Mein hochgeliebter,
erhabener Herr und Freund!
Ein indischer Spruch heisst ungefähr so:
»Man kann die Tiefe des Meeres, die Zahl
der Sterne, die Wiedergeburten der Seelen
ermessen; Niemand aber kann die Gedanken
eines Königs wissen, nie und nirgends.«
Dieser Spruch kam mir in den Sinn, als ich mit tiefer Bewegung kürzlich das von Ihnen so huldvoll mir gespendete, vortrefflich gelungene Brustbild enthüllt hatte, und nun mich lange in seinen Anblick verlor. Mir war dazu ausgerichtet worden, der hohe Geber nehme an, es werde mir viel 1 Freude machen: das war aber mehr als Freude, da diese nur der Güte des Spenders gelten konnte, ein unendlich Tieferes aber sofort mich 2 anzog und bis zu völliger Entrücktheit mich fesselte. Wer nennt es? Geburt und Wiedergeburt stand vor mir, wie vor den Augen des Buddha, bis ich weit über die Folge der irdischen Erscheinungen hinausblickte, dorthin, wo alle Noth mit 3 Nothwendigkeit aufgehoben ist! Da sah ich Ihr Urbild. – Zuletzt löste sich mir aller Ernst des Ausdruckes in den tiefen Zug liebevoller Güte auf: bei dieser Empfindung blieb auch mir, nach allem Staunen, noch einzig nur das innigste Dankgefühl meiner Seele zurück. Dieses spreche ich jetzt aus, weil ich es aussprechen kann; alles Andere bleibt mir unaussprechbar! –
Wie tief erquickte es mich, endlich einmal wieder Ihre mir so ergreifend bedeutungsvolle Handschrift zu erblicken! Sind eines Königs Gedanken nicht zu ergründen, so muss mich diessmal eines Königs Güte nicht minder unerschöpflich dünken. So lange schon sind Sie mir nun fern, und gerade Ihre Einsamkeit macht Sie mir so unnahbar. Da dehnen sich denn die langen Zeiten hin, in welchen auch Ihre Gedanken mir so unfassbar sind: sagen Sie mir dann endlich wieder ein gütiges Wort, so ist 4 plötzlich Alles von Neuem, wie es war; nichts hatte sich geändert, das Ewige ist wieder offenbar geworden. –
Wie schlimm, dass ich dagegen jetzt so wenig zur Mittheilung tauge! Ich kann nur klagen, und fast einzig die Fragen berichten, die ich fast ohne Unterlass an das Schicksal zu richten genöthigt bin, welchem ich immer und immer wieder mit dem Ringen um das Unmögliche entgegenstehe. Kaum kann ich mir noch mit dem bitteren Troste helfen, dass diess gewiss und wahrhaftig mein letzter Kampf sein solle: denn wie erst noch ihn überstehen? Und was kann selbst dann mich erfreuen, wenn wirklich Alles glückt? Ich sehe mich und mein treues Weib am Tage der Erfüllung stumm weinend und schluchzend da sitzen, ohne das mindeste Gefühl von dem Vorgange, der dicht vor uns vielleicht Vielen 5 als ein freudiges Wunder sich darstellt; woher auch sollte die Kraft der Nerven kommen, welche jetzt nur gerade so lange noch auszuhalten bestimmt ist, bis Alles der Vollendung zureift?
Wer seine Zeit und ihren Geist kennen lernen will, der muthe ihr das zu, was ich ihr zumuthete, als ich mein Werk unternahm! Ich habe die unsrige erkannt, aber auch jede Täuschung über ihren Werth verloren. Wie wäre aber auch ferner noch eine Täuschung über die schamlose Elendigkeit aller unserer Umgebung möglich, wenn Alles offen und unverho[h]len denjenigen lästert, der ihr entgegentritt um den Weg zum Heile zu zeigen? Wir wollen niederträchtig sein: diess ist die Losung, seitdem die Jesuiten den Juden unsere Welt in die Hände geliefert haben. Hier ist Alles verloren! Kaiser und Reich mögen sich noch so sehr in ihren Heeresordnungen gefallen: was sie beschützen, ist nicht einen Schuss Pulver werth! –
Ja! Mein König! Ich werde es zu Ende führen. War ich ein reicher Mann, ich hätte willig mein Vermögen daran gesetzt; denn schliesslich kommt es ja doch nur darauf an, mit welchen materiellen Hebeln dieser Welt etwas Geist zu entwinden ist. Es wird einmal sein 6, um nicht mehr 7 zu sein. Denn an eine Fortdauer meiner Wirksamkeit denke ich nicht; diejenigen haben, in Anbetracht der Welt, nicht Unrecht, welche mein Werk für eine Grille halten. Denn, wirklich und wahrhaftig, meinem Werk fehlt jeder Boden: an nichts Vorhandenes kann es sich anschliessen. Was Wir einst in München erstrebten, es ist jetzt – wie Alles – in die Hand des Juden gerathen: ich erfahre Jammer über Jammer wegen des so tief gesunkenen Geistes der Aufführungen meines Werkes – dort, wo sie einst doch bis zur Musterhaftigkeit gediehen waren. Ein daselbst erwachter sehr guter Wille, meinen Grundsätzen nachzugeben, berief mich nach Wien, um dort allmählich meine älteren Werke (welche – sonderbar genug! – immer einzig noch die Kasse füllen) richtig und unverstümmelt darstellen zu lassen. Ich wirkte damit Wunder, – aber mit welchen Mühen, denen ich kaum je wieder mich unterziehen möchte! Elende Sänger, mit ungeheuren Gehalten, welche offen erklärten, ich sei zu ihrem Verderben da, weil ich ihnen zeigte, in welche schlechten Gewohnheiten sie versunken wären, ohne ihnen die Kraft geben zu können, für immer sich daraus loszuwinden. Sie gaben mir Recht, aber was sollte ihnen die plötzliche Umtaufe nutzen, da sie doch wieder in den alten Glauben verfallen müssten! Die mir zugewendete Energie der Direction brachte nur die »Presse« gegen sie auf, so dass sie es bald bereuen dürfte, den Leuten meine Werke im richtigen Lichte haben zeigen zu wollen! –
Sie waren so gnädig, mein erhabener Freund, unter anderem nach dem Sänger Scaria zu fragen? Diesen habe ich allerdings schliesslich aus dem Verband der mir treuen Künstler entlassen müssen; da Jeder von diesen meinem Unternehmen in pecuniärer Hinsicht ein Opfer bringt, wäre es eine Beleidigung für sie alle gewesen, wenn ich die Forderungen dieses sehr gemeinen, und desshalb allen Anderen verhassten Menschen gewährt, und so ihnen denselben als Genossen beigegeben hätte. Hierüber sind meine Künstler einig, und üble Folgen seines Beispieles sind gerade um desswillen nicht zu fürchten. Frau Materna bleibt mir treu.
Unter grossen Hemmungen und unter täglichen Sorgen führen wir unser Werk fort, was von Seiten meiner Verwaltungsräthe um so anerkennenswerther ist, als sie doch eigentlich Leute sind, welche wenig von mir kennen, mein Ziel wohl nur wenig verstehen, und einzig durch ihre Theilnahme für meine Person sich bestimmen lassen können. Die Petition an den Reichstag haben wir, als unschicklich, aufgegeben. Doch habe ich versprochen, im März nach Berlin zu gehen, um zu sehen, was dort noch zu erwirken sein könn[t]e, da wir, bei allem Vertrauen auf den schliesslichen Erfolg (d.h. in der letzten Zeit!) vom Eintreffen der Sänger und Musiker (1. Juni) an, für genügenden Vorrath von baarem Gelde sorgen müssen.
Zu meiner dankerfüllten Befriedigung habe ich, bei meiner letzten Durchreise durch München, vernommen, dass mein hochgesinnter König wirklich sein Schloss in Bayreuth zur Aufnahme hoher fürstlicher Gäste bereit halten zu lassen geruhen wird. Das ist herrlich! Wir sind jetzt darüber, an unsere hochfürstlichen Patrone die Anfrage wegen ihres Kommens ergehen zu lassen: die zurückerfolgenden Weisungen werden dann wahrscheinlich Ihrem königlichen Hofmarschallamte mitzutheilen, und zu fernerer gewogener Uebereinkunft mit den entsprechenden Beamteten zu übergeben sein. Auch der hier wohnende Herzog von Württemberg wird sein Palais in der Stadt zur Bewirthung vornehmerer Gäste einräumen, so dass wir nach dieser Seite hin der Sorgen nun ein wenig überhoben sein dürfen. – Im allerwichtigsten Punkte, Ihrer eigenen Anwohnung, mein erhabener Freund, rühme ich mich diessmal die Gedanken gerade meines Königs sehr genau zu wissen und innig zu verstehen; weiss doch ich selbst von mir, dass die endliche Aufführung vor dem vollen Publikum an mir nur wie eindrucksloses Schattenspiel vorübergehen wird, und dass an diesen Abenden vielleicht einzig die Sorgen für die allgemeine Ordnung, sowie für die nöthigen Aufmerksamkeiten gegen meine Patrone und Gäste mich in einer Art von Bewusstsein erhalten wird. Könnte diese Sorge vielleicht für eine einzige Vorstellung, etwa derjenigen, welcher der Kaiser beiwohnen dürfte, von meinem erhabenen Freunde durch grossherzige Theilnahme geadelt werden, – es wäre schön, und würde diess nach einer ganz anderen Seite hin dem Gelingen meiner Unternehmung eine unschätzbare Weihe geben. Doch, wie sollte ich wagen dürfen, Sie um eine solche Theilnahme zu bitten?
Nur wird es mir durchaus unmöglich, meinem königlichen Freunde mehr als zweimal, als Generalproben, mein Werk in der Weise vorzuführen, dass diese Vorführung ununterbrochen, wie eine Aufführung vor sich gehe. Alle vorangehenden Proben können nicht anders als den Charakter wahrhafter Proben, im eigentlichen Sinne, haben, weil schon die Zeit diess nicht anders erlaubt. Ausserdem hat Scaria seine Unverschämtheit 8 schon damit entschuldigen wollen, dass er vermeinte, ein Theil der Aufführungen würde nicht für meine mühsam zusammengebrachten Patrone, sondern für den »König von Bayern« stattfinden, welchem er nicht umsonst zu singen Lust hätte. Ich weiss gewiss, mein erhabener Freund, wird hieran 9 gnädigst die Schwierigkeit meiner Lage ermessen?
Ach! In wie schlimmer Zeit hatte ich Ihnen, Erhabener, heute zu schreiben! Ich hätte es gern noch aufgeschoben, und zögerte desshalb, weil ich jetzt, von früh bis Abend, nicht einen Gedanken auf Gutes und Edles richten kann, ohne sogleich ein Heer von widerwärtigen Vorstellungen dagegen anstürmen zu sehen [10]. Verzeihen Sie mir, Hochgeliebter, wenn ich Ihnen heute keine – Freude machen kann! Ich entlas aber Ihrem letzten übergütigen Schreiben Ihre eigne Sorge um mich selbst: diess gab mir den Muth, endlich mich auch rückhaltlos mitzutheilen. So haben Sie denn auch Mitleid, menschlich-königliches Mitleid! Ein Trosteswort von Ihnen wird mich stärken!
In Freud und Leid, in Muth und Demuth verharre ich bis zum letzten Hauche
Ihr getreuestes Eigen
Richard Wagner
Bayreuth
26 Januar 1876
Fußnoten
1 Im Original steht »viele«.
2 Diesem »mich« folgt im Original zunächst ein wohl nur versehentlich geschriebenes »in sich«.
3 Diesem »mit« folgt im Original zunächst ein »der«.
4 Diesem »ist« folgt im Original zunächst ein versehentlich wiederholtes »dann«.
5 Wagner schrieb »Vieles«.
6 Im Original nicht hervorgehoben!
7 Im Original nicht hervorgehoben!
8 Wagner schrieb »Ausserdem hat sich Scaria’s Unverschämtheit«.
9 Im Original steht »hierin«.
10 Hieraus erklärt sich wohl auch die auffallende Flüchtigkeit, mit der Wagners Brief unverkennbar abgefaßt ist.
