Juni 1876
28. Juni. (28. Juni 1876)
Gibt uns Levy Dirigierlectionen. Auftakt, Alla breve, etc. Wagner lobt Kater Murr! „Ich bin mit Bismark der einzig lebende Deutsche, der was wert ist!“ Er lob die Begabung der Franzosen. Wilhelmy gab in diesen Tagen dem Orchester ein Fest auf der Restauration. Nachmittags bei grosser Hitze. Er hatte von Wiesbaden prächtigen Wein dafür kommen lassen und es ging so hoch her, dass gegen Abend verschiedene Musiker in Wagen, wie Verwundete nach einer Schlacht, herabgeführt werden mussten. Den Trompeter Kühnert fand man am nächsten Vormittag im Walde oberhalb der Bürgerreuth, wo er seinen Rausch verschlief! –
Bei einer Siegfrid Probe III ermunterte er den Sänger Unger, das Küssen der Brünhilde nicht zu markieren, sondern herzhaft zuzugreifen! Ich habe den Meister nicht nur tief verehrt, sondern heiss geliebt. Hätte er es gewollt, ich wäre in’s Feuer für ihn gesprungen! – Er klagt über seine schlechten Zähne. – Er nennt Brandt, nachdem ihm dieser die Feuerbergverwandlung Siegfrid III vorgeführt hat, fortan seinen „Feuermeister“.
20. (20. Juni 1876)
Nachtfahrt nach der Phantasie. Sehr übermütig. Als ich bei einer Orchesterprobe der „Walküre“ bei der Stelle: „Gefallner Helden hehre Schar umfängt Dich dort“ die hellen Tränen in den Augen habe, bemerkt dies Wagner, kommt auf mich zu, gibt mir scherzhaft einen Stoss vor die Brust und sagt: „Was sind das für Sentimentalitäten! Wir, hier auf der Bühne, wissen, dass das Alles eine Täuschung ist! Die da draussen, (das Publikum!) sollen dupiert werden, wir aber bleiben ganz kalt!“ !!!
Proben auf der Bühne! – Wilhelmj spielt die Chaconne von Bach prachtvoll. Wagner sagt über eine Nachlässigkeit Seidl’s: Wenn ich Andern etwas von meinem Wesen geben könnte, wäre ich wahrscheinlich gesünder und die Anderen wären etwas mehr wert! Dafür sind wir Männer und keine Frauenzimmer!“ Er erzählt von Reisinger, Esser, Richard Levy (Hornist, Freischütz-Ouverture) Röckel, Schnorr und Anderen. „Wenn ich beim Componieren etwas brauche, ist es immer da!“
Die beiden Brassius. Der Bruder lässt seinen Bruder, der keinen Hausschlüssel hat, und, etwas angeheitert, auf den Türstufen vor dem Hause wartet, ruhig sitzen, schliesst das Haus leise auf und legt sich schlafen!
Mit Wagners Abends oft auf der Restauration, wo er seinen Grog trinkt. Verdruss mit Levy, wegen der abgeänderten Stelle der „Eroica. Levy weint und benimmt sich kindisch. Wagner sagt: „Mir hat jemand eine vortreffliche Zigarre angeboten. Sie beisst, stinkt und brennt nicht“. Er schwärmt von der Zauberflöten-Ouverture welche so recht den Märchenton trifft.
18. (18. Juni 1876)
Frau Jaide hochbegabte Künstlerin. Phantasie mit Levy, Lehmann. Lammert. Freundschaft mit Brandt sen. u. jun. Lustige Abende in der „Sonne“.
17. (17. Juni 1876)
Spaziergang mit Minna zur Rollwenzelei. Kapellmeister Eckert mit Frau.
16. Juni. (16. Juni 1876)
Mit Wilhelmj und Döpler gute Kameradschaft. Der Meister kennt seine Dichtungen nicht und lässt sich von uns jungen Leuten immer soufflieren. Nebenbei auch Minna Lammert angeschwärmt!
15. Juni. (15. Juni 1876)
Probe mit Schefzky (Sieglinde) Nach der Phantasie mit Betz, Niemann, Lammert, Richter und Mannstädt. Beim Nachhausegehen eine gespenstische Katze! – Wagner krank. Ich mache Marie Lehmann stark die Cour und benehme mich gegen Elise Wiedermann sehr schlecht, indem ich ihr einfach nicht mehr schreibe und gar nichts von mir hören lasse, nachdem ich in Wien zärtlichsten Abschied unter tausend Beteuerungen genommen hatte. Die Arme soll sich über mein unverantwortliches Benehmen so gekränkt haben, dass sie darüber krank wurde, bei welcher Nachricht ich ganz teilnahmslos geblieben bin.
14. Juni. (14. Juni 1876)
Bei Materna, mit Niemann Tristan gespielt. Er ist sehr nett und begeistert. Sagt: „Die Anderen sind Klavierhengste, Du bist aber eine blanke Seele.”
13. Juni. (13. Juni 1876)
Fürstin reist ab. Mit Richter und Niemann im Weinhaus. Kühnert bläst dazu Trompete. Professor Döpler.
12. Juni. (12. Juni 1876)
Niemann Siegmund Probe, grossartig. Seine Gewissenhaftigkeit. Mit Vater, Fritz und Fürstin Jean Paul Haus, Altes Theater, Stadt.
11. Juni. (11. Juni 1876)
Fürstin da. Frühstück mit Vater. [1]
[1] Peter Mottl, der Vater von Felix, war Kammerdiener und Haushofmeister des Fürsten Palm. Die „Fürstin“ ist vermutlich Leopoldine von Palm-Gundelfingen.
10. Juni. (10. Juni 1876)
Fritzl kommt an. In die Probe mit ihm.
9. Juni. (9. Juni 1876)
Diner bei Wagner. Spargelsuppe. Fisch. Roastbeef. Hühner. Cream mit Bisquit. Desert. Malaga. Rot-Weiss-Wein. Rheinwein. Champagner. Wagner sehr lieb. Er sagt, dass das Slaventum die grösste Zukunft habe und die Kultur übernehmen werde, wenn das Germanische abgestorben sein wird. „Ein Kosmopolit“ oder ein „Internationaler“ ist für mich gleichbedeutend mit „Lump“!
8. Juni. (8. Juni 1876)
Meister macht uns einen furchtbaren Scandal wegen der Haschisch Dummheiten. Grosses Weinfest Wilhelmys oben! Furchtbare Räusche der Musikanten.
7. (7. Juni 1876)
Haschisch. Soiree in der Nibelungen Kanzlei. Mir tut es gar nichts. Aber Seidl und Zimmer sind ganz krank.
5. Juni. (5. Juni 1876)
Proben mit Betz, Vogl, Eill.
4. Juni.
Proben mit Frau Grün (Fricka.) – Wagnerprobe mit Rheintöchtern. – Richter sagte im Scherz zu mir, ob ich nicht dirigieren wolle. Mir steht das Herz stille, bei der Wonne eines solchen Gedankens! Mit Runkwitz Brüderschaft getrunken …
3. Juni. (3. Juni 1876)
Fortgesetzte Proben. Wagner’s fröhliche Stimmung. Er meint es wäre gar nicht übel, wenn ein paar handfeste Burschen den Herrn Hanslick hier in Bayreuth tüchtig durchprügeln wollten.
2. Juni. (2. Juni 1876)
Probe mit Hill und Schlosser. Sagt zu Schlosser: „Alles streng im Takt! Kein Recitativ, das gibt es nicht bei mir! Lauter „Arien“! Erzählt, dass König Ludwig nach einer Versammlung vieler deutscher Fürsten ihm gesagt habe, er vertrage nicht die Gesellschaft seiner abgeschmackten fürstlichen Kollegen. Erzählt Geschichten von Berlioz und Meyerbeer. Die Virginia Cigarren nennt er Rattenschwänze. Pollini betitelt er: Direktor Polutioni!
1. (1. Juni 1876)
Klavierprobe erster Act Siegfried. Ist sehr zufrieden, mit uns jungen Leuten. Nennt uns „tüchtig untergeben.“ Levi aus München ist da. Probe mit den Schwimmwägen. der Meister sehr lieb. Lädt uns Restauration ein. Richter und Levi. Christ und Jude! Gegensatz sehr scharf.
Mai 1876
31. Mai. (31. Mai 1876)
Proben: Unger, Reichenberg, Schlosser, Rheintöchter. Seidl, Fischer und Mottl führen die Wägen. Wagner sagt: „Seitl“, Fischer „im Wasser“ und „Mottulationen!“ Frau Grün. Kühnert. Brucks. Jaide.
30. (30. Mai 1876)
Vormittag Probe Schmiedeszene mit Unger und Schlosser. Nachmittags Schwimmproben mit den Rheintöchtern oben auf dem Theater. Abends mit Wagner auf der Restauration soupiert, Brandt. Richter.
29. (29. Mai 1876)
Probe in Wahnfried unter Leitung des Meisters. Unger Siegfried, Mime Schlosser. Leidenschaftliche Andeutungen Wagners! Charakteristische Bewegungen, genau mit der Musik. Bei der Stelle Mime’s: „Er streicht sich heulend den Rücken“ sagt Wagner zu Schlosser: Wissen Sie, lieber Freund, man kann nicht alles so hinschreiben wie man sich’s denkt Sie können das Streichen des „Rückens“ schon weiter ausdehnen, und sich herzhaft den Ars… streichen! Die Hoboen haben ohnedies so verdächtige Trillerchen. Frau Wagner, welche, von Wagner ungesehen, im Hintergrund der Probe beiwohnte, verschwand lautlos bei dieser Anweisung! –
28. (28. Mai 1876)
Fricke hat das Urbild des Kapellmeister Kreisler [1] (M. Louis Bötner) noch gekannt.
[1] Bezugnahme auf den Roman E.T.A. Hoffmanns “Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“, den Mottl gerade liest.
27. (27. Mai 1876)
Arbeit in der Kanzlei. Ich fange (merkwürdig genug in diesem Augenblick) meine Oper „Bernauer“ zu komponieren an. Lese Kater Murr, von E.T.A. Hofmann.
26. (26. Mai 1876)
Korrektur in der „Kanzlei“. Pizzicato. Arco. Seidl diktiert: „Pizz – Arc – und wir corrigieren. Wagner sagt, dass das Meistersingervorspiel durchwegs zu langsam genommen wird. Es soll ein kräftiges Marschtempo sein! Er spricht sehr lobend über die Meininger Schauspiele. Schwärmt von Kleist’s Hermannschlacht. Abends Restauration oben.
25. (25. Mai 1876)
Zum Meister. Er spricht viel über Mendelssohn, dessen Formsinn er lobend erwähnt. Auch über Mendelssohns Conzertouverturen spricht er sehr anerkennend. Besonders der „Hebriden“. Ich spreche Sieglinde mit dem Ton auf der zweiten Silbe aus! Er wird wütend darüber, schimpft auf das Undeutsche der Oesterreicher (Halb sind sie Slaven, und halb Italiener!) und kommt dann gleich, da er mein Entsetzen sieht, sehr lieb und gut zu mir, klopft mich auf die Schulter und sagt: „Na, Kindchen! So böse ist’s nicht gemeint! Wir bleiben doch gute Freunde!“ –
Es kommen Bittbriefe an ihn. Von einem Damenquartett, dann von einem armen Uhrmacher, der eine Hose von ihm verlangt. Wagner gibt alles seiner Frau zur Beantwortung und sagt: „Sie hat das Ressort für die hosenlosen Uhrmacher! –
Hofgarten. Mit Georg Unger, Froh und Siegfried studiert. Hinauf. Rheingold Decoration aufgestellt. Mit Brandt oben soupiert. Wagner will das g am Schlusse eines Wortes nicht wie ch, sondern als festes g ausgesprochen. Er sagt: Das ist das Beste an der Aussprache der Oesterreicher, dass sie das weichliche ch statt g nicht kennen.
24. (24. Mai 1876)
die Künstler kommen nach und nach. Niering, Runckwitz Architekt. Hofgarten. Probe mit den Turnern. Fricke zeigt ihnen die Stellungen für die Nibelungen im Rheingold. Wir agieren alle wacker mit!
23. (23. Mai 1876)
Umzug aus dem Hotel in die „Nibelungenkanzlei“, wo Seidl, Riemenschneider und Zimmer wohnen. Seidl ist nicht sehr angenehm. Etwas von oben herab, als Erbgesessener! Fischer sehr gemütlich und nett. Anton Rubinstein[1], von Anfang an uns Allen widerwärtig. Korrektur der Nibelungen Stimmen in der „Kanzlei“ von Angermann. Maler Krause aus Weimer, der das Bild (Wanderer) auf den Giebel von Wahnfried gemalt hat, erzählt, dass er mit Wagner einen starken Streit über die Anlage des Bildes hatte, bei dem Wagner sehr heftig wurde und schließlich im Zorn davonlief. Einige Stunden nachher arbeitete Krause auf dem Gerüst. Da erscheint Wagner, sehr freundlich und gutmütig, reicht ihm eine Congnac-Flasche hinauf und sagt mit dem herzlichsten Tone: „Wollen wir wieder gut sein?“
[1] Gemeint ist Joseph Rubinstein.
22. Mai. (22. Mai 1876)
Am Geburtstag des Meisters komme ich an. Werfe mich in Frack und weisse Kravatte und erscheine so, zu grossem Gaudium Wagners in Wahnfried! „Da kommt der Graf Almaviva“ ruft er zur Begrüssung!
Mir stand der Angstschweiss auf der Stirne, umsomehr, als er, scheinbar ganz ernsthaft, sagte, vor mir müsse man sich hüten, ich käme aus Wien und wollte Alles von Bayreuth nach an Hanslick berichten. Ich geriet darüber in solche Verlegenheit, dass Wagner es bemerkte und gleich so lieb und herzlich wurde, dass ich bald meinen Schrecken überwunden hatte und mir nun des unerhörten Glückes, bei ihm arbeiten zu dürfen, langsam bewusst wurde! Ich trank mit Champagner auf seine Gesundheit und der Vormittag war bald heiter und fröhlich beschlossen.
Seidl, Fischer, Kapellmeister Riemenschneider, (ein fabelhaft dicker Mann!) Zimmer, ein kränklicher, langer Mensch, der eben in Aegypten Heilung eines Lungenleidens gesucht hatte und ein Grieche Lalas, jetzt Direktor des Konservatoriums in Athen, mit denen ich bei Schürbaum (Weinstube) zu Mittag gegessen hatte, begleiteten mich auf einer Spazierfahrt nach der Eremitage.
Abends im Beisein des Meisters, Einweihung der Restauration auf dem Festhügel. Balletmeister Fricke aus Dessau, ein lustiger, intelligenter, etwas viel redender alter Herr. Familie Giessel. Wagner hält eine launige Rede auf den Restaurateur, zu dessen Gunsten er seinem Ruhm entsagen will. Später erscheint er auf der Gallerie der Restauration mit Spiess und Laterne und singt das Nachtwächterlied aus den Meistersingern, wobei er, sehr komisch, das Fis des Stierhorns nachahmt.
Nachtkneipe bei Angermann. Ich wohne in der „Sonne“. Theater besucht.
März 1876
2. März 1876
Das Bayreuther Jahr! Es ist ist das Wichtigste in meiner künstlerischen Entwicklung und hat mir für alle Zeiten den Stempel aufgedrückt. Ich hatte das Glück, 3 Monate lang mit Richard Wagner 1n persönlichem Verkehr stehen zu dürfen und von ihm zu lernen, was ein begeisterter Schüler von dem grössten Meister lernen kann. Alles was ich kann, verdanke ich dieser Bayreuther Lehrzeit. Ich beginne auch von hier an die Kunst als Hauptangelegenheit meines Lebens au betrachten. Meine starken sinnlichen Anlagen erleben freilich keine Veränderung. Aber am Ende sind sie in unmittelbarem Zusammenhang mit jeder künstlerischen Tätigkeit!
Richard Wagner hat am 2. März im Opernhaus den „Lohengrin“ persönlich dirigiert. Richter und Sucher hatten Angst, dass, nachdem der Meister so lange Zeit nicht mehr Theateraufführungen dirigiert hatte, etwas passieren könnte und pflanzten sich rechts und links im Orchester auf, um bei vorkommenden Schwankungen helfen zu können. Sie geben aber bald ihre Besorgnisse auf, nachdem sie sehen, wie er – abgesehen von der wunderbaren suggestiven Kraft seiner Persönlichkeit – auch technisch mit der grössten Vollkommenheit das Ganze leitete. Es war ein wunderbarer Abend!
Müller: Lohengrin. Kupfer-Berger: Elsa. Scaria: König. Nollet: Telramund. Materna: Ortrud. Chöre, Orchester prachtvoll! Vorspiel: Sehr, sehr langsam und unendlich breit! Vorspiel in As-moll zu „Du trugest ihm meine Klage“ sehr breit und ausdrucksvoll. Schwanenchor Trompeten pianissimo beginnen. Zeitmass ruhig anfangen, dann sehr steigern! Am Schluss (A dur) sehr feurig und belebt. Keine Portamenti der Sänger! Alles streng 1m Takt! Kein Recitativ „Viel lieber tod als feig“ nicht schnell, Orchester in fp. dämpfen; Umzug der Ritter zum Bilden des Kampfringes ziemlich belebt! Heerufer alles im Tempo! Gebet Es-dur, nicht zu langsam. Kampf, sehr schnell! Schluss I. Akt nicht schnell zu Beginn, dem erst nach und nach steigern. Vorspiel II Act. Englisch Horn (kurze Notation) Einmal mf, das zweite Mal fast unhörbar leise! Nach „Gott „(Ortrud) erschreckend lange Pause! Ebenso vor „Du wilde Seherin“. Bass Klarinette für F1s-m0ll Motto sehr langsam. Dann Dialog fliessend. „In Liebe“ B-dur lang, dann as-cis (Hob.Nr.+) anschliessen. Hoboen „in s fernste Elend schickt“ sehr starkes crescendo. Die Figur (Notation) sehr ruhig!
Anruf an die Götter sehr rasch, heftig und ohne Pausen vor Einsatz der Triolen. (D) „Nur eine Kraft“ recht langsam. Zwischenspiel schnell (Notation). Chöre pianissimo sehr wichtig! „Von ihm wird Keine“ die Viertel langsam markiert aber ohne riterdando. III. act. Vorspiel. Nicht schnell aber feurig! Beim Hochzeitschor „Rauschen des Festes, seid nun entronnen“ starkes Zurückhalten es Tempo –
