Richard Wagner an Hermann Ritter

28. März 1876

Geehrter Herr! 

Ich bedaure wahrhaft, immer noch nicht die freie Zeit gewinnen zu können, um über Ihre Altgeige mich so ausführlich vernehmen zu lassen, wie ich es für nöthig halte, um auch meinerseits dazu beizutragen, diesem Instrumente die ihm gebührende Beachtung zu verschaffen. Ich bin überzeugt, dass die allgemeine Einführung der Altgeige in unsere Orchester nicht nur die Intentionen derjenigen Tonsetzer, welche bisher mit der gewöhnlichen Bratsche vorlieb nehmen mussten, während sie für den Gesang den wahren Altgeigenklang beabsichtigten, erst in das rechte Licht gesetzt werden, sondern, dass auch in der ganzen Behandlung des Bogeninstrument-Quartettes eine bedeutende und sehr vortheilhafte Veränderung vor sich gehen dürfte.

Die freie A-Saite dieses nun nicht mehr dünn näselnden, sondern hellwohltönenden Instrumentes, wird der gehemmten A-Zwischensaite der Violine manchen energischen Gesang abnehmen können, da die Violine in dieser Lage bisher an energischer Kundgebung des Tones so sehr behindert war, dass z. B. bereits Weber hier sehr häufig ein Blasinstrument (Clarinette oder Hoboe) zur Verstärkung mit hinzu nehmen musste; die Altgeige wird dieses nicht mehr nöthig machen und den Tonsetzer somit nicht mehr zur Anwendung der Mischfarben veranlassen, wo der reine Streichinstrument-Charakter in der Intention lag. Zu wünschen ist nun, dass das verbesserte ungemein veredelte Instrument, sofort an die besten Orchester vertheilt und den besten Bratschenspielern zu einer ernstlichen Pflege dringend empfohlen würde. 

Wir werden hier auf grossen Widerstand gefasst sein müssen, denn leider treffen wir bei der Hauptanzahl unserer Orchester-Bratschisten nicht gerade auf die Blüthe der Bogeninstrumentisten. Ein anfeuernder Vorgang wird aber Nachfolger herbeiziehen und schliesslich werden Capellmeister und Intendanten dem guten Beispiele Aufmunterung zuzuwenden haben. Sehr bedaure ich, dass Sie mir so spät erst Ihre Angelegenheit zur Kenntniss brachten und ausserdem ich gerade jetzt so ungemein in Anspruch genommen war, dass ich, was in der Kürze der Zeit noch zu ermöglichen gewesen wäre, nicht eifrig genug betreiben konnte. 

Ich bitte Sie um Nachricht, über die Aufnahme Ihres Instrumentes von Seiten des vortrefflichen Herrn Hofmusikus Thoms in München; Freund Fleischhauer (Concertmeister in Meiningen) erklärte sich ja bereit, für die Anempfehlung der Altgeige schon zum Gebrauche im Orchester bei den bevorstehenden Bühnenfestspiel-Aufführungen in Bayreuth zu wirken. Habe ich so die Aussicht, wenigstens zwei dieser Instrumente bereits in meinem Orchester verwendet zu sehen, so bedaure ich nur, nicht bereits sechs davon zu gleicher Mitwirkung berufen zu können. Es wäre wohl unmöglich gewesen. 

Ich bitte Sie nun um genaue Mittheilung über die Erfolge, welche bis jetzt Ihrem Instrumente gewonnen worden sind und bitte über mich und mein Zeugniss zu Gunsten Ihrer Sache unbeschränkt zu verfügen.

Zunächst aber danke ich Ihnen noch für die Widmung Ihrer so bündigen und dabei so belehrenden Abhandlung und verbleibe mit aufrichtiger Hochachtung

Ihr ergebener
Richard Wagner.

Bayreuth, 28. März 1876. 


<p>Dieser Inhalt kann nicht kopiert werden. / This content cannot be copied.</p>