Zwei höchst interessante Tage sind zu verzeichnen. Welch eine Menge von Menschen im Festkleid sich schon Sonnabend von Mittag an durch die Straßen bewegte.
Ich zog nicht, wie es bei Feustel vorher bestimmt war, das Festeskleid an, um am Bahnhof Spalier mitzumachen, warf mich vielmehr in das Volksgewühl und sah unsern geliebten Wilhelm in ewiger Zugendfrische unter unendlichem Jubel einziehen.
Um 6 Uhr ging ich zur Probe ins Wagner-Theater. Der Drache ist angekommen. Als ich ihn sah, flüsterte ich Döpler zu., In die allertiefste Rumpelkammer mit dem Luder! Weglassen! An diesem Wurm gehen wir zu Grunde. Mit Wagner und Brandt ging ich in die Restauration und fuhr dann allein mit dem Meister in die Stadt. Auch ein Einzug durch die geschmückten und belebten Straßen Bayreuths! Alles grüßte uns. Ich gestehe, daß diese fahrt am heutigen Tage ein besonderer Kitzel für meine Eitelkeit war.
Abends fuhr ich zur Eremitage, wo dem Kaiser ein Fackelzug gebracht wurde. Wasser sprangen bei bengalischer Beleuchtung. Ich tariere die Fackelträger auf 1500 Personen, das Gewühl der Menschen war furchtbar. Die Menschenmenge, welche sich nachdem bei Angermann allmählich eingefunden hatte, das Kämpfen um einen Schoppen Bier spottet jeder Beschreibung. Vielen alten Bekannten begegnet, und neue Bekanntschaften gemacht. Wilhelm Scholz und Dohm (die Männer des „Kladderadatsch‘) begrüßten mich herzlich aus alter Zeit.
Gestern, Sonntag morgen, belebten sich die Straßen, der Kaiser fuhr zur Kirche. Abends erste Vorstellung von „Rheingold“, Von den Verwandlungen mißglückte vieles und ich kann wohl sagen, auf keiner Probe sind diese Fehler vorgekommen. Zum Schluß wurde Wagner eine halbe Stunde lang gerufen — kam aber nicht. Er saß außer sich in seinem Zimmer, schimpfte auf alle Darsteller, außer auf Hill und mich, welche bei ihm waren, er war nicht zu beruhigen. Auf dem Nachhausewege traf ich Lesimple, welcher mir nicht genug beteuern konnte, wie schön und mächtig die Eindrücke waren, die das Publikum empfangen hatte.
Solcher Urteile fand ich noch viele. Aber, wie ich es mir gedacht, von unsern Gegnern, welche als Kritiker aus allen Ländern gekommen waren, werden wir durch die Lupe angesehen und, wie der Berliner sagt, arg, begrunzt. Wilhelmj, welcher aus Wiesbaden zur Aufführung gekommen war, stellte mich seiner sehr schönen Gattin vor, er konnte mir nicht genug Lob spenden ob meiner Nibelungen.
Heute morgen begegnete mir Ludwig Pietsch, ein Freund aus den 50er Jahren. Schade, daß man kein Fremdenblatt herausgibt, dem man entnehmen kann, wer alles von bedeutenden und bekannten Menschen hier ist.
