Um 11 Uhr zu Wagner. Ich traf ihn beim Ordnen der Statuetten und Büsten in der Vorhalle und war noch eine Viertelstunde mit ihm allein. Er klagte mir seine Not über all die Unannehmlichkeiten, mit welchen er zu kämpfen habe und wie sie ihn drücken. Fast sämtliche Intendanten, Direktoren machen ihm die größten Schwierigkeiten und zögern die ver- und besprochenen Urlaube zu bewilligen. Vergessen habe ich von gestern zu erzählen, daß ich Wagner die mir aufgetragenen Grüße unseres Herrn v. Normann brachte und ihm zu verstehen gab, daß er gern nach Bayreuth kommen würde, wenn — hier brauste er auf: „wenn ich ihn einlade!“ Ich stutzte, erhob mich. Wagner: „Seien Sie mir nicht böse und verstehn Sie mich nicht falsch.“ Ich sagte: „Hier kann von böse keine Rede sein, ich habe mich bezüglich Normanns wohl nicht ganz deutlich ausgedrückt. Herr v. Normann gehört zu denen, welche aus ängstlicher Bescheidenheit nicht wagen, direkt sich mit der Bitte an Sie zu wenden, er fühlt genau heraus, welche Verlangen an Sie ergehen und will Sie nicht belästigen.“
Wagner eilte sofort an seinen Schreibtisch, um sich eine Notiz zu machen. Heute morgen kam er nun wieder darauf zu sprechen und bat mich genau so wieder um Verzeihung, und ich sollte nur nicht böse sein. Ich nahm nun Gelegenheit, mit den wirklichen Wünschen des Herrn v. Normann herauszurücken, nämlich einer Anzahl Proben beizuwohnen. Unger und die Musiker traten ein, es ging an die Zurechtmachung Ungers. Mit einer schweren Scene aus der Götterdämmerung, wo Siegfried dem vermählten Gunther mit Brunhilden vorausgeeilt, um Hagen und Gutrune die Vereinigung Beider mitzuteilen, wurde angefangen.
Wagner hatte Unger mit seinen in der Tat herzlich schlecht vorgemachten Gesten und Handbewegungen ganz mißmutig gemacht. Ich war alsbald genötigt ein Machtwort einzulegen. „Meister, wir haben uns vor nichts sagender Passivität und unbegründeter Hand- und Armbewegung zu hüten, aber viel schlimmer ist es, wenn wir zu viel thun.“ Es war geradezu komisch und originell, wie Wagner bei seiner Lebendigkeit, seinem fortwährenden Agieren mit den Händen jedes Wort betont und ausgedrückt haben wollte. Ich bekomme allmählich Oberwasser, hatte die Scene richtig erfaßt und änderte ziemlich alles, sagte ihm, daß, wenn erst die Mitwirkenden in der Scene stehen, die Sache nicht allzu schwer sei.
Der Schwerpunkt beruhe zunächst auf der Unbeholfenheit des linken Armes bei Unger. Er ist gar nicht so ungelenk und ein vernünftiger Kerl, mit dem sich ein Wort reden läßt, der vor allem weiß, daß er noch viel zu lernen hat. Es ist schwer mit Wagner zu arbeiten, weil er nicht lange still hält. Er springt von einem zum andern, ist nicht lange festzuhalten bei einer Sache, welche alsbald ihre Erledigung finden könnte. Er will sein eigner Regisseur sein aber für diese Kleinarbeit fehlt ihm so zu sagen alles, da sein stets auf das große Ganze gerichteter Sinn ihn die Einzelheiten wieder aus den Augen verlieren läßt und er morgen vergessen haben wird, was er heute arrangierte und angeordnet hat. Was dann? Dabei kann ich nicht behilflich sein, denn kochen zwei Köche, wird das Gericht nicht zu verdauen sein, ich hoffe, daß auch hier der richtige Weg gefunden wird.
Wenn Ihr bedenkt, daß außerdem eine Elite von dramatischen Sängern, wie Niemann, Betz, Hill usw. sich vereinigt, so wird meine Stelle als Hilfsregisseur mir sehr prekär diesen Männern gegenüber. Das sind die Gedanken, die mich beschleichen und mir Sorge machen. Doch fort damit, ich will dem gütigen Geschick vertrauen und mich nicht feige finden lassen, Gott gebe mir Kraft. —
Heute abend Konferenz bei Wagner. Frau Cosima ist noch immer an einer Zahngeschwulst leidend. Ich schlug Wagner vor, Figurantinnen für die Rheintöchter zu verwenden. Wagner ging nicht darauf ein, er meinte, Brandt habe die Schwimmapparate so eingerichtet, daß die Schwestern Lehmann und Frl. Lammert, welche ihm außerdem versprochen hätten, selbst zu schwimmen, keine Angst zu haben brauchten und in der neuen Einrichtung nicht am Singen verhindert sein würden. Brandt kommt am 15., Schlosser, der Darsteller der Mime, morgen. —
Die Besetzung des Rheingold ist folgende: Wotan — Betz, Donner — Elmblad (ein Schwede), Froh — Unger, Loge — Vogl, Fasolt — Eilers, Fafner — v. Reichenberg, Alberich — Hill, Mime — Schlosser, Fricka — v. Sadler Grün, Freya — Haupt, Erda — Jaide, Woglinde – Lilli Lehmann, Wellgunde — Marie Lehmann, Floßhilde — Lammert. —
Die heutige Konferenz 8—10 1/2 Uhr), in welcher außer den Musikern Herr Dr. Pringsheim und Kapellmeister Riemenschneider Lübeck, den ich schon im vorigen Jahr kennen lernte, — Unger war ohne Grund fern geblieben (etwas launenhafte Natur) — war für mich höchst interessant. Ich muß mir die größte Mühe geben, wenn ich einer genauen Darlegung gerecht werden will. Wagner spricht leise, undeutlich, gestikuliert viel mit den Händen und Armen; die letzten Worte eines Satzes geben annähernd zu verstehen, was er will und man muß höllisch aufpassen; ich denke, daß ich mich bald daran gewöhnen werde. Die Sprechart Wagners ist, um einen Vergleich zu ziehen und um die Eigentümlichkeit desselben annähernd deutlich zu machen, ungefähr die eines Menschen, der sitzend ein leises Selbstgespräch hält und die letzten Worte des Satzes, wie schon gesagt, mit dem Ausatmen herausstößt.
Die Unterhaltung begann zunächst mit Riemenschneider, welcher seit einigen Jahren als Kapellmeister in Lübeck fungiert. Er scheint ein wohlhabender Mann zu sein, kaum 30 Jahre alt, leidet an Fettsucht, ein jugendlicher Falstaff, wie ihn auch Wagner nennt. Er ist enragierter Wagnerianer, gehört zu den 12 Personen, welche 1873 die Gedenktafel an Wagners Geburtshaus in Leipzig stifteten. Er ist es auch, der in seinem Wirkungskreis, Magdeburg, Lübeck usw. Wagners Werke mit großem Erfolge einführte und kultivierte; er ist von Wagner gern gesehen. Die Unterhaltung drehte sich um und über die Musikzustände in Lübeck.
Daran anknüpfend, erinnert sich Wagner an sein eigenes Wirken in den dreißiger Jahren in Magdeburg, wo er mit dilettantischen Kräften durch Mut und Beharrlichkeit die großen Werke unserer Meister aufgeführt und damit, natürlich nicht ohne die unendlichsten Mühen, ganz gutes erzielt hatte. Nun kam er auf Dessau zu sprechen, er erzählte, wie er als Schüler eine Reise über Zerbst nach Magdeburg gemacht und wie ihm Dessau entsetzlich erschienen war, schlechtes Pflaster. Bis auf die Haut durchnäßt, hätte er sich in einem Gasthaus minderwertigster Art nackend ausziehen müssen. Dagegen Zerbst sei ihm aufgefallen und wie ein kleines Nürnberg erschienen. — Es sei ganz eigentümlich gewesen, wie eine Stadt, welche durch den ersten Eindruck ihm widerwärtig geworden, bei einem zweiten Besuch im Sommer zu der Aufführung eines Oratoriums von Schneider ihm nun als eine kleine sonnige Residenz erschien. Er schilderte die Eindrücke als die angenehmsten: Schloßgarten, Orangeriehaus, in dem die Aufführung stattfand Schloß usw.
Endlich sein drittes Hinkommen, wo er von Bremen aus auf seiner Rundreise in Dessau angefragt hatte, ob und wann er wohl einer Opernaufführung beiwohnen könne; wie ihm geschrieben wurde, daß der Tenorist krank und man ihm den Gluckschen Orpheus angeboten habe. Bei seiner Ankunft hatte er ganz denselben Eindruck wie das erste Mal, die schöne, kleine, sonnige Residenz erschien ihm düster und unfreundlich, schlechtes Pflaster. Überrascht sei er gewesen von unserem Theater. Das Vorspiel zu den Meistersingern habe begonnen. Nachdem sei der Vorhang aufgerauscht und vor ihm hätte ein lebendes Bild (Schlußscene Meistersinger gestanden, so daß er sich mit tränenden Augen seiner Frau zugewandt und gefragt habe: „Wo sind wir?“ Was er dann von der Aufführung des Orpheus gesagt, ist bekannt.
Er fügte hinzu, er sei von einem Erstaunen in das andere gefallen, die Arrangements wären so über Alles sinnig und schön gewesen, er hätte den Intendanten dann gefragt: „Wer ist hier Regisseur und Arrangeur?“ Dieser hätte geantwortet: „Das macht mir Alles mein kleiner Ballettmeister. Hier unterbrach ich ihn —: „Meister, ich sagte Ihnen schon im vergangenen Jahr, daß die Seele des Ganzen Diedicke gewesen ist. Dieser hat seit seiner Jugendzeit, solange er Musik treibt, sich mit dem Gedanken getragen, den Orpheus in Dessau aufzuführen. Normann ist ihm freundlich entgegengekommen und hat ihm Dekorationen malen lassen. Als wir mit dem Einstudieren anfingen, hatte Diedicke das ganze Arrangement und die Regie längst fertig. Mich erwählte er dazu, sein Hilfsregisseur zu sein. Meine Arrangements, welche in das Balletressort schlugen, führte ich ihm erst vor, um sein Gutachten zu hören, er, ich muß es Ihnen immer wiederholen, war die Seele des Ganzen.“
Wagner: „Ja doch, ja doch! allen Respekt vor Diedicke, aber Sie sollen mir nicht weismachen, daß Sie ihm die Tempi nicht angegeben haben. Diejenigen, die oben stehen, die Mitwirkenden, haben jedem Capellmeister die Tempis zu geben, vorausgesetzt, daß es geniale Künstler sind. Daß Diedicke in der kleinen Ansprache des Textbuches Polemik treibt, hat mir übrigens nicht gefallen!“ „Meister,“ sagte ich, „die kann ich unmöglich darin finden, sie sollte für den größeren Teil des Publikums belehrend sein, das Interesse für die Aufführung rege machen.“ Darauf ging Wagner zu den Sängern über und sagte: „Welch angenehmen Eindruck hat mir die Euridike der Frl. Pauli gemacht, hier hätte eine Künstlerin mit großem dramatischem Talent gestanden, da sei Alles plastisch aus einem Gusse gewesen. Er habe auch in Folge dessen Unterhandlungen mit ihr gepflogen, die sich aber zerschlagen, weil sie schon anderweitig über ihre Zeit verfügte.“ „Es wäre mir sehr lieb, wenn ich sie jetzt noch zur Gutrun bekommen könnte,“ sagte Wagner.
„Frl. Weckerlin hat mir, obgleich ich ihr geschrieben, den Probeplan schon im November geschickt neuerdings nach Breslau und Hannover telegraphiert, noch nicht geantwortet es ist zum verzweifeln!“ „Ich will sofort an Frl. Pauli schreiben,“ sagte ich, „vielleicht bestimme ich sie, daß sie kommt, eine bessere Gutrun können Sie nicht finden.“
„Ach das wäre mir sehr lieb, aber vor Allem müssen wir mit der Weckerlin ins Klare kommen, warten wir bis übermorgen, unterdessen haben wir Zeit, eine definitive Anfrage an die Weckerlin zu stellen und eine ebensolche Antwort zu erhalten. Nun gut, also übermorgen! Nun laßt uns ein bischen Musik machen, Rubinstein, spielen Sie uns meine Lieblings Sonate von Beethoven, Op. 54, Menuettempo.“
Wagner korrigierte sofort das Tempo: „Fragen Sie unsern Balletmeister, wie es genommen wird.“ Ich gab es an. „So ist es richtig!“ Und nun bewegte er sich nach den Rhythmen in gravitätischen Schritten durch das Zimmer in der komischesten Art, gestikulierend, taktschlagend mit Beinen und Armen, er sprach dann viel über Beethoven und übe die Art, wie die Musikstücke entstanden usw. So wurde es ½ 11 Uhr und ich mahnte zum Aufbruch. Wagner raucht nur im Wirtshaus. Wird der Garten erst geöffnet sein, dann geht auch da das Rauchen an. Die Sehnsucht nach dem Glimmstengel hatte bei mir den höchsten Grad erreicht. Wir sagten uns herzlich wie immer Gute Nacht, und es ging zu Angermann, wo schon die Freunde Gießel, Heumann und Schuchardt uns erwarteten.
