Montag, 22. Februar. (22. Februar 1892)

Siegfried Wagner Reisetagebuch

II. THEIL

22. Februar – 26. März 1892

VOM BESTEIGEN DER „WAKEFIELD“
BIS ZUM LANDEN IN SINGAPORE
(VON MALAGA NACH MALACCA)

Die „Wakefield[1]“, ein hübsches Kaufmannschiff von grösseren Proportionen, hat eine elegante Form, mit 2 Masten, 1 Schlot, 2 Hebel-Maschinen, zum Einladen der Waren; am Hinter-Deck ist unsere Behausung, d. h. ein Salon, mit 2 anstossenden Cabinen, die eine dem Kapitain gehörend, die andere uns beiden. Ausserdem sind noch 2 andere vorhanden, für die 2 Officers; davor das Zimmer mit dem Steuer-Rad. 
Der Kapitain Sheldrake ist ein vorzüglicher ernster, nicht gerade geistvoller Mann, mittlerer Höhe, mit viereckigem Bart, grauen Augen und etwas struppigem Haar. Die 2 Officers sind junge Leute einfacher Art und Kleidung; ausserdem ist noch ein Ingenieur vorhanden, ebenfalls noch jung, hübsch, behebig und heiter. Von dem übrigen Personale sah ich bis jetzt wenig. Unsere Cabine ist verhältnismässig gross. Clement zieht das untere Bett vor; ich bin also darüber. 
Ich packte ein wenig aus, setzte mich aber bald auf’s Deck zu Clement, jeder mit einem Buche: ich begann „Les religions et philosophies dans L’Asie centrale“ vom Grafen Gobineau und wurde gleich sehr gepackt von seiner Darstellungsweise. Ich bin sehr froh, mit einem ganz neuen Bereiche bekannt zu werden. 
Die Küste von Gibraltar und Afrika sehen wir noch lange bis sie im Dunst verschwinden. Das Wetter ist schön, obwohl der Süd-Ost-Wind durch seine Kühle nicht sehr anspricht. Das Meer ganz ruhig. Um 1 Uhr war Luncheon. Suppe, Roastbeaf mit Gemüsen, Orangen und Käse; – die Gespräche oder vielmehr Nicht-Gespräche waren unglaublich und au fond recht stumpfsinnig; wir sitzen zu sechst: nämlich ausser uns die 4 genannten Personen; an der Spitze serviert der Capitän. – Ich verlor mich schließlich ganz in andere Gedanken, angeregt durch Gobineau.
Nach diesem komischen Symposeon, was sich ja immer wiederholen wird, gingen wir auf’s Deck und lasen. Ich mummte mich tüchtig ein, da ich es recht kalt fand; ich fuhr in Gobineau fort, dann las ich „Albert“ von Tolstoi, trostlos und unnütz. Um 6 Uhr ist Abendbrot: d. h. Thee und eine Fleischspeise; dann Marmelade und irgendeine Mehlspeise. Darauf etwas Deckbummeln, dann Halma-Spielen mit dem Capitän, dann etwas Lesen, und schliesslich um 9 Uhr zu Bette gehen. – Ich freue mich sehr, die Zeit tüchtig zum Lesen zu benützen.


[1] Clements Vater gehörend, der Reeder war und auf dessen Einladung Siegfried diese Weltreise machte.


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