In der Früh um 4½ Uhr mussten wir heraus; merkwürdigerweise waren wir ziemlich munter und quatschten. – Ein jüdischer Commis, der Bornemann hiess, und that, als könnte er nicht deutsch, um meine Aparts mit Clement ruhig anzuhören, war der einzige Mitreisende; die Katze, welche seit mehreren Tagen unser ganzes Interesse wach hielt, konnte uns beim Abschiede noch nicht mit einer ihr wichtigen glücklichen Nachricht erfreuen.
Wir fuhren zur Bahn, mussten dem spanischen Lumpenpack rechts und links Trinkgelder austheilen und dampften ab. Erst schliefen wir noch ein wenig. – Nachts hatte ich beständig von Judithe Gautier[1]geträumt – ob sie vielleicht Plätze bestellt hat? – dann – bei einem ganz grossartigen Sonnen-Aufgang mit den reichsten Farben, die ich je gesehen, schauten wir zwei zum Fenster hinaus.
Die Landschaft sahr wunderbar aus in ihrer erhabenen Öde. Besonders der Ort Lejo, auf den die Sonne die grellsten Strahlen warf, während der Felsen dahinter in düsteres Blau gehüllt erschien. – Eine Masse Soldaten fahren in unsrem Zuge mit; sie sehen noch schnudiger als die süditalienischen aus. –
In Bobadilla werfe ich Postkarten an Strauss[2], Wahnfried und das Carlsruher Polytechnicum[3] in den Schalter. – Durch den vielen Regen der letzten Tage ist das Unterland tüchtig unter Wasser. Auffällig ist die geringe Anzahl der Bauernhäuser, überhaupt der Mangel an Bevölkerung.
In Malaga sind wir um 1 Uhr, gehen sofort zum Déjeuner nach dem Hôtel Roma, wo eine Masse jüdischer Commis aus Deutschland und Frankreich sitzen. Nach Tisch promenierten wir zur Stadt hinaus, setzten uns ans Ufer und freuten uns über die Wellen, wie Babies.
Das Wetter ist sehr schön. – Nach dem Diner (um ½7 Uhr) fahren wir zum französischen Schiff, welches uns nach Gibraltar führen wird. Die Geldgier der Spanier ist ekelhaft, wie ich überhaupt von ihnen, d. h. den Südspaniern einen sehr unangenehmen Eindruck mitnehme (ähnlich wie die Neapolitaner) kein Ehrgefühl, gemein, listig, dabei dumm, und äusserlich recht verkommen. Ich athmete auf, wie ich die Franzosen auf dem Schiffe sprach.
Nach einem Bummel auf dem Deck legten wir uns in die Cabine und schliefen riesig; ich träumte von Mama u. Eva; Mama ein bis’chen Voila[4], Adolf[5] unzufrieden wegen Bestellungs-Abnahme.
[1] Taufpatin Siegfrieds 1846 – 1917.
[2] Richard Strauss
[3] Siegfried studierte am Karlsruher Polytechnikum Architektur.
[4] Bedeutet gereizt und stammt von einem Ausbruch Liszt’s her, der über eine vermeintliche Unhöflichkeit mit: „Voila la porte, voila la fenêtre“ seiner Empörung Luft machte.
[5] Adolf von Gross 1845 – 1931, der treuste Freund und Berater der Familie.
