um Anton Seidl zu instruieren, damit er die Auftritte an den bezüglichen Stellen nach der Note dirigiert. Brand teilte ich die Änderungen des Meisters mit, ebenfalls allen, welche beschäftigt sind. Der Meister kommt, die Probe beginnt, und wie ich’s mir gedacht, so kam es. Wagner vergaß alle Schmerzen, sprang die hohen Felsstücke auf und ab, arrangierte nach Möglichkeit und warf alles über den Haufen. Der Arzt meinte: „diese Procedur kann möglicherweise gut für seine Gesundheit ausschlagen. Er bringt sich in Schweiß und nimmt eine Pferdekur mit sich vor.“
Das Roß Grane spielt heute mit. Brünnhilde führte es, wie es sein muß, langsam über Feslgestein. In der 3. Scene, in welcher Brünnhilde dem Siegmund das Fallen im Kampfe mit Hunding anzuzeigen hat, empfand Wagner, daß das Pferd die Aufmerksamkeit von der höchst wichtigen und in der Tat großartigen Scene ablenken wird. Ich stimmte ihm bei. Obgleich die Gruppierung der Scene sehr schön sei und man bedauern müsse, wenn das Bild nicht durch Grane unterstützt würde, so sei doch die Scene viel zu wichtig, zu hochdramatisch, um nicht alle Bedenken wachzurufen. Es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß das Tier, durch ingendwelchen unberechenbaren Zwischenfall unruhig gemacht, die ganze Scene verderben könnte. Also Grane bleibt weg, Brünnhilde tritt allein auf. Der Schluß des 2. Aktes wird sich gut machen. Der Kampf Siegmunds und Hundings geht hoch oben, auf Bergeshöhen, in Wolken gehüllt, vor sich; Blitze erleuchten ihn momentweise. Wotan tritt im kritischen Moment dazu, das Schwert zersplittert, Siegmund fällt. Brünnhilde entflieht, um Sieglinde, die unten geblieben ist, abzuholen. Grane erscheint mit Brünnhilde. In Wolken und Dampf verschwindet alles.
Höchst interessant und komisch war es, als die Scheffsky bei den Worten: „Wehre den Kuß des verworfenen Weibes nicht“ sich nicht inbrünstig genug dem Siegmund an den Hals warf. Wagner machte es ihr vor, mit einem Schlage hing der kleine Wagner an des großen Niemanns Halse, daß dieser beinahe schwankte, die Fußspitzen Wagners berührten kaum noch den Boden in diesem Momente.
Er sang dazu die betreffende Stelle, riß Siegmund herum und sagte: „Hier wechselt Ihr Beide zugleich auch die Plätze.“ Wagner ließ los, und als er an mir vorbeikam, sagte er: „Das machen die Frauenzimmer nicht gern, sie denken, sie kriegen dann keinen Mann.“ Im selben Augenblick hat Hunding einzusetzen: „Wehwalt, Wehwalt, steh mir zum Streit.“
„Herrgott, reißt der Kerl das Maul auf,“ sagte Wagner. Es war geradezu ängstlich mit anzusehen, mit welcher Lebhaftigkeit Wagner nun oben auf Bergeshöhen den Kampf leitet. Niemann wendet sich ab: „Gerechter Himmel, wenn er nur herunterginge; wenn er fällt, ist ja Alles aus.“ aber er fiel nicht, er sprang mit seiner dicken Backe, welche noch durch Watte und ein dickes Tuch verbunden war, wie eine Gemse ins Tal. Wagner ist und bleibt eine der sonderbarsten Erischeinungen. Den jungen Musikern, welche sich mit ihren Klavierauszügen hinter den Kulissen niedergelassen hatten, sagte er im Vorbeigehen: „Müßt Ihr denn die alten Schartäken in der Hand haben, könnt Ihr’s denn noch nicht auswendig?“ Als Betz (Wotan) ihn fragte, um zu wissen, wie er Stellung zu nehmen habe: „Wo tritt Fricka auf“ fragte Wagner: „Links, der Teufel kommt immer von links.“
Der heutige Sonntagschluß war so sonderbar großartig, daß ich versuchen will, ihn zu schildern. Professor Wilhelmj hatte den ganzen „Bau“ schon vor acht Tagen zu einem Fasse Wein bei einem „Waldfest“ eingeladen.
Jeder sollte sich ein Trinkgefäß mitbringen. Der fortwährende Regen die ganze Woche hatte die Idee, im Walde zu lagern und zu zechen, vereitelt. Mittags rief mir Professor Wilhelmj schon aus dem Fenster seiner Wohnung zu: „Das Rendez-vous ist heute in der Festhalle“ (der Restauration am Wagner-Theater).
Unger und seine Braut, Frl. Marie Haupt, holten mich 4 ½ Uhr ab, und an der Festhalle angekommen, fanden wir eine unserer schwarzen Probetafeln aufgehängt. Darauf stand: „Die um 5 Uhr angesetzte „Probe“ findet nicht im Walde, sondern im oberen Saale der Festhalle statt.“ Man war schon im vollen Zechen aus Römern von allen Größen begriffen. Die Tische waren zu 10-12 Personen eingerichtet. Darauf wurde aus Wasserkaraffen der edle Wein kredenzt. an einer Tafel quervor saßen Wilhelmj und Bruder, Hans Richter, Unger mit Braut, die drei Rheintöchter, die jungen Musikdirektoren und meine Wenigkeit. Die Toaste nahmen ihren Anfang, der erste auf Wilhelmjs Vater, dessen Geburtstag zugleich bekannt gemacht wurde, der zweite auf Wagner, ausgebracht von Hans Richter, in welchem er den Anwesenden zugleich dessen Grüße und das Bedauern aussprechen ließ, heute nicht unter ihnen sein zu können. Ich will von anderen Toasten nur den Kreutzbergs aus Dessau (Orchester) erwähnen. Er sprach in Reinem auf Hans Richter:
Ein Hoch dem Mann,
Der uns voran,
Ein Hoch dem Mann,
Der drauf und dran,
Ein Hoch dem Mann,
Der Alles kann.
Ihr frage: „Der Mann
Wie heißt er?“
„‘S ist unser Kapellmeister“
Auch ich sprach, ich glaube, ich habe mich mit meinem Rednertalent blamiert, obgleich ich mit Zujauchzen begrüßt und entlassen wurde. Ich hatte mich auf einen Stuhl gestellt und fing folgendermaßen an:
„Jean Paul sagt „Der Mensch steigt auf einen Berg, wie das Kind auf einen Stuhl, um der Mutterbrust Natur näher zu sein.“ Ich steige auf einen Stuhl, um größer zu sein, und erlaube mir auch einen Toast auszubringen und zwar allen Denen ein Hoch – und zu Denen gehören wir wohl Alle – , welche auf’s Innigste durchdrungen, die das Herz höher schlagen fühlen bei dem Gedanken: „auch Dir ist es vergönnt, in der großen Zeit zu leben, an dem Riesenwerke mit zuarbeiten, jeder in seiner Weise.“ Und in diesem Glücke trinke ich mein Glas leer!“
Viele waren schon so des edlen Rheinweines voll, daß sie mich nicht mehr verstanden, sie sagten es mir selbst. Was nun folgte, spottet jeder Beschreibung. Die Aufregung, der an sich so schwere Wein, dazu 25 Grad Hitze, alles hatte sich vereinigt und schnell gewirkt, uns alle aus Rand und Band zu bringen. Es fanden Verbrüderungen statt, Tränen flossen, der Rest ist Schweigen ….
Um 11 Uhr sprach ich Wagner und Frau und schon war die Fama im Hause. Wagner war außer sich und zürnte Wilhelmj und Hans Richter. Ich entschuldigte, indem ich sagte, daß das Lokal, die Hitze und der schwere Wein geeignet seien, dergleichen zu erzeugen. Wagner: „Das mußten Wilhelmj und Richter wissen, daß man einen so schweren, edlen Dessertwein nicht zu einer Kneiperei geben darf.“ Der Frau Cosima hatte man sogar erzählt, zuletzt seien alle Gläser zerschlagen worden. Davon hatte ich nichts gesehen und bis zur Stunde auch nichts erfahren.
Auf der heutigen Probe begrüßte ich Frau Jachmann-Wagner, welche eine Walküre und eine der Nornen darstellen wird. Interessant war mir heute das Probieren der neukonstruierten Laterna magica, wodurch nicht allein die vorüberreitenden Walküren auf die Hinterwand geworfen werden, durch eine einfache Vorrichtung werden auch Blitzstrahlen von großer Wahrheit erzeugt. Die Bilder der vorüberziehenden Walküren sind noch nicht fertig. Ich bin sehr begierig, welche Wirkung sie haben werden.
15. Juni. (15. Juni 1876)
Wagner konnte heftiger Schmerzen halber die gestrige Probe doch nicht besuchen. Von seinem Barbier Schnappauf (auch ein Nibelung) erfuhr ich, daß nachmittags das Zahngeschwür geöffnet würde. Frau Cosima meinte, Wagner würde trotzdem sich nicht halten lassen und kommen. „Ich habe meinem Mann den Verlauf der gestrigen Probe in den schönsten Farben geschiclert.“ „Ja,“ hat er gesagt, „Ihr findet Alles schön, wenn ich nicht dabei bin.“ Ich ging dann zu Eilers und fragte, ob er auch ordentlich geübt hätte, und verordnete ihm Übungen zur Erlangungen seiner ihm fehlenden Bewegungen.
Vor der Probe hatten die beiden Damen Lehmann das Walküren-Kostüm angelegt, es ist das Schönste, was ich seit langer Zeit gesehen habe. Es wurden Stellungen, Gangarten, Gebrauch des Schildes und Speeres geübt. Dann wurde Grane (ein Rappe) über die Felsstücke geführt, ein Pferd, dass König Ludwid hergeschickt, es ist 9 Jahre alt, fromm wie ein Lamm, das mit dem Maul nach der Hand sucht, um Zucker zu finden. Es sieht wunderschön aus, wenn es so drei Stock hoch über die Felsen herabkommt. Wagner kam abermals nicht in die Probe. Es wurde nur der Gesang mit Klavier durchgenommen (2. Akt Walküre).
Mai 1876
31. Mai. (31. Mai 1876)
Probe Unger, Schlosser, Reichenberg. Scenen aus Siegfried. Der Meister klagte über seine Hüfte und über das, was etwas tiefer sitzt. Er hatte sich in der Scene, wo Siegfried mit dem neugeschmiedeten Nothung den Amboß spaltet, um Mime—Schlosser — zu zeigen, wie erschreckt er darüber sein muß, so schnell und mit Gewalt nach rückwärts geworfen, daß er es heute noch fühlt.
Nachmittag Ankunft vieler Musiker und Künstler: Frau von Grün-Coburg, Frau Jaide-Darmstadt, Engelhardt-Hannover. 7 Uhr zweite Schwimmprobe mit Hill aus Schwerin (Alberich). Ich zeigte ihm zweimal den Sturz in die Tiefe. „Beruhige Dich, sagte ich, „mit Brandts Maschinerieen ist es ein wahres Vergnügen zu stürzen. Du liegst wie „in Abrahams Schoß“, wie man sagt.“ Hill ist ein Mann von etwa 46 Jahren und sehr ängstlich, aber vortrefflicher Sänger und tüchtiger Schauspieler. Er gehört zu den besten, die hier mitagieren.
30. Mai. (30. Mai 1876)
Probe mit Unger und Schlosser. Siegfried 1. Akt, die Scene nach Abgang des Wanderers, in welchem Siegfried den Nothung schmiedet. Hans Richter ist angekommen, wir begrüßten uns herzlich. Dr. Zimmermann hatte mir seine autographierten Korrespondenzen zugeschickt. Sie sind oberflächlich und nicht korrekt, manches unrichtig! — 5 Uhr ins Theater, trank Kaffee, studierte meinen Klavierauszug. Um 7 Uhr begann die Probe. Die erste Dekoration (im Rhein) war gestellt. Sie ist prachtvoll und originell. Die Maschinen leisten das möglichste, eine jede wird von drei Personen dirigiert. Die erste ist der dirigierende Musiker (Seidl — Woglinde, Fischer — Wellgunde, Mottl — Floßhilde), die zweite jemand, der die Maschine mit einer Art Steuerrad führt, die dritte Person sitzt auf der Maschine und läßt aus Kommando die Schwimmende steigen oder fallen. Wir kamen nach meiner Anordnung, der sich (auf die Note) anreihenden Bewegungen (2 Stunden ungefähr) bis zum Auftritt des Alberich. Als Rheintöchter figurierten drei leichte, nicht allzu große Turner. Jeder hatte im Schweiße seines Angesichts gearbeitet. Die Wiener Orchestermitglieder und Reichenberg (Fafner) sind angekommen, es fängt an, lebhaft zu werden.
29. Mai. (29. Mai 1876)
Schlosser aus München war gekommen. 11-1 Uhr Scenenprobe Siegfried 1. Akt. Ich hatte heute die Freude, Wagners Talent zu bewundern, wie er es versteht, einen Charakter, wie den des Mime, dem Darsteller klarzulegen. Es war meisterhaft, wie er einzelnes darstellte, nüancierte! Schlosser wird ein ausgezeichneter Mime werden, aber nicht, wie Wagner es sein würde. Schlosser begreift schnell. Er hatte sich nur einzelnes anders gedacht und so einstudiert. Das muß er nun wieder loswerden. Ich werde den heutigen Morgen nicht vergessen.
Mein Mittagstisch bei Schierbaum gestaltet sich jetzt von Tag zu Tag gemütlicher. Für 86 Pfennige bekommen wir ein delikates Essen, trinken dazu einen leichten Pfälzer Wein und spielen nachdem Ecarté. Mottl sehnt sich nach Wien und dieses Gefühl läßt ihn auf Norddeutschland schimpfen. In solchen Momenten ist er urkomisch. Wir necken ihn oft damit, daß wir ihm aus allen (nicht Wagnerschen) Opern, von Auber, Meyerbeer, Mendelssohn, Themen duettartig vorträllern. Mitunter kommen auch die Italiener Bellini, Donizetti, Verdi daran. Wie lange wird’s dauern? Morgen schon geht der Ernst der Sache los! Nachmittag sollte abermals eine Scenenprobe stattfinden. Auf dem Wege dorthin begegnete mir Wagner, der, weil er etwas angegriffen, die Probe aufhob.
Spaziergang mit Unger, an der Landesirrenanstalt vorbei, auf sanften Anhöhen zum Wagner Theater. Der Unternehmer des Etablissements lud mich zum Abendbrot ein. Der Koch sei angekommen der müsse doch zeigen, was er könne. Bei dem trefflichen Essen saß neben mir der Redakteur des Bayreuther Wochenblattes, Dr. Zimmermann, wir wurden schnell miteinander bekannt. Am Tische war noch ein Koburger, jetzt bayreuther Bürger namens Semmler, ein Enkel meines guten alten Semmler bei dem ich vor 40 Jahren in Koburg viele Jahre wohnte, einem der originellsten Menschen, leidenschaftlichen Angler. Er erzählte Geschichten, die er alle erlebt haben wollte, daß einem die Haut schauderte.
28. Mai. (28. Mai 1876)
Der Diener Wagners brachte mir die geliehene Violine mit zerbrochenem Saitenhalter. Sie war von einem kleinen Knaben im vollen Regenwetter, nach der Probe im Opernhause, in Wagners Villa gebracht worden und in der Nacht platzte die Geschichte wahrscheinlich auseinander. Um 10 Uhr zur Stunde, ich fand die Kinder spielend im Garten (der Morgen war schön), durchaus nicht vorbereitet zum Unterricht. Sie zeigten mir ihren Garten, in welchem jedes sein eigenes Blumen und Gemüsebeet hat, welches sie selbst bearbeiten müssen. 5 Uhr Nachmittag Scenenprobe, Siegfried 5. Akt letzte Scene, mit Unger und Mottl. Später zu Wagner, wo ich hörte, daß Frau Cosima plötzlich erkrankt sei, Gott verhüte es! Baumeister Brückwald aus Leipzig war angekommen, hauptsächlich um den Konflikt seines Bauführers Runkwitz mit Wagner auszugleichen. Ein Mann von reichen Erfahrungen, der das neue Leipziger Stadttheater mitgebaut hat und uns viel Interessantes erzählte.
27. Mai. (27. Mai 1876)
Nach der üblichen Lektion bei den Kindern Unterhaltung mit Wagner von seinem körperlichen Unwohlsein. „Hier sitzt es“ sagte er und faßte sich in die Magengegend, „ich habe gar keine Zeit, sonst würde ich wieder einmal Marienbader trinken, und außerdem ist mein Nervensystem schauderhaft gestört. Sie haben keine Ahnung, womit ich gequält und geärgert werde. Im Winter dachte ich, es sei Alles in bester Ordnung, Du lieber Gott, von überall her kommen die Quengeleien der Herrn Intendanten, so daß ich meinen Probenplan schon wieder ändern mußte, und wir ein paar freie Tage darin streichen müssen.“ Er gab mir beim Weg gehen den Auftrag, mit Unger Scenen aus Siegfried (Siegfried und Brünnhilde) zu studieren.
Vor dem Essen noch zu Gießel in die Buchhandlung. Zum 1. Juni wird in den Urzustand eines Junggesellen zurückgekehrt, denn ich werde ein Zimmer im Gießelschen Hause als Chambregarnist mieten. Das Wetter ist abscheulich kalt, wirkt ganz niederschlagend auf mich; bei meinem Mittagsschlaf mußte ich mich, da ich nicht heizen lassen wollte, in alles Mögliche einhüllen, um nicht zu erfrieren. Erst als ich mit meinen Turnern zusammenkam, wurde mir wohl. Von heute an ist mir von der kgl. Behörde das Opernhaus zum unbeschränkten Probehalten übergeben worden. Unser Verwaltungsrat zahlt die Beleuchtung. Ich habe schon von diesem interessanten Bau einmal gesprochen. Sein heutiger Eindruck auf mich war wieder ein un-abgeschwächter, seltsam schöner; geht man allerdings auf die Einzelheiten der Verzierungen und Ornamente ein, so tritt uns viel Unschönes, Unkünstlerisches, was die Zopf-Zeit mit sich führt, entgegen. Interessant ist es für mich, auf dieser Bühne wirksam sein zu können.
26. Mai. (26. Mai 1876)
10 Uhr 9. Lektion mit den Kindern. Frau Cosima bat mich, Josef Rubinstein*), welcher durch sein sonderbares Wesen sich schon bemerkbar gemacht, übrigens, wie ich bei der Gelegenheit er fuhr, bereits einmal geisteskrank gewesen, aufzusuchen, da er seit mehreren Tagen sich nicht hatte sehen lassen.
Ich ging ihrem Wunsche gemäß in seine Wohnung, fand ihn aber nicht zu Hause. Für Nachmittag 4 Uhr hatte ich mit Wagner verabredet, im Theater zu sein. Begrüßung des alten Brandt. Heute sah ich zum ersten Male die ganze dekorative Aufstellung zur ersten Scene des „Rheingold“. Der junge Kranich, ein Schüler Brandts, legte sich in ein Schwimmkleid. Ich muß gestehen, ich war aufs höchste überrascht; nur will mir noch nicht klar werden, ob und wie die Sängerinnen den Mut haben werden, sich in eine solche Maschine zu legen und — zu singen. Nicht daß sie bei einem halben Aufrechtstehen nicht singen könnten, sie werden vor Angst keinen Ton heraus bringen. Ich bin sehr neugierig!
Die Proben für die Musiker und Maschinisten beginnen Dienstag den 30. Mai, 7 Uhr abends. Frau Cosima fuhr nach Hause. Wagner, Herr von Reitzenstein und ich kneipten im neuen Restaurant ein, ich trank „ein Schälchen“ Kaffee, wie Wagner sagte. Seit einigen Tagen nennt er mich meines langen, grauen Mantels wegen „mein graues Männchen“.
Die Unterhaltung drehte sich ums Wetter. Wagner war außer sich, daß die Wege, jetzt beim Regen, namentlich in der Nähe des Theaters, noch grundlos seien. Wagner wollte heim und ich ging zu Gießels, deren Villa, in der sie seit gestern wohnen, 50 Schritte entfernt vom Theater liegt. Gießel kam zur Restauration, auch Groß und Frau, Unger und die Musiker, Brandt und Sohn. Später holte Gießel noch seine Frau und unter heiteren Gesprächen bei einem Glase Wein wurde es 12 Uhr. In dunkler Nacht, auf dunklen Wegen kamen wir zur Stadt und zogen zu Angermann! Aber eben wurde die Klappe zugemacht und ich konnte Freund Heumann nur noch auf der Straße Gute Nacht sagen.
*) Josef Rubinstein endete am 15. September 1884 durch Selbstmord in Luzern.
25. Mai. (25. Mai 1876)
Himmelfahrtstag. Regnerisch, unfreundlicher Morgen, noch immer kalt. 11 Uhr geschäftliche Besprechung bei Wagner mit Unger, Mottl, Seidl. Der alte Brandt ist angekommen. Es wird tüchtig an der Aufstellung der Scenerie zu Rheingold gebaut, vielleicht können wir morgen schon mit den Schwimmproben beginnen. –
Parade-Musik im Hofgarten, der an Wagners Heim grenzt. Sie spielten den Marsch aus dem „Sommernachtstraum“. Der Meister und wir hörten zu. „Der Mann hat schöne Sachen geschrieben, der Eingang ist schön, das Trio aber nudelt und nöhlt sich in der langweiligsten Weise fort und wird nicht fertig sagte Wagner. Nachmittag holte mich Freund Professor Hönig ab, um endlich die Freunde und Gönner in der Harmonie wieder zu begrüßen. Ein alter Herr, ein Medizinalrat aus Würzburg, welcher seine alten Jugendfreunde hier wiedergefunden, nahm die Unterhaltung für sich in Anspruch und war interessant genug, uns zu fesseln, bis das Thema sich, wie immer, auf Wagner und die bevorstehenden Aufführungen lenkte.
Der alte Herr gestand mir, daß er ein entschiedener Gegner der Wagnerschen Musik noch bis vor kurzem gewesen sei, aber er hätte trotzdem den größten Respekt vor der Erscheinung dieses Mannes gehabt, dessen Talent sich unter den schwierigsten Umständen entwickelt, dessen Mut und Vertrauen zu seinem guten Genius ihn unter den härtesten Kämpfen endlich seinem erstrebten Ziele zugeführt habe. Er habe ihn gehaßt, weil er alle Musik, außer der seinigen, als Nichts hinstellt, weil er Mendelssohn mißachte. Trotzdem habe er sich nicht verschweigen können, daß „das Judentum in der Musik“ im höchsten Grade geistreich geschrieben sei. Er habe sich nicht von dem Gedanke losreißen können, daß Wagner ein arroganter Charakter sei. —
Erst durch eingehendes Beschäftigen mit Wagners Person finge es nun an, ihm klarer zu werden; er bedaure, daß es noch keine Autobiographie von Wagner gäbe. Aus dieser könne man sich, wie die Erfahrung lehrt, das beste Bild schaffen. Der Entwicklungsgang eines Menschen gibt uns die Aufschlüsse, die nötig sind, um einen mit all seinen großen Menschen wie Wagner Mängeln und Schlacken, deutlich und klar hinzustellen.
Ich versuchte dem alten Herrn mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln, unterstützt durch meine heiße Zuneigung für Wagner, mich so deutlich wie möglich zu machen, Richard Wagner als Mensch zu schildern, im großen und ganzen und in Einzelheiten und betonte dabei, wie Wagner ein Feind aller Reklame sei, daß er es verschmähe, die Presse für sich und sein Wirken in Anspruch zu nehmen.
Als er dann die Presse gegen sich gehabt habe, sei zunächst das Bild als etwas Verzerrtes von der Presse gemalt, und was man immer und immer wieder gedruckt liest, habe eine gewaltige Macht. Dazu seien seine Werke entstanden, darunter, “Das Judentum in der Musik“. Ich brauche nicht zu erinnern, welche Stürme, Vernichtungsversuche über sein Haupt zogen, unbeirrt sei er vorwärtsgegangen, endlich mit seinem Vorhaben am Ziele angelangt! Die Stürme legen sich, man fängt an (ohne Reklame zu machen) in den Reihen seiner Gegner ruhiger zu werden, ja es gibt bereits Leute unter den früher unerbittlichsten Feinden, die sich jetzt für ihn schlachten lassen.
Dem Medizinalrat war von großem Interesse zu erfahren, wie das ganze Unternehmen geführt und geleitet würde, wie man es vom richtigen Standpunkt aus betrachten kann und soll. Ich sagte ihm darüber: „Es ist allbekannt, daß Wagner sich vor Jahr und Tag mit den Darstellern, welche ihm helfen sollten, sein Werk aufzuführen, in Verbindung setzte. Die Grundfrage an dieselben lautete „Wollt Ihr mir helfen?“ und sie eilten in ihrer Ferienzeit herbei und studierten. Die Begeisterung wuchs Wagner ist nicht als Theaterdirektor oder Impressario zu betrachten, der Geschäfte machen will oder muß, um die teuren Kräfte zu honorieren. Er hat tausende von Thalern geopfert für seine Sache. Von den Mitwirkenden sind rührende Beispiele zu erzählen, welche Opfer sie brachten, nur um dabei sein zu können und Wagner zu helfen. Die Oeffentlichkeit weiß bereits, welches Abkommen Wagner mit seinen Helfern geschlossen hat. Um sie zu entschädigen, sollen sie teilhaben an dem pekuniären Vorteil, welchen das Unternehmen künftiges Jahr und das Jahr 1878 quasi gewährleistet.
Es ist ganz unmöglich, eine solche Unterhaltung in allen seinen Teilen des Verlaufs im Kopfe zu behalten. Was ich im Obigen schreibe, ist in der Tat nur ein schwacher Abklatsch des Ganzen. Der alte Herr dankte mir für alle ihm so interessanten Mitteilungen und meinte, nun gehe ich in alle Welt, und lehre alle Heiden. –
24. Mai. (24. Mai 1876)
Morgens Tanzunterricht. 11 Uhr mit Unger und Seidl zum Meister. Unger war noch nicht hergestellt. Dem jungen Brandt ist noch eine Frist von 6 Tagen gegeben, in welcher Zeit die Schwimmaschinen fertig zu stellen sind, also nächsten Sonntag! — 7 ½ Uhr im Turnsaal. Während der Übungen kamen Seidl, Mottl und Zimmer, Mottl trat sofort mit an, da es ihm sehr gefiel. Der größte Teil der Leute fängt an, sich gut zu bewegen und charakteristische Gesten zu machen, mein fescher Wiener war Feuer und Flamme für den Unterricht.
Ich war sehr warm geworden, mußte mich umziehen und ging dann zu Angermann, wo ich als bald einem bereits etwas angetrunkenen Handlungsreisenden als Wirt „Angermann“ vorgestellt wurde. Angermann hatte heute den Preis des Bieres um 2 Pfennige erhöht und alles befand sich in einer komischen Wut. Es gab sehr spaßige Scenen, an denen sich bald alle beteiligten, so daß der Fremde keinen Augenblick im Zweifel sein konnte, ich sei der Wirt. Als solcher gab ich ihm 12 Gläser umsonst, doch schon beim siebenten hatte er genug.
23. Mai. (23. Mai 1876)
Tanzunterricht mit den Kindern. Nachmittag holte mich Unger ab, wir besuchten unsern kranken Freund, Hauptmann v. Schrenck und wanderten hinaus zum Theater. Hier fanden wir den Bürgermeister, die Herren Groß und Runkwitz, verhandelnd über des letzteren Abgang. Es wird sich wohl alles wieder zusammenziehen. Frau Cosima hat sich ins Mittel gelegt, sie gleicht vieles aus.
22. Mai. (22. Mai 1876)
Zum Theater; der junge Brandt teilte mir mit, daß es unmöglich sei, Dienstag mit den Schwimmproben zu beginnen. Ich sagte ihm: „Dann haben Sie die Güte, dem Meister selbst diese Hiobsbotschaft zu bringen. Dazu fehlt mir der Mut und ist auch meine Sache nicht.“ Ich blieb bis 12½ Uhr in den Theaterräumen und studierte die Schwimmaschinen. Welche Angst und Sorgen mich bei ihrem Anblick beschlichen, will ich verschweigen. Das Gerüst im Auditorium fängt an zu verschwinden, der Plafond ist fertig und man kann ihn zur Hälfte sehen. Fischers Bruder, kgl. Maschinenmeister bei der Staatsbahn, fand ich im sogenannten Maschinenhause, wo eine alte Lokomotive aufgestellt wurde, welche dem Theater den Wasserdampf zuführen soll; nachmittags sollte der erste Versuch gemacht werden. Wir besuchten dann noch die Restaurationsgebäude, worin heute nachmittag die Einweihung stattfinden wird.
Nachmittag holte mich Unger ab, bis 6 Uhr hatten sich ungefähr 40 Personen versammelt und zu Tische gesetzt, Freunde und Freundinnen der Wagnerschen Familie. Wagner, in rosigster Laune, brachte den ersten Toast auf die Unternehmer des Restaurationsgebäudes aus, Oberbürgermeister Muncker auf das Geburtstagskind, und ein Herr Assessor Braun auf Frau Cosima. Die Feier dauerte bis 8½ Uhr und war für alle ein schönes Fest. Die Gesellschaft bewegte sich in der ungezwungensten Weise, die Unterhaltung stockte keinen Augenblick, auch wurden die Köpfe vom Champagner etwas freier. Es wurde Licht gebracht, und zwar, da noch sämtliche Beleuchtungsgegenstände fehlten, mußten Champagnerflaschen als Leuchter dienen. Die Damen brachen auf, Frau Cosima mit den Kindern und Frau v. Staff-Reitzenstein waren schon früher nach Hause gegangen. Nun bildeten sich einzelne Gruppen. Mottl, der schon erwähnte junge Musikdirektor aus Wien, war eingetroffen. Ich kam sehr bald mit ihm in ein Gespräch, er erzählte mir viel von Wien. Er kennt Lorchen Paulis Vater im Wiener Opernhaus-Orchester, dessen Verehrung für Wagner so weit geht, daß er, wenn dessen Opern aufgeführt werden, stets im Frack im Orchester erscheint.
21. Mai (Sonntag). (21. Mai 1876)
Um 11 Uhr zum Meister. Wir gingen sofort an die Arbeit, ich ließ ihm erst freien Lauf, er liebt nicht die Unterbrechung. Mit meinem Klavierauszug verfuhr er, indem er mit Rotstift alle möglichen Zeichen machte, nicht übel. Ich hatte ziemlich von morgens 8 Uhr an, auch schon im Bett, mir einen Plan gemacht, welcher allmählich immer lichter und fester wurde, so daß mir anfing das Herz freudig zu schlagen. Nach des Meisters Idee einen choregraphischen Plan zu zeichnen und darnach auf der Arrangierprobe zu verfahren, ist eine zu riesige Arbeit und verwirrt nur. Der Meister selbst brach, während er mir er klären wollte, in die Worte aus: „Es ist eine furcht- bare Arbeit.“ Nachdem er genug Zeichen aller Art gemacht und er scheinbar den Faden verlor, hub ich an: „Meister, nach reiflicher Ueberlegung, nach langen Erfahrungen muß, wie ich schon gestern sagte, das Ganze wie ein Tanz arrangiert sein. Die drei Musikdirektoren, welche in ihren Wagen sitzen, jeder mit einer Singstimme der drei Rheintöchter bewaffnet, die mit roten, blauen und orangegelben Zeichen (bestimmte Zeichen für Rechts- und Linksschwimmen, für Aufsteigen oder Niederlassen, Liegen und Aufrechtstehen) versehen ist, sind die Tänzer, die das Pas de trois ausführen, die drei dirigierenden Maschinenmeister hören auf ihr Kommando, lernen das Pas de trois mit. Die Bewegungen werden wie auf dem Ballettsaal taktweise aneinandergereiht. Sind diese und das ganze Bewegungsarrangement fertig, ganz fest einstudiert, dann erst kommen die willenlosen Rheintöchter dazu, welche, das ist wohl anzunehmen, sich an das Außergewöhnliche ihrer Situation gewöhnen werden, sobald sie das nötige Sicherheitsgefühl haben.
Ein und zwei Takte vor dem Einsatz ihres Singens werden sie von den Musikern in eine aufrechte Stellung gebracht. Nur so, mein verehrter Meister, ist eine Möglichkeit denkbar, über diese Scene, die große Klippe, hinweg zu kommen. Tritt dann Alberich dazu, so wird es eben ein Pas de quatre, in welches er ebenfalls auf die Note ebenso seine einstudierten Bewegungen, Wendungen Herabgleiten von den Felsstücken, Fangen nach den Rheintöchtern, bis zum Sturz in die Tiefe, auszuführen hat. Da für choregraphische Zeichen vorher auf Papier zu bringen, ist eine Riesenarbeit, die auch in der Praxis noch nicht einmal etwas helfen wird. Wir fangen gleich mit den Maschinen an, sehen zu, welche Mittel uns hier zu Gebote stehen und wie wir mit ihnen am besten die Aufgabe lösen können.“
Eine sichtbare Ruhe kam über Wagner und er war als bald mit meinem Vorschlag einverstanden. „Sie müssen Alles machen, Sie sind das Kerlchen, das ich glücklich gefunden“ usw. Nachmittag arrangierte sich mit Fischer, Seidl und Zimmer eine Fahrt nach der Phantasie, dem schönen Sommeraufenthalt des Herzogs Alexander von Württemberg. Er ist der Bruder der Herzogin von Koburg, er kennt mich noch von meinem da maligen Aufenthalt und ich gedenke ihm in den nächsten Tagen meine Aufwartung zu machen. Um 6 Uhr fuhren wir wieder zurück, hielten in der Nibelungenkanzlei an und musizierten. Ich spielte Bratsche zur Erheiterung sämtlicher Um- und Einwohner.
Um 8 Uhr folgten wir einer Einladung zu Wagner. Bassist Staudigl (Sohn des berühmten Staudigl) sang aus „Joseph“ von Méhul wunderschön. Die Unterhaltung war, wie immer, belebt und interessant, um 10 Uhr ging es zu Ungermann, wo Punkt 12 Uhr auf das Wohl des Geburtstagskindes Richard Wagner, der sein 63. Lebensjahr vollendete, begeistert angestoßen wurde. Gott er halte ihn noch lange!
20. Mai. (20. Mai 1876)
Um 10 Uhr Tanzunterricht wieder Frau Cosima beiwohnte. „Mein Mann läßt Ihnen sagen, er hätte notwendige Angelegenheiten mit Ihnen zu besprechen, Sie möchten nach der Stunde nicht gleich fortgehen.“ Um 11 Uhr kam Unger; ich erzählte ihm von Frau Cosima, daß sie eine strenge Mutter sein müsse. Eine der Töchter hätte heute zur Strafe nicht in die Tanzstunde kommen dürfen, sie wurde in den Saal geführt und Frau Cosima erzählte den anderen Kindern, daß sie unordentlich gewesen sei.
Was ich voraus gesehen habe, daß auch bei Freund Wagner endlich die Angst, wenn ich es so nennen darf, kommen werde, nimmt jetzt seinen Anfang: Der junge Brandt ist, wie ich schon er wähnte, angekommen und richtet nun die Schwimm Maschinen ein. Wagner war Freitag im Theater und hat einen Einblick in diese komplizierte Geschichte bekommen. „Freund, nächsten Dienstag müssen wir die Sache anfangen, da giebt’s zu tun.“
Der Meister hatte heute sehr starkes Kopfweh, er gestand ein, daß er es sich durch einen steifen Grog zugezogen habe. „Meister, ich helfe Ihnen,“ sagte ich, „lassen Sie sich gleich aus der homöopathischen Apotheke Nux vomica holen.“ „Das giebt’s ja garnicht hier,“ sagt Unger. „Gut,“ sage ich, „so gehe ich zu Riemenschneider, der hat sich gestern damit von einer Maikatze befreit.“ Gesagt, getan, ich eilte hin, brachte gleich die ganze Flasche mit. Wagner brachte Zucker und ich gab ihm 3 Tropfen. Während ich damit beschäftigt war, sagte er: „Sie messen mir das Gift tropfenweise zu,“ ernannte mich aber au moment zu seinem Leibarzt.Als ich mittags nach Hause kam, fand ich Briefe von den Meinen und von einem Leipziger Studiosus, der um eine Freikarte an den Verwaltungsrat geschrieben hat. Er bittet mich, für ihn zu wirken. Nachdem ich ein wenig geschlafen, ging ich zu Feustel, fand dort seinen Schwiegersohn Groß und hoffe so viel für diesen begeisterten Jüngling getan zu haben, daß er von den noch 7 übrigen Freikarten eine bekommen wird.
7 1/4 Uhr abends ging ich mit meiner Violine in die Turnhalle, ließ Freiübungen machen, welche auf Knie und Fußbeuge berechnet waren, und ließ sie dann in der Borghesischen Fechterstellung nach der rechten und linken Seite in Verbindung mit Vorwärtsschreiten ausfallen und abwechselnd Armbewegungen machen. In Schweiß gebadet, aber im Gange wie ein altes Postpferd, wollte ich zu neuen Übungen schreiten, als der Diener Wagners eintritt und mich ersuchte, noch auf eine halbe Stunde zum Meister zu kommen, er hätte Wichtiges zu besprechen.
Ich fand Wagner mit seiner Frau allein bei der Teemaschine: „Freundchen, es wird ernsthaft, Sie müssen morgen eine Stunde, vielleicht 11½ Uhr, zu mir kommen, da wollen wir uns zusammensetzen und beraten. Ich habe heute wieder einen Einblick genommen in das komplizierte Wesen dieser Rheintöchter-Schwimmerei, jetzt müssen Sie ran! Das muß choregraphisch angeordnet werden ich habe heute den ganzen Nachmittag den Klavierauszug zur Hand gehabt und mir oberflächlich die Zeichen gemacht, bin aber stecken geblieben. Der leitende Maschinist wird von drei Musikdirektoren, Seidl, Fischer und Mottl — an letzteren habe ich sofort telegraphiert — kommandiert. Die Bewegungen von rechts nach links, von oben nach unten, müssen auf die Note einstudiert werden.“
Ich warf dazwischen: „Die drei Musikdirektoren haben ein Pas de trois zu tanzen!“ „Richtig, und das müssen Sie choregraphisch in ihren Klavierauszug zeichnen mit farbigen Stiften. Hier, das ist Ihr Klavier auszug, den behalten Sie, ich werde gelegentlich noch meine Photographie hineingeben und Ihnen ein Gedicht dazu machen.“ Bis 10 1/2 Uhr blieb ich, wir hatten heißen Tee genommen, da erinnert sich Frau Cosima: „Mein Gott, Sie haben gewiß noch nicht zur Nacht gespeist!“ Ich sagte ihr, daß mich mein Abendbrot bei Schierbaum erwarte, verschwieg aber, daß ich in großer Sorge sei, daß mir die anderen von dem Bockbier etwas übrig gelassen hätten. (Unger hatte ein Achtel von einem Freunde aus München bekommen.) Aber nun kamen wir noch auf Kindererziehung und Gouvernanten und deren mangelhafte Erziehung. Ich konnte nicht unterlassen, zu fragen, wer heute morgen so schmerzlich geweint. Frau Cosima sagte, es wäre Evchen gewesen. Das war mein Liebling. „Was hatte sie denn verbrochen?“ frug ich: „Ich fand ihren Schrank in Unordnung, da lag Wäsche auf ihrem Sommerhut und Butterbrod auf neuen seidenen Bändern, ich mußte sie strafen.“ Der Meister erzählte aus seiner Kinderzeit, auch ich erzählte von meinem guten, alten Vater Schnurren, die dazu paßten. Wagner schüttelte sich vor Lachen: „Jetzt geht erst mein Kopfweh weg, Sie sind ein guter Doktor.
Um 11 Uhr kam ich zum Bocktrinken, sie hatten mir richtig gerade noch ein Glas übrig gelassen.
19. Mai. (19. Mai 1876)
Nach der Tanzstunde mit den Kindern sprach ich Wagner meine Befürchtung aus, daß er mir später Vorwürfe machen könnte, weil gar nichts geschieht, was jetzt vorbereitet werden sollte.
Er beruhigte mich: „Sie tun genug! Daß Unger noch immer heiser ist, ist bedauerlich. Professor Döpler, dessen Beistand Sie mit Ihren Erfahrungen sein könnten, ist nebensächlich, die Hauptsache ist mir jetzt Unger und da haben Sie mir schon tüchtig geholfen.
Ihre Turner, meine Frau hat es mir gestern gesagt, haben Sie schon tüchtig vorgehabt.“ Er war lieb und freundlich wie immer, ich hoffe, daß es so bleibt.
Am Nachmittag — es war bitter kalt, Nordwind, kaum 6 Grad Wärme — mit Kapellmeister Riemenschneider, Unger und Fischer durch den Wiesengrund am Eisenbahndamm in einem großen Bogen zur Stadt.
18. Mai. (18. Mai 1876)
10 Uhr dritte Lektion mit den Kindern. Nachmittag unternahm ich mit der Tochter eines Freundes einen Spaziergang nach dem Siegesturm. Ein angenehmer Weg führt an dem Wagner=Theater vorbei, wo auf einem Bergesrücken die Bayreuther ihren gefallenen Söhnen (1870) ein Denkmal gesetzt haben. 101 Stufen führen uns zu einer herrlichen Aussicht. Koburg, 7 Stunden entfernt, kann man mit meinem Glase deutlich sehen, ein herrliches Panorama! Auf dem Rückwege sprach ich im Theater an, der junge Brandt war angekommen.
Runkwitz, der Bauführer, war von Wagner gekränkt worden, er saß in seinem Zimmer, um dem Ver waltungsrat zu kündigen. Ich redete zum guten, machte ihm bemerklich, daß wir mit einem Manne, wie Wagner, anders zu rechten haben, als mit einem gewöhnlichen Menschen — ich hoffe, daß alles gut abläuft. Wir sahen uns die große, nun bald fertige Bierhalle an.
Um 9 Uhr gingen wir zu Schierbaum, wo gute Freunde eine Maibowle brauten. Dabei waren: Unger, Zimmer, Seidl, Fischer, Heumann, Professor Rieß und Riemen schneider. Es war eine heitere Mainacht, und ich ging mit einem Maiaffen um 1½ Uhr zu Bett.
17. Mai. (17. Mai 1876)
10 Uhr zum Unterricht bei Wagner. Zu den Kindern hatten sich noch drei Schülerinnen gesellt, Töchter der Frau von Staff-Reitzenstein. 11 Uhr zu Anton Seidl in das Nibelungen-Bureau, er spielte mir die Musik zu dem 2. Auftritt der Nibelungen, wie sie den Hort herbeibringen (Rheingold). 7 Uhr zum Turnen. Meine Anrede an diese 25 Herren verschiedener Lebensstellung war ungefähr folgende:
„Meine Herren, ich halte es zunächst für nötig, Ihnen einen kleinen Einblick zu geben in die für den Laien verschlossenen Funktionen eines Regisseurs oder Arrangeurs der Scenen, welche in der Oper oder im Schauspiel vor Ihrem Auge vorüberziehen. Je mehr es Ihnen Freude bereitet, bei großen Scenen (Volksscenen) sich alles ganz natürlich abspielen zu sehen, desto größer ist das Verdienst des Regisseurs. Er hat die Funktion, die Scenen zu ordnen, den Darstellern der ersten Rollen ihre Plätze und Auftritte genau anzugeben, den Novizen, Anfängern mit kleinen Rollen, Betonung des Wortes und Satzes zu bezeichnen. Diese sind in die Intentionen des Dichters durch die Leseproben und ihre zu studierenden Rollen ein geweiht. Etwas anderes ist es mit den Choristen und Statisten. Diese müssen auf den Arrangierproben in die Situation der Scene eingeweiht werden. Der Regisseur teilt ihnen die Hauptsache der Handlung mit, sucht ihr Interesse rege zu machen, damit sie sich charakteristisch an der Scene beteiligen, in der sie, als Bild betrachtet, einen wichtigen Teil ausmachen. Nachdem dies geschehen, verteilt der Regisseur die Auf- und Abgänge, die Stellungen und Gruppierungen, und wenn nötig, giebt er ihnen Anleitung, ihre Worte oder ihren Gesang mit Gesten und Armbewegungen zu verbinden. In einem ähnlichen Falle befinde ich mich Ihnen gegenüber. Der Meister hat mich mit dem Auftrage beehrt, Ihnen, die noch nie die heißen Bretter betraten, eine der schwierigsten Scenen seines Werkes einzustudieren.
Wenn ich, da Sie sich freiwillig zur Mitwirkung stellten, annehmen kann, daß Sie das Werk entweder gelesen oder sich mit dem Inhalt vertraut gemacht haben, so halte ich es doch für nötig daß ich ganz speziell Ihnen die Reihenfolge der Scenen in kurzen Worten bis zum Eintritt und Erledigung Ihrer Funktion, wo Sie in die Scenen einzugreifen haben, mitteile, Ihnen das Charakteristische ihrer Erscheinung klar darzulegen versuche. Ich kann nicht jedem Einzelnen lehren und sagen:
„So ist des Einen Bewegung und Geste, so des Andern Stellung und Miene. Sie selbst haben das Charakteristische hineinzulegen. Ich habe nun die Funktion, nachdem ich Sie mit dem In halt der Scenen bekannt gemacht habe, mit Ihnen körperliche Uebungen vorzunehmen, damit es Ihnen gelingt, sich auch gewandt und plastisch bewegen zu lernen.“
Ich nahm nun mein Buch vom Rheingold und führte sie durch die Scenen zur Verständigung der Handlung bis zu ihrem Auftritte, wobei sie, ich fühlte es heraus, mir mit der größten Aufmerksamkeit und mit Interesse folgten. Ich kam auf unser deutsches Turnen zu sprechen, wo jetzt, im Gegensatz zu früher, ein System geschaffen, aber noch viel zu reformieren sei. Darauf fuhr ich fort:
„Ich werde Ihnen zunächst aus der französischen Tanzschule zusammengesetzte, von mir erfundene Freiübungen, welche ich gleich für das vorliegende Werk zurecht machte, zeigen, lediglich um die Glieder zu kräftigen und Ihnen die Herrschaft über Ihren Körper zu geben. Sie können diese Uebungen Tag für Tag in Ihrem Zimmer probieren und Sie werden bald die gute Wirkung spüren.“
Es wurde ein Kreis geschlossen, im Armabstand angetreten, und nun ging die Tanzstunde los. Ich hatte es mit lauter liebenswürdigen Menschen zu tun und hatte ihr großes Interesse durch mein Raisonnement für mich gewonnen. Um 8½ trennten wir uns, ich war in meinem Eifer doch etwas warm geworden.
16. Mai. (16. Mai 1876)
Erste Vormittagsstunde um 10 Uhr mit Wagners Kindern, die sich auf den heutigen Tag wie auf eine Geburtstagsfeier gefreut hatten. Frau Cosima wohnte dem Unterrichte bei und in den Pausen unterhielten wir uns über die Wichtigkeit eines plastischen Unterrichts für die auf der Bühne beschäftigten Künstler: Sänger, Schauspieler, Choristen und Statisten. Auf dem Gebiete der Oper, wie sie Wagner geschaffen und reformiert, sei es geradezu eine Bedingung geworden, die landläufigen, unmotivierten Armbewegungen der Sänger zu verbannen. Die dramatischen Situationen in den Opern Wagners erfordern eine Reform.
Nach der Stunde kam Wagner und erzählte mir von Wien, wo er dem Darsteller des Tannhäuser gezeigt hatte, welche Geberden er zu machen habe, wenn im 1. Akte die Freunde ihn wiedersehen und wie er ihnen entfliehen will. Er konnte mir die Ungeschicklichkeit garnicht gräßlich genug ausmalen und es gab viel zu lachen. Als ich nach Hause kam, fand ich Briefe von Frau und Kindern vor.
Nachmittag holte ich Freund Heumann ab, um unsern armen schwer krank daniederliegenden Hauptmann Baron von Schrenck zu besuchen. Er hat sich im vorigen Jahr beim Ausrücken zum Manöver durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde den Fuß gebrochen. Diensttauglich wird er wohl nicht mehr werden. Er hat noch keine Ahnung davon, gedenkt sich zu den Festspielen hinaus fahren zu lassen, um zu hören und zu schauen, was Wagner nach jahrelangem Kämpfen nun doch fertiggebracht hat. Ich fand ihn heiter scherzend, herzlich erfreut, mich wieder zu sehen. Eine Stunde blieben wir bei ihm.
Um 10½ wanderten wir nach unserm Nibelheim (Angermann), dort fanden wir außer den Bayreuther Freunden noch Heckel, und dann kam (die Freunde hatten ihn von der Bahn geholt) ein Schüler Wagners, Musikdirektor Zimmer aus Karlsruhe. Er war in Cairo und Neapel gewesen, um Heilung zu suchen, hustete furchtbar, die Reise hatte ihn sehr angestrengt. Er erzählte von dem wundervollen Aufenthalt im Süden, Cairo und den Pyramiden. Um 1 Uhr gingen wir nach Hause, es ist einmal nicht anders, der Tag wird bei Angermann beschlossen — und angefangen.
15. Mai (15. Mai 1876)
10 Uhr zu Wagner, Unterhaltung im Familienzimmer. Einladung zu heute abend 8 Uhr. Die Delegierten der Wagner-Vereine werden wie ich schon erwähnte, heute hier empfangen. Um 6½ Uhr holte ich den Meister von Angermann ab. Wir wollen unsere 25 Nibelungen, Hartläufer, wie sie Wagner nennt, kennen lernen. Er hielt eine Ansprache an die Turner. Er nähme ihre Hilfe in Anspruch, damit sie ein Scherflein beitragen möchten zum großen Ganzen, und damit auch bei den vorliegenden Verhältnissen Ersparnisse an den Kosten erzielt würden, welche bei Heranziehung von Balletkräften geradezu unberechenbar wären. Er sagte ihnen Dank für ihre Bereitwilligkeit, der allerdings vorläufig nur darin bestehen könne, daß sie den Vorteil genössen, den Proben und Vorstellungen ungehindert beizuwohnen, wofür viele andre viel geben würden. Hier mein Balletmeister wird Sie vorbereiten und Sie in Alles einweihen.
Da die jungen Leute meistens durch ihre Beschäftigung in ihrer Zeit beschränkt sind, so wurde besprochen, zunächst die Abendstunden zu den Vorübungen zu benutzen. Zu den späteren Proben, wo auch der Vormittag beansprucht würde, wollten sie sich freimachen. Ich bestellte sie mir zur ersten Probe für den 17. d. M. abends 7 Uhr und wir trennten uns.
Ich begleitete Wagner durch den Hofgarten, in welchem König Ludwig ihm einen Eingang in seinen Garten, der daran grenzt, gestattete. Wir besprachen die Garderoben-Einrichtung und er war mit meinen Vorschlägen ein verstanden. Wir kamen auf die Regieführung und ich bemerkte, bei diesem seinem Werke sei, als etwas vor her noch nie Dagewesenem, nötig, der Nachwelt eine schriftliche Scenerie zu überliefern. Ich würde, da es jetzt einen zu großen Zeitaufwand erfordere von 4 solchen Werken bis zum 1. Juli einen Regieauszug zu schaffen, aufmerksam seinen Anordnungen folgen und dann ein Regie- und Sceneriebuch anfertigen, womit er sehr einverstanden war.
Wagner war in übler Stimmung, denn er war heut morgen, obgleich er es verschworen hatte, vor dem 1. Juni das Theater zu sehen, mit den Delegierten nach der Konferenz dort gewesen. Das Gerüst steht noch immer in der Fürstenloge, worin doch ungehindert gearbeitet werden könnte. Es ist noch viel zu tun, aber wenn man fragt, warum nicht daran gearbeitet wird, schiebt es einer auf den andern.
Bevor wir uns trennten, konnte ich es nicht unterlassen, ihn auf die Schwierigkeit der Nornen scene mit dem Seilwerfen aufmerksam zu machen. Ich sagte: „Beim Lesen einer Scene von solchem Ernst und düstern Wesen, sei unsre Phantasie in voller Tätigkeit; sobald aber die Sache unserm Auge vorgeführt wird, wo all die andern Sinne lebendig sind, kann unser geschaffenes Phantasiebild bis zur Lächerlichkeit zusammenschrumpfen und bei dieser Scene, die wir uns, um sie arrangieren zu können, dem Auge und unsern Sinnen vorzuführen haben, ist die Klippe da! Das Seil muß lang, golden und leicht sein und doch auch wieder schwer genug, daß es zugeworfen werden kann, ich fürchte, „Sie daß es die drei Damen nicht lernen werden.“ „Sie müssen es so lange üben, bis sie es können,“ rief er dazwischen. „Und wenn sie es nicht lernen? Diese Scene hat mir den ganzen Winter zu denken gegeben, hören Sie meinen Vorschlag! Wie wäre es, wenn wir das Seil mechanisch, für das Publikum unsichtbar durch Drähte in Bewegung setzen und wenn das nicht geht, schlage ich vor, gar kein Seil zu nehmen, es pantomimisch auszudrücken. Er stutzte — „Nein, nie — pantomisch, – nun wir werden sehen.“
Ich entgegnete ihm, „ja wenn ich lauter Darstellerinnen wie Frau Jachmann Wagner hätte (sie giebt die erste Norne), dann würden wir nicht allein mit dem von mir vorgeschlagenen Dirigieren des Seils, wir würden auch mit dem von Ihrer Phantasie geschaffenen Werfen des Seiles fertig werden.“ Ich war nahe daran, ihn noch auf andre und fast größere Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, Dinge, die unsre Phantasie zu den schönsten Bildern gestalten, welche aber, wie gesagt, in der Wirklichkeit die Scene geradezu in Frage stellen. Die Unmöglichkeit der Verwirklichung tritt an uns heran und der Fluch der Lächerlichkeit zerstört das Gebilde. Aber vorläufig war ich zufrieden, daß ich ihm, dem beweglichen Manne, dies Eine gesagt hatte, auch wurden wir durch seine beiden großen Leonberger Hunde, welche sich an ihn hingen, und von denen einer ihn beinahe durch seine Liebkosungen über den Haufen warf, davon abgelenkt und ich verabschiedete mich von ihm.
Abends 8 Uhr waren bereits bei meinem Eintreten im Musiksaal die Delegierten versammelt, darunter Professor Riedel. Er hatte eine Adresse in schöner Enveloppe mit den Unterschriften der Mitglieder des Vereins überreicht. Es interessierte mich, die Namen zu lesen, ich fand unter ihnen manchen Bekannten. Emil Heckel Mannheim, den ich schon im vorigen Jahr kennen gelernt hatte, begrüßte mich herzlich und teilte mir mit, daß Wagner heute in der Versammlung mein Lob gesungen habe. —
Es wurde Angermannsches Bier, Tee und Eis herumgereicht, man stand in Gruppen bei lebhafter Unterhaltung. Riedel erzählte mir von dem Altenburger Musikfest, das in den letzten Tagen des Mai stattfinden sollte. Er berichtete, wer alles zur Aufführung kommt, daß Liszt zugegen sein würde usw. Nun wurde zu Tisch gerufen, man bediente sich selbst von einer reich besetzten Tafel, wo kalte Speisen und Delikatessen aller Art aufgestellt waren. An dem Tische, wo ich saß, hatten sich Fritzsch, Riedel und Davidsohn niedergelassen. Wagner kam an unsern Tisch und seine Stellung zur Presse, ein sehr interessantes Thema, kam zur Verhandlung.
Wie Wagner zur Presse steht, ist ja bekannt, und wenn man ihn hört, wie erbittert er derselben gegenübersteht, kommt man mit ihm in Wut. Es ist der Presse nicht gelungen, wie sie es nach seiner Meinung wollte, Wagners Wirken und Unternehmen tot zu schweigen; sie, die er ja als eine Macht anerkennt aber nicht genügsam beachtet hat, fängt jetzt an, nach den Erfolgen klein beizugeben. Er erzählt einzelnes und läßt uns einen interessanten Einblick in dieses Tun und Treiben gewähren. Um 11 Uhr erfolgte der Aufbruch.
12. Mai. (12. Mai 1876)
11 Uhr zu Wagner. Mit Unger Scenenprobe Götterdämmerung. Erzählung bis zur Sterbescene Siegfrieds. Die Scenen sind unstreitig das Großartigste, was man sich denken kann. Wagner teilte uns mit, daß er von Amerika ein Telegramm erhalten habe, sein Festmarsch habe einen ungeheuren Erfolg gehabt. Die Zeitungstelegramme sind bereits bekannt. Ebenso sprach er von den Erfolgen seines Tannhäuser in London an der italienischen Oper. —
Briefe und Nachrichten mit Unannehmlichkeiten und Ärger stören, wenn auch nur vorübergehend, seinen Humor und veranlassen die ausgezeichnetsten Sarkasmen. Der Wagen steht vor der Tür; Wagner ist bereits in Toilette, um einen Besuch mit seiner Gattin, bei einem Regierungspräsidenten oder, Gott weiß wem, zu machen, was ihm sehr schwer zu werden scheint. Nachmittag Besuch bei Frau Staatsanwalt Heumann, Spaziergang zum Gottesacker mit Unger, Jean Pauls Grab. Im kgl. Opernhaus spielt gegen wärtig eine Schauspielgesellschaft des Direktor Merlé. Unger besorgte Billete, es wurden zwei Operetten gegeben. Wir Beide hatten mit einer genug und gingen zu Angermann. Ich wollte mir die Zwickauer Eindrücke nicht verderben. Dieser Monat Mai ist ein ganz gewöhnlicher Bursche. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nicht so gefroren. Bis jetzt mußte ich, um schreiben zu können, fast jeden Tag heizen lassen. Der Typhus hat, ganz besonders unter dem Militär schon viele Opfer gefordert. Wie es heißt, ist diese Krankheit jetzt im Abnehmen.
12. Mai. (12. Mai 1876)
Nachdem ich mich eine Stunde mit Unger beschäftigt hatte, ihm Anleitung gab, die Herrschaft über seinen Körper zu bekommen und ein Langes und Breites über meinen systematischen Unterricht gesprochen, ihm die Wichtigkeit desselben plausibel gemacht, gingen wir um 11 Uhr zu Wagner, wo wir alsbald zur Scenenprobe schritten: Götterdämmerung, Scene mit den Rheintöchtern.
Wir wurden nach einer Stunde unterbrochen durch Kapellmeister Frank aus Mannheim, welcher sich verabschieden wollte. Die Unterhaltung drehte sich in der Hauptsache um Mannheim, musikalische Zustände, Rechte der Autoren. Wagner erzählte uns viel Interessantes bezüglich seiner Kämpfe s. Z. in Dresden. Dieses Hoftheater hat unverdrossen (seit seinem Abgang von Dresden 1849) seine Opern Rienzi, Fliegender Holländer und Tannhäuser gegeben, ohne der Rechte, der neuen Rechten des Autors sich annähernd zu erinnern. Wagner war zur Zeit der ersten Aufführungen genannter Opern Kapellmeister in Dresden und deshalb mit 20—40 Friedrichsdor je nachdem bezahlt. Auf eine Anfrage in den letztverflossenen Jahren, währenddessen die Dresdner die Opern ungehindert aufführten, antworteten diese, sie hätten das wohlerworbene Recht dazu. Und dabei blieb es zunächst.
„Vor kurzer Zeit,“ sagte Wagner „regelte Herr v. Hülsen auf die nobelste Weise eine ganz ähnliche Affäre. Den „Fliegenden Holländer“ hatte Hofrat Küstner aufgeführt und ein verschwindend kleines Honorar gezahlt. Seit seinem Abgange ist bekanntlich diese Oper in Berlin vielfach gegeben und man hat nie an eine Tantieme für mich gedacht. In direkt ließ ich durch einen Freund Herrn v. Hülsen darauf aufmerksam machen und dieser ließ sofort die Aufführungen und deren Einnahme durchsehen und zahlte alles nach. Ja er ging noch weiter, auch die andern Hoftheater, welche unter seiner Ägide stehen, haben gezahlt! Gegenüber den Stadttheatern werden meine Rechte durch Agenten (er brauchte einen drastischen Ausdruck zu ihrer Charakterisierung) gewahrt, denen gebe ich 25%, dafür haben sie alle Prozesse zu führen usw.“
Um 1 Uhr gingen wir, ich erinnerte an Frl. Weckerlin. „Kann jeden Augenblick Nachricht haben, ich habe an den Intendanten nach Hannover geschrieben, um zu erfahren, wo sich Frl. Weckerlin aufhält, ob in Hannover oder wo? Im ersteren Falle soll er sie fragen, ob sie gewillt ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen.“
Brief von Niering (dem Hunding-Darsteller aus Darmstadt, der seine Braut, eine Tänzerin, mit bringen will, um sie bei den Vorstellungen in Bay reuth (umsonst) beschäftigt zu sehen. Ich schrieb ihm, daß das Personal für Comparserie komplett sei. Abends 7 Uhr folgte ich einer Einladung in die Familie meines Freundes, des Buchhändlers Carl Gieszel, welchen ich nach 30 Jahren hier wiederfand. Seine Gattin, aus Coburg stammend, eine vortreffliche Mutter ihrer Kinder, nahm mich in der liebenswürdigsten Weise auf. Ich verlebte schon im vorigen Jahr auf der Villa Gießel, in der Nähe des Wagner-Theaters, schöne Stunden.
Heute war eine große Anzahl von Freunden und Verwandten geladen, um gut zu essen und Musik zu treiben. Unter den Gästen befand sich auch Bankier Feustel. Er ist eine liebenswürdige Erscheinung und humoristischer Gesellschafter, Schatzmeister des Deutschen Wagner-Vereins, Freund Wagners und ein bedeutender Faktor in den Geldangelegenheiten des Wagner-Unternehmens. Er erzählte, daß ihm, nachdem er der Aufführung von Tristan und Isolde in Berlin beigewohnt hatte, bei den Auszeichnungen, welche dort Wagner zu teil geworden, das Herz aufgegangen sei und er wieder Mut gefaßt hätte, jetzt allen Stürmen zu trotzen, welche in der letzten Zeit gegen das Unternehmen getobt haben. „Eine rührende Episode“, erzählte Feustel u. a., „erlebte ich bei Wagner. Er sagte mir, daß in wenigen Augenblicken sein ältester Freund mit Namen Schröder (der Verfasser des „Haasen und Swinegel“ erscheinen würde. Derselbe trat ein, eine lange hagere Gestalt, sprach kein Wort, sah sich Wagner lange an. Und nun geht’s an die alten Erinnerungen, die Studentenzeit, wie er Wagner als seinen Leibfuchs, an dem sich die andern Landsmannschaften, weil Wagner eine kleine unscheinbare Figur hatte, fortwährend rieben, stets geschützt habe und für ihn eingetreten sei!“ Die ganze Beschreibung dieses Schröder, der jetzt wohl, wie ich entnehmen konnte, als Literat in Berlin lebt, war sehr interessant.
Den 11. Mai. (11. Mai 1876)
Um 11 Uhr zu Wagner, er war sehr unwohl und schickte uns nach Hause. Spaziergang mit Unger nach der Nibelungen-Kanzlei, im Hofgarten Militär-Musik. Ich begrüßte Frau Cosima noch vormittags, sie bat mich den Tanzunterricht wieder aufzunehmen, wie im vorigen Jahr, doch entgegnete ich ihr, daß ich wohl kaum Zeit finden würde, da mich der Meister sehr in Anspruch nähme, und vertröstete sie auf ruhigere Tage.
Nach mittags trat Wagner in mein Zimmer, er war gekommen, um Dr. Pringsheim adieu zu sagen, und hatte das Zimmer verfehlt. Er hatte mit seinen beiden großen Leonberger Hunden einen Spaziergang gemacht, um sich das Kopfweh und die nervösen Aufregungen zu verlaufen. Er sah sehr angegriffen aus, und seine Hand war feucht und kalt. Es schien ihm viel Spaß zu machen, mich in meiner Hauskleidung zu sehen. Seit Jahren benutze ich im Sommer meinen Reiseplaid als Schlafrock, welcher einfach umgehängt, am Hals mit einigen Nadeln festgesteckt und um die Hüften mit einem Lederriemen festgehalten wird. Diese Art Mantel ist sehr praktisch und Wagner besah mich von allen Seiten, wie ein Kind tut, wenn es etwas Seltsames und Neues erblickt. „Sie sind doch in allen Sachen ein Tausendsappermenter!“ führte ihn nun in meinem Kostüm zum Nachbar Pringsheim, der mit dem Einpacken zur Reise beschäftigt war.
Beim Fortgehen, nahm ich Gelegenheit, ihm von dem Wunsche Frau Cosimas betreffs des Tanzunterrichts Mitteilung zu machen. „Ach ach, ach, wir bekommen ruhigere Tage, da können Sie meiner Frau schon den Gefallen thun.“ „Denn man zu“, sagte ich, und unter freundlichem Lachen ging er die Treppe hinab. Jung Siegfried – Unger holte mich zum Spaziergang ab, ich brachte meine Briefe zur Bahn und wir besuchten das Wagner Theater.
Bauführer Runkwitz, ein junger Altenburger, führte uns und zeigte uns die Garderoben und Requisiten-Magazine. Herren- und Damengarderoben sind in überreicher Anzahl vorhanden. Sowie Professor Döpler kommt, soll es an die Einteilung und Einrichtung dieser Räume gehen. Die Decke und der Plafond wird sehr schön, die Stuck arbeiten sind von papier maché, eine noch nicht alte Erfindung. Arabesken, Friese, Verzierungen alles federleicht, die prachtvolle Malerei in matten Farben wird wie Tapete aufgeklebt. Die Gasbeleuchtungsapparate sind im Gegensatz zu Dessau riesenhaft. Aber was noch alles zum 1. Juni im Theater fertig werden muß, ist auch riesenhaft. Außerhalb arbeitet man an den Gartenanlagen man hat aus diesem wüsten Berg das Möglichste geschaffen.
Links vom Theater steht eine Bierhalle, welche am Geburtstag Wagners, am 22. Mai, eingeweiht werden soll. Rechts ein Etablissement, wo 1000 Personen speisen können, soll nächstens in Angriff genommen werden. Der Mittwoch-Abend schloß, wie wahrscheinlich alle noch zu verlebenden Abende, in heiterer Unterhaltung und guter Gesellschaft bei Angermann.
Mittwoch, den 10. Mai. (10. Mai 1876)
Um 11 Uhr zu Wagner. Ich traf ihn beim Ordnen der Statuetten und Büsten in der Vorhalle und war noch eine Viertelstunde mit ihm allein. Er klagte mir seine Not über all die Unannehmlichkeiten, mit welchen er zu kämpfen habe und wie sie ihn drücken. Fast sämtliche Intendanten, Direktoren machen ihm die größten Schwierigkeiten und zögern die ver- und besprochenen Urlaube zu bewilligen. Vergessen habe ich von gestern zu erzählen, daß ich Wagner die mir aufgetragenen Grüße unseres Herrn v. Normann brachte und ihm zu verstehen gab, daß er gern nach Bayreuth kommen würde, wenn — hier brauste er auf: „wenn ich ihn einlade!“ Ich stutzte, erhob mich. Wagner: „Seien Sie mir nicht böse und verstehn Sie mich nicht falsch.“ Ich sagte: „Hier kann von böse keine Rede sein, ich habe mich bezüglich Normanns wohl nicht ganz deutlich ausgedrückt. Herr v. Normann gehört zu denen, welche aus ängstlicher Bescheidenheit nicht wagen, direkt sich mit der Bitte an Sie zu wenden, er fühlt genau heraus, welche Verlangen an Sie ergehen und will Sie nicht belästigen.“
Wagner eilte sofort an seinen Schreibtisch, um sich eine Notiz zu machen. Heute morgen kam er nun wieder darauf zu sprechen und bat mich genau so wieder um Verzeihung, und ich sollte nur nicht böse sein. Ich nahm nun Gelegenheit, mit den wirklichen Wünschen des Herrn v. Normann herauszurücken, nämlich einer Anzahl Proben beizuwohnen. Unger und die Musiker traten ein, es ging an die Zurechtmachung Ungers. Mit einer schweren Scene aus der Götterdämmerung, wo Siegfried dem vermählten Gunther mit Brunhilden vorausgeeilt, um Hagen und Gutrune die Vereinigung Beider mitzuteilen, wurde angefangen.
Wagner hatte Unger mit seinen in der Tat herzlich schlecht vorgemachten Gesten und Handbewegungen ganz mißmutig gemacht. Ich war alsbald genötigt ein Machtwort einzulegen. „Meister, wir haben uns vor nichts sagender Passivität und unbegründeter Hand- und Armbewegung zu hüten, aber viel schlimmer ist es, wenn wir zu viel thun.“ Es war geradezu komisch und originell, wie Wagner bei seiner Lebendigkeit, seinem fortwährenden Agieren mit den Händen jedes Wort betont und ausgedrückt haben wollte. Ich bekomme allmählich Oberwasser, hatte die Scene richtig erfaßt und änderte ziemlich alles, sagte ihm, daß, wenn erst die Mitwirkenden in der Scene stehen, die Sache nicht allzu schwer sei.
Der Schwerpunkt beruhe zunächst auf der Unbeholfenheit des linken Armes bei Unger. Er ist gar nicht so ungelenk und ein vernünftiger Kerl, mit dem sich ein Wort reden läßt, der vor allem weiß, daß er noch viel zu lernen hat. Es ist schwer mit Wagner zu arbeiten, weil er nicht lange still hält. Er springt von einem zum andern, ist nicht lange festzuhalten bei einer Sache, welche alsbald ihre Erledigung finden könnte. Er will sein eigner Regisseur sein aber für diese Kleinarbeit fehlt ihm so zu sagen alles, da sein stets auf das große Ganze gerichteter Sinn ihn die Einzelheiten wieder aus den Augen verlieren läßt und er morgen vergessen haben wird, was er heute arrangierte und angeordnet hat. Was dann? Dabei kann ich nicht behilflich sein, denn kochen zwei Köche, wird das Gericht nicht zu verdauen sein, ich hoffe, daß auch hier der richtige Weg gefunden wird.
Wenn Ihr bedenkt, daß außerdem eine Elite von dramatischen Sängern, wie Niemann, Betz, Hill usw. sich vereinigt, so wird meine Stelle als Hilfsregisseur mir sehr prekär diesen Männern gegenüber. Das sind die Gedanken, die mich beschleichen und mir Sorge machen. Doch fort damit, ich will dem gütigen Geschick vertrauen und mich nicht feige finden lassen, Gott gebe mir Kraft. —
Heute abend Konferenz bei Wagner. Frau Cosima ist noch immer an einer Zahngeschwulst leidend. Ich schlug Wagner vor, Figurantinnen für die Rheintöchter zu verwenden. Wagner ging nicht darauf ein, er meinte, Brandt habe die Schwimmapparate so eingerichtet, daß die Schwestern Lehmann und Frl. Lammert, welche ihm außerdem versprochen hätten, selbst zu schwimmen, keine Angst zu haben brauchten und in der neuen Einrichtung nicht am Singen verhindert sein würden. Brandt kommt am 15., Schlosser, der Darsteller der Mime, morgen. —
Die Besetzung des Rheingold ist folgende: Wotan — Betz, Donner — Elmblad (ein Schwede), Froh — Unger, Loge — Vogl, Fasolt — Eilers, Fafner — v. Reichenberg, Alberich — Hill, Mime — Schlosser, Fricka — v. Sadler Grün, Freya — Haupt, Erda — Jaide, Woglinde – Lilli Lehmann, Wellgunde — Marie Lehmann, Floßhilde — Lammert. —
Die heutige Konferenz 8—10 1/2 Uhr), in welcher außer den Musikern Herr Dr. Pringsheim und Kapellmeister Riemenschneider Lübeck, den ich schon im vorigen Jahr kennen lernte, — Unger war ohne Grund fern geblieben (etwas launenhafte Natur) — war für mich höchst interessant. Ich muß mir die größte Mühe geben, wenn ich einer genauen Darlegung gerecht werden will. Wagner spricht leise, undeutlich, gestikuliert viel mit den Händen und Armen; die letzten Worte eines Satzes geben annähernd zu verstehen, was er will und man muß höllisch aufpassen; ich denke, daß ich mich bald daran gewöhnen werde. Die Sprechart Wagners ist, um einen Vergleich zu ziehen und um die Eigentümlichkeit desselben annähernd deutlich zu machen, ungefähr die eines Menschen, der sitzend ein leises Selbstgespräch hält und die letzten Worte des Satzes, wie schon gesagt, mit dem Ausatmen herausstößt.
Die Unterhaltung begann zunächst mit Riemenschneider, welcher seit einigen Jahren als Kapellmeister in Lübeck fungiert. Er scheint ein wohlhabender Mann zu sein, kaum 30 Jahre alt, leidet an Fettsucht, ein jugendlicher Falstaff, wie ihn auch Wagner nennt. Er ist enragierter Wagnerianer, gehört zu den 12 Personen, welche 1873 die Gedenktafel an Wagners Geburtshaus in Leipzig stifteten. Er ist es auch, der in seinem Wirkungskreis, Magdeburg, Lübeck usw. Wagners Werke mit großem Erfolge einführte und kultivierte; er ist von Wagner gern gesehen. Die Unterhaltung drehte sich um und über die Musikzustände in Lübeck.
Daran anknüpfend, erinnert sich Wagner an sein eigenes Wirken in den dreißiger Jahren in Magdeburg, wo er mit dilettantischen Kräften durch Mut und Beharrlichkeit die großen Werke unserer Meister aufgeführt und damit, natürlich nicht ohne die unendlichsten Mühen, ganz gutes erzielt hatte. Nun kam er auf Dessau zu sprechen, er erzählte, wie er als Schüler eine Reise über Zerbst nach Magdeburg gemacht und wie ihm Dessau entsetzlich erschienen war, schlechtes Pflaster. Bis auf die Haut durchnäßt, hätte er sich in einem Gasthaus minderwertigster Art nackend ausziehen müssen. Dagegen Zerbst sei ihm aufgefallen und wie ein kleines Nürnberg erschienen. — Es sei ganz eigentümlich gewesen, wie eine Stadt, welche durch den ersten Eindruck ihm widerwärtig geworden, bei einem zweiten Besuch im Sommer zu der Aufführung eines Oratoriums von Schneider ihm nun als eine kleine sonnige Residenz erschien. Er schilderte die Eindrücke als die angenehmsten: Schloßgarten, Orangeriehaus, in dem die Aufführung stattfand Schloß usw.
Endlich sein drittes Hinkommen, wo er von Bremen aus auf seiner Rundreise in Dessau angefragt hatte, ob und wann er wohl einer Opernaufführung beiwohnen könne; wie ihm geschrieben wurde, daß der Tenorist krank und man ihm den Gluckschen Orpheus angeboten habe. Bei seiner Ankunft hatte er ganz denselben Eindruck wie das erste Mal, die schöne, kleine, sonnige Residenz erschien ihm düster und unfreundlich, schlechtes Pflaster. Überrascht sei er gewesen von unserem Theater. Das Vorspiel zu den Meistersingern habe begonnen. Nachdem sei der Vorhang aufgerauscht und vor ihm hätte ein lebendes Bild (Schlußscene Meistersinger gestanden, so daß er sich mit tränenden Augen seiner Frau zugewandt und gefragt habe: „Wo sind wir?“ Was er dann von der Aufführung des Orpheus gesagt, ist bekannt.
Er fügte hinzu, er sei von einem Erstaunen in das andere gefallen, die Arrangements wären so über Alles sinnig und schön gewesen, er hätte den Intendanten dann gefragt: „Wer ist hier Regisseur und Arrangeur?“ Dieser hätte geantwortet: „Das macht mir Alles mein kleiner Ballettmeister. Hier unterbrach ich ihn —: „Meister, ich sagte Ihnen schon im vergangenen Jahr, daß die Seele des Ganzen Diedicke gewesen ist. Dieser hat seit seiner Jugendzeit, solange er Musik treibt, sich mit dem Gedanken getragen, den Orpheus in Dessau aufzuführen. Normann ist ihm freundlich entgegengekommen und hat ihm Dekorationen malen lassen. Als wir mit dem Einstudieren anfingen, hatte Diedicke das ganze Arrangement und die Regie längst fertig. Mich erwählte er dazu, sein Hilfsregisseur zu sein. Meine Arrangements, welche in das Balletressort schlugen, führte ich ihm erst vor, um sein Gutachten zu hören, er, ich muß es Ihnen immer wiederholen, war die Seele des Ganzen.“
Wagner: „Ja doch, ja doch! allen Respekt vor Diedicke, aber Sie sollen mir nicht weismachen, daß Sie ihm die Tempi nicht angegeben haben. Diejenigen, die oben stehen, die Mitwirkenden, haben jedem Capellmeister die Tempis zu geben, vorausgesetzt, daß es geniale Künstler sind. Daß Diedicke in der kleinen Ansprache des Textbuches Polemik treibt, hat mir übrigens nicht gefallen!“ „Meister,“ sagte ich, „die kann ich unmöglich darin finden, sie sollte für den größeren Teil des Publikums belehrend sein, das Interesse für die Aufführung rege machen.“ Darauf ging Wagner zu den Sängern über und sagte: „Welch angenehmen Eindruck hat mir die Euridike der Frl. Pauli gemacht, hier hätte eine Künstlerin mit großem dramatischem Talent gestanden, da sei Alles plastisch aus einem Gusse gewesen. Er habe auch in Folge dessen Unterhandlungen mit ihr gepflogen, die sich aber zerschlagen, weil sie schon anderweitig über ihre Zeit verfügte.“ „Es wäre mir sehr lieb, wenn ich sie jetzt noch zur Gutrun bekommen könnte,“ sagte Wagner.
„Frl. Weckerlin hat mir, obgleich ich ihr geschrieben, den Probeplan schon im November geschickt neuerdings nach Breslau und Hannover telegraphiert, noch nicht geantwortet es ist zum verzweifeln!“ „Ich will sofort an Frl. Pauli schreiben,“ sagte ich, „vielleicht bestimme ich sie, daß sie kommt, eine bessere Gutrun können Sie nicht finden.“
„Ach das wäre mir sehr lieb, aber vor Allem müssen wir mit der Weckerlin ins Klare kommen, warten wir bis übermorgen, unterdessen haben wir Zeit, eine definitive Anfrage an die Weckerlin zu stellen und eine ebensolche Antwort zu erhalten. Nun gut, also übermorgen! Nun laßt uns ein bischen Musik machen, Rubinstein, spielen Sie uns meine Lieblings Sonate von Beethoven, Op. 54, Menuettempo.“
Wagner korrigierte sofort das Tempo: „Fragen Sie unsern Balletmeister, wie es genommen wird.“ Ich gab es an. „So ist es richtig!“ Und nun bewegte er sich nach den Rhythmen in gravitätischen Schritten durch das Zimmer in der komischesten Art, gestikulierend, taktschlagend mit Beinen und Armen, er sprach dann viel über Beethoven und übe die Art, wie die Musikstücke entstanden usw. So wurde es ½ 11 Uhr und ich mahnte zum Aufbruch. Wagner raucht nur im Wirtshaus. Wird der Garten erst geöffnet sein, dann geht auch da das Rauchen an. Die Sehnsucht nach dem Glimmstengel hatte bei mir den höchsten Grad erreicht. Wir sagten uns herzlich wie immer Gute Nacht, und es ging zu Angermann, wo schon die Freunde Gießel, Heumann und Schuchardt uns erwarteten.
Heute, den 9. (9. Mai 1876)
will ich das Theater besuchen und dann morgen Euch Bericht erstatten. Gehört habe ich schon von einem Bauführer Runkwitz, daß es im Auditorium noch schlimm aussieht, und daß die Nächte zu Hilfe genommen werden, um am 1. Juni nicht störend für die Proben zu sein. Wagner äußerte unter anderm: „ich gehe nicht mehr hinaus, wenn ich hinauskomme, muß ich mich ärgern.
Abends um 8 Uhr stellten wir uns bei Wagner ein, Unger, die genannten Musiker, Josef Rubinstein, ein Herr Pringsheim aus Berlin und Fräulein Scheffski aus München. Der Empfang war ein herzlicher. Wagner reichte mir beide Hände entgegen und schien nicht Worte zu finden für das was er mir nun alles aufpacken wollte. Wiederholung der Briefstellen: „Sie müssen mir Alles sein, Sie müssen mir helfen, und Sie sind der Tausendsappermenter, der das auch Alles kann.“ Die Sängerin nahm zunächst sein ganzes Interesse ein.
Frau Vogl, welche die Sieglinde bereits studiert hatte, ist verhindert und für sie springt Fräulein Scheffski ein. Es ist sehr schwer, Wagner, wenn er spricht, zu folgen, zu verstehen und es bedarf wieder einiger Tage meinerseits, mich hinein zu finden. Er spricht ungefähr so, wie einer, der für sich und mit sich spricht. Dann braust er wieder derartig heraus, daß man sich den Zusammenhang nur annähernd zusammenreimen kann. Er lacht auf, ist gereizt, um schnell wieder mit Sarkasmus, das, was ihn ärgert, lachend zu geißeln. Die kleinen Kämpfe und Intrigen des Münchner Hoftheaters, mit welchen die jungen Sängerinnen zu kämpfen haben und infolgedessen ihren Urlaub bezweifeln, kann und will ich nicht weiter beschreiben. Wagner, welcher diese Verhältnisse Münchens genau kennt, geißelte sie mit scharfer Zunge. Fräulein Scheffski sang auswendig, von Professor Hey in München zurecht gemacht, prachtvoll, so daß Wagner außer sich geriet; mit Unger sang sie vom Blatt das Duett Siegfrieds mit Brunhilde.
Was aus Unger geworden, ist geradezu erstaunlich, ein Sänger, der 6000 Taler jetzt wert ist. Frau Cosima lag krank und wir gingen um 10½ Uhr zu Angermann, ein Bierhaus, das schon im vorigen Jahr, seines guten Bieres wegen, von allen Nibelungen stark besucht wurde. Hier fand ich meinen Freund, den Staatsanwalt Heumann, von dem Ihr aus seinen Briefen wißt, welch eine Perle von einem Menschen er ist.
9. Mai. (9. Mai 1876)
Das vergangene Jahr 1875 war für mich ein von den interessantesten Erlebnissen und Eindrücken so reiches, daß ich mir oft sagte und immer wiederholte: „es ist schade, du hättest doch von den Tagen und Stunden, die dir dort zu teil wurden, genau Bericht erstatten sollen, mit andern Worten ein Tagebuch führen“.
Ich konnte wohl den Freunden erzählen, meiner Frau und Tochter Luise in Briefen einzelnes mitteilen, ja selbst, da ich seit 1840 eine Art Tagebuch, jedoch ohne Raisonnement, führe, seelischen Eindrücken Worte verleihen. So habe ich eine Art Anhaltpunkt, um nach Jahren daraus das Vergessene aufzufrischen. Aber meine Kinder und Freunde erfahren aus diesem Journal kaum mehr, als daß ich in Bayreuth bei Richard Wagner war, mit ihm tagelang verkehrte, aber niemals das spezielle meines höchst interessanten Zusammenseins mit dieser in der Tat großartigen Erscheinung eines Menschen, der unter den Musikern, wie Louis Ehlert-Berlin sagt, ein von der Parteien Haß und Gunst hinreichend entstelltes Unikum ist.
Und so entschloß ich mich diesmal, wo es nun Ernst wird mit den Aufführungen in Bayreuth, wo mich Richard Wagner mit seinem Vertrauen beehrt und Ansprüche macht an mein kleines Talent, wo ich täglich fast vier Monate mit ihm verkehren werde, ein Tagebuch zu führen, in welchem ich versuchen will, getreulich alles niederzuschreiben, was ich erleben werde. Ich will versuchen, jedes mit Wagner gesprochene Wort festzuhalten und wieder zugeben. Das Schwere der Arbeit liegt am Tage, er wird mich nach seinen Briefen und nach der gestrigen ersten Unterredung stark beschäftigen und zwar so, daß mir manchmal, ich fühle das schon jetzt heraus, die Lust vergehen wird, noch in der Nacht Notizen zu machen, und daß mir die Muße fehlen wird, mit vollgestopften Aufgaben im Kopf, den Eindrücken Worte zu geben, sie zu schildern usw. Aber ich will’s mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft versuchen und Ihr müßt vorlieb nehmen mit dem, was ich hier niederschreibe.
Ich gehe schnell über die Reiseeindrücke hinweg, kann aber nicht verschweigen, weil es zur Sache gehört, einiges ganz speziell zu berühren. Aus meinem Briefwechsel mit Wagner, der wie Ihr wißt, von hohem Interesse ist, erfahrt Ihr, was derselbe bei der Aufführung seines großen Werkes in Bayreuth von mir verlangt. Dieser Briefwechsel versetzte mich aus meiner alltäglichen Beschäftigung in meinem Alter, in eine Stimmung die ganz außerordentlich, kaum zu beschreiben!
Wirst Du den Ansprüchen und Anforderungen dieses Mannes genügen können? Mir schwindelt vor diesem Vertrauen. Er schrieb mir: „Sehen Sie! Ich habe keinen Regisseur, keinen Ober- und Unter-Inspektor, keinen — Gott weiß was. Sie müssen mir Alles sein!“ usw.
Den Abschied von Euch Ihr Lieben auf vier Monate machtet Ihr mir schwer genug, mein Humor brachte uns aber darüber hinweg. Ich eilte fort, kehrte getrieben von Sorge bei einem alten Freunde ein, er war nicht im Hause, und das Herz übervoll, wandte ich mich an die Schwestern mit der Bitte, sie sollten ihm sagen, daß, sollte mir etwas Menschliches passieren, er sich meiner Familie annehmen möge.
Freitag den 5. erfolgte die Abreise nach Zwickau, wo Freund Diedicke mit der Dessauer Oper verweilte. Ich blieb bis Montag den 8. und trennte mich schwer, es waren schöne Stunden, die ich dort verlebte. Nicht versagen konnte ich mir, die herrliche Kirche (Marien) zu besuchen, mit ihren wahrhaft großartigen Kunstwerken eines Wohlgemuth, L. Cranach und Veit Stoß. Montag (den 8. Mai) reiste ich mit Schnellzug nach Bayreuth und war 1½ Uhr mittags dort.
Das erste, was der Reisende erblickt, ehe sich von Bayreuth etwas entdecken läßt, ist auf dem Berge das Wagner-Theater. Das Herz klopfte mir hörbar, und ich wünschte im stillen: „ich wollte, alles wäre vorüber und der König gekrönt“. Einkehr im Reichsadler, wo ich durch den freundlichen Wirt erfuhr, daß Freund Gießel bereits nach mir gefragt und diesem Auftrag gegeben habe, mich 14 Tage zu beherbergen, bis ich bei ihm ein ziehen könne. Dann zu Gießel — freundlicher Empfang. Ich sandte Richard Wagner durch einen Dienstmann meine Karte und wurde zu 8 Uhr abends bestellt. Die Nibelungen, die jungen Musikdirektoren, Seidl aus Pest, Fischer aus München (Schüler von Wagner), den Siegfried (Unger) fand ich bei Schierbaum, ein Weinhaus, wo ich schon im vorigen Jahr die Bekanntschaft herrlicher Menschen machte und viele interessante Stunden verlebte. Als ich hier mein Schorle Morle wieder vor mir stehen hatte, waren die 8 Monate meiner Abwesenheit zu 8 Tagen zusammengeschrumpft.
Hier erfuhr ich nun, daß der Meister mich schon am 5. erwartet habe, erfuhr spezielles über das Gebahren des Herrn Jauner, Direktors der großen Oper in Wien, der im vergangenen Jahr einige Tage hier war und, wie es mir schien, im besten Einvernehmen mit Wagner stand. Derselbe hatte ruhig den Urlaub von Fr. Materna, Scaria, Hans Richter und 2 Choristen 1875 gestattet. Für dieses Jahr waren noch 9 Choristen gewünscht und gewährt, und er bewilligte vor Toresschluß auch wohl den Urlaub, jedoch ohne Gehalt und nur unter der Bedingung, daß, wenn Wagner obige Mitglieder haben wolle, er ihm dagegen die Walküre zur Aufführung in Wien ohne Honorar überlassen müsse. Warum Scaria nicht kommt, werde ich erfahren und berichten, es ist haarsträubend, welchen Keulenschlägen von Unannehmlichkeiten, Nebensächlichem und Ärger Wagner ausgesetzt ist. Kränkungen aller Art, ab gerechnet die Sorgen!! Bewunderungswürdig, wie er es erträgt, wie er kämpft! ewig jung, schlagfertig, dabei fortwährend im Briefwechsel, das Kleinste nicht aus den Augen verlierend, unbegreiflich, daß er bei alledem noch komponiert, daß er überhaupt nicht zusammenbricht.
