Herrn Hans Richter, k. k. Hofkapellmeister
Wien
Margarethenstr. 7, Wieden
Lieber Freund!
Ich habe soeben an Dir. Jauner geschrieben. Die Entscheidungen wegen des Chorbenefizes[1] verdrießen mich tief; ich hoffte den Leuten gegen 5000 fl. zuzuwenden, jetzt beschränkt sich Alles auf die Annahme, ihnen fl. 2000 zu verschaffen, also etwa fl. 20 für jede Tasche, die id gern aus meiner Tasche geschenkt hätte, wenn ich dieses Jahr nicht besonders viel Geld brauchte.
Ich bin furchtbar verstimmt. Vielleicht getraut man sich keine besonders hohen Preise zu machen, da Alles sehr schlecht in Wien stehen soll, nun, warum denn die gute Absicht nicht zu einer besseren Zeit ausführen ?
Haben die guten Leute jetzt ihr Benefiz weg, so ist ihnen nicht weiter zu helfen, Anfang nächste Wintersaison steht es vielleicht besser, dann kann ich Jedem, meinem Wunsche gemäß, wohl seine fl. 50 verschaffen ?? Eine Probe werden Sie wohl wieder nöthig haben, da — wie ich lese — verschiedener Besetzung zu Liebe wieder gestrichen u. s. w. worden ist. Also richten Sie die Sache wieder ein: ich verlasse mich auf Sie, und betrete jedenfalls das mir sehr zuwider gewordene Theater nicht eher, als am Abend zur Aufführung, wo es-dann-schon- gehen wird.
Die Audition also 3. März Abends. Gut! Unger wird sich shon einige Tage früher bei Ihnen einfinden. Ändert sich mit dem Benefiz noch etwas, so bitte ich schleunigst zu telegraphieren!
Adieu, guter Richter! Auf — meinerseits leider sehr verstimmtes — Wiedersehen, — was Sie aber nichts angeht. Uns geht es hier sonst gut auch mit der großen Unternehmung. Täglich melden sich Patrone ! Also! —
Schöne Grüße an Weib und Kindchen von Ihrem
Dich liebenden
Kapellmeister Wagner.
Bayreuth, 22. Febr. 1876.
[1] Nach der denkwürdigen Aufführung des „Lohengrin“ in diesem Winter gab Wagner dem Chorpersonal der Wiener Hofoper das Versprechen, in naher Zukunft eine Wiederholung des Lohengrin, in dem der Chor so Vorzügliches leistete, zu Gunsten des Chorpersonals persönlich zu dirigieren. Es kam nun wirklich dazu, die Aufführung fand am 2. März 1876 statt. Es ist überflüssig zu sagen, daß der dirigierende Meister stürmisch gefeiert wurde, Einige Jahrzehnte später folgte Siegfried Wagner dem edlen Beispiel seines Vaters, Auch er sollte eines seiner Werke zu Gunsten des Chorpersonals der Wiener Hofoper dirigieren. Die Aufführung unterblieb aus irgend einem Grund und so widmete denn Siegfried Wagner aus seiner eigenen Tasche den Betrag von 5000 Gulden dem Chore.
