Mittwoch, 17. Februar (17. Februar 1892)

Siegfried Wagner Reisetagebuch

„Malaga Monsieur“, tönt’s um ½7 Uhr; auf, angezogen und gefrühstückt, (die Fahrt kostete 18 Frcs. à Person). – Jetzt sind wir im eigentlichen Spanien; eine namenlose Bande von Schiffern an Bord, um uns überzusetzen. Am Lande wurden die Koffer ganz bis zum Grund untersucht, sogar in die Taschen langen sie, die fanelone-Gesellschaft; hätten wir den Lumpen einen Escudo gegeben, so wären wir frei passiert; aber wer denkt gleich an solche Gemeinheit bei einer Behörde!

Malaga liegt sehr schön da, umgeben von etwas kahlen Bergen, ganz modern, an Neapel erinnernd, mit einer Unmenge von Bettlern und frechen Lausbuben, die einen verfolgen. Wir gehen ins Hôtel de Rome, frühstückten, lasen Figaro und Frankfurther Zeitung, um an der Quelle französischen und germanischen Geistes[1] uns zu laben, gehen darauf in den Dom, der an und für sich plump und kalt ist; aber mich doch interessierte durch spanische Eigenheiten: z. B. ist das Innere eine möchtige Hallenkirche (1700. 18. Jahrhundert) mit Chorumgang, antiken (korinthischen) Säulen-Bündeln und dem Chor mitten in der Kirche [wie in den Fraris[2]]. – Sonst ist in der Stadt nichts zu sehen. 

Um 1 Uhr fuhren wir mit der Bahn nach Granada. – Die Fahrt dahin (27 Francs) ist wundervoll und einzig in ihrer Art. – Nach einer halben Stunde Entfernung von dem Meere beginnt der Zauber der Vegetation sich aufzutun: von fernen zackigen Bergen geschützt blühen in üppiger Pracht Mandelbäume, Orangen, Eucalyptus-Bäume, überall strecken sich die frechen Cacteen entlang, und schlank überragt alle die einzelne Palme. – Ich drohe poetisch zu werden! Nur nicht das; da wird man so leicht ridicül, wenn man sich wieder liest!

Unerhört ist die Kraft der Farbe; der Himmel wie ein echter Böcklin. – Immer kühner wirds umher, bis die Berge drohend nahen mit furchtbarer Schroffheit und öder Kahlheit; die Pracht schwindet; nur kleine struppige Stechpalmen bleiben zurück; die Bahn steigt energisch; das Bild wird furchtbar, erschreckend und grossartig.
Es ist die Sierra Nevada, welche hier beginnt; je weiter wir nach oben kommen, desto merklicher wird die Abnahme der Temperatur. – Jetzt fahren wir um einen Felsen herum, der auf der einen Seite wie Mama und Weber aussieht, auf der anderen vollständig wie Goethe im Alter. – Es dunkelt und wird regnerisch. 

Wir schnatzen ein kleines Huhn zusammen, Orangen und Äpfel, machen die dümmsten Witze und schlafen schliesslich ein. 
Da wach ich plötzlich auf, – es geht mir` was im Kopf herum! Eva[3]’s Geburtstag. – o ich Schafskopf! –  –  – Als ich wieder eingeschlafen bin, rüttelt uns der Ruf „Granada“ auf. – – – Es regnet! wie schade. Wir fahren durch die Stadt nach dem Hotel hinauf, welches 2 Minuten von der Alhambra entfernt liegt; gegessen und zu Bett. Das Hôtel „Roma“ ist sehr nett, ganz italienisch, Pension 12 Francs pro Person. – 


[1] Natürlich ironisch gemeint.
[2] Kirche in Venedig.
[3] Siegfried’s Schwester Eva, spätere Gattin Houston Stewart Chamberlains.


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