Samstag, 5. März. (5. März 1892)

Siegfried Wagners Reisetagebuch

Himmlisch warmes Wetter; wir zwei in vollständigem Sommerstaat, nur mit dem Allernotwendigsten angethan. Es ist vollständig wie im Juli; auch kein bisschen Wind; nach dem Frühstück sassen wir auf der Capitainsbrücke, ich fuhr in „Beethoven“ fort; dann nahm ich ein kaltes Bad, was herrlich wohlthat, das Wasser hat 16 Grad. Bis zum Luncheon u. nach demselben las ich the Vicar of Wakefield von Goldsmith. – Wieder schöner Sonnen-Untergang, von dem einen die unerbittliche Abend-Brot-Glocke wegruft. 
Das Essen habe ich jetzt sehr liebgewonnen; nur an Porridge kann ich mich nicht gewöhnen. Dazwischen giebt’s auch Tomaten auf die ich wie ein Geyer stürze. Von Port Said hatten sie ein Schaf gekauft, das seine letzten traurigen Tage auf dem Schiff zubringen musste. Was half mein mitleidsvolles Gesicht, wenn ich es ansah. „Rette mich lieber, als ein sentimentales Gesicht zu machen“ wollte es wohl zu mir sagen, und ich kam mir wie Leicester am Tage der Hinrichtung der armen Maria[1] vor. – 
Die Strafe blieb auch nicht aus: denn das arme Thier ist so zäh, hart und unschmackhaft, daß es eine vollständige Zahn-Attaque braucht, um es hinunterzubringen und schliesslich wird auch diese Attaque vergeblich und würgend muss der Schlund es ganz aufnehmen. Auch will’s nicht enden, und jeden Tag kommen diese Revenents wieder und rufen mir zu: Verzweifele und würge! – Heute früh flog ein reizender Vogel auf’s Schiff; so weit hatte er sich vom Land verloren? – er gleicht unsren Spechten u. Wiederhopf’s ein wenig. (Zwei Tage blieb er auf dem Deck, dann verschwand er.) –  – 
Abends wieder himmlischer Mondschein, und kein Lüftchen regt sich; das Meer phosphoresciert an den Seiten des Schiffs. – Wir wanderten, sassen, träumten, schwiegen, nur dazwischen kam ein gutgemeintes banales Wörtchen unsres lieben Capitains: fine evening – soft brise – do you want some cocoa? – –  
Gegen 10 Uhr gingen wir hinunter wo es recht heiß war. – Und da musste halt wieder Karten gespielt werden! Nein, solch ein Stumpfsinn; Gewinnen und Verlieren ist mir bereits so Wurst, dass ich immer die unerwartetsten Dinge thue. – Cacao und Gingerbread erleichtern diese Stunden etwas. Nach 11 zu Bett, doch lang nicht geschlafen infolge der Hitze.

[1] Anspielung auf Schillers Maria Stuart.

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