Treu und innig geliebter,
großer Freund!
Meinen telegraphisch Ihnen und den Ihren neulich ausgesprochenen Glück-Wunsch zum so bedeutungsschweren, seit langer, langer Zeit sehnsuchtsvoll herbeigewünschten Jahre, drängt es mich auf diesem Wege aus Grund des Herzens zu wiederholen. Kein Weihnachtsgeschenk hätte mir willkommener sein können, als die Erzählung Ihres bedeutungsvollen, thatenreichen, großen Lebens. Zu meiner Betrübniß entsinne ich mich, daß Sie einst mir mitgetheilt haben, Sie hätten nur vor, Ihre Biographie bis zum Jahre 64 zu schreiben. Eine besondere Freude würden Sie mir nun durch die Vollendung Ihrer Lebensgeschichte bis zu den Aufführungen der großen Nibelungen-Tetralogie bereiten. Als ich im vorigen Frühjahr die inständige Bitte an Sie richtete, für mich die herrlichen Abschiedsworte Brünhildens zu componiren, versprachen Sie mir die Erfüllung meines Wunsches auf so freundliche Art, daß ich auch auf gütige Gewährung dieser Bitte, die mir sehr am Herzen liegt, zu hoffen wage. Ist die Composition jener himmlischen Worte vollendet?
Alles, was Sie über das große Unternehmen im August mir auf so hochinteressante Weise mitzutheilen die Güte hatten, hat mich mit inniger Freude erfüllt, da Alles seit so vielen, vielen Jahren mächtig Ersehnte nun wonnebringend in Erfüllung zu gehen scheint! Die mehr oder weniger verhaßten Fürstlichkeiten in Bayreuth aber persönlich zu empfangen und ihr Geschwätz anzuhören, ihnen dort die honneurs zu machen, statt mich in Ihr hehres Götterwerk zu vertiefen, dazu könnte ich mich nie und nimmer entschließen. Ist mir doch die im December stattgehabte Aufführung des Lohengrin noch zu lebhaft im Gedächtnisse, der ich mit fürstlichen Personen anzuwohnen nicht gut auskommen konnte; dahin war natürlich aller Kunstgenuß. Nur keine Wiederholung [eines] ähnlichen Falles in Bayreuth! um Alles nicht!
Heute las ich, daß Scaria aus Wien nun doch ein bedeutendes honorar für seine Mitwirkung in Bayreuth verlangt; wenn nur nicht die übrigen Mitwirkenden, durch sein Beispiel verführt, ebenfalls aufhören wollen, die Entsagenden zu spielen, und so am Ende das ganze Gelingen in Frage stellen! – Wenn nur Ihre theure Gesundheit kräftig bleibt und die furchtbaren Anstrengungen der letzt vergangenen Zeiten Ihnen nicht schaden! So sehr gerne hörte ich Näheres über Sie, geliebter Freund, Ihre Gattin und die Kinder!
Bis gegen Ende d.M. gedenke ich im geliebten, so gesunden Hohenschwangau zu weilen u. dann das verhaßte Leben im ungeliebten München wieder anzutreten. Durch Vertiefen in fesselnde Werke entziehe ich mich so viel als möglich der von mir im großen Ganzen verabscheuten Gegenwart. Das, was ich bis jetzt in Schuré’s meisterhaft geschriebenem Werke über Sie, Großer, Erhabener, gelesen habe, hat mir sehr großen Genuß gewährt! nicht genug kann ich Ihnen für dessen Übersendung dankbar sein! –
Welchen Sänger haben Sie endgültig für den »Siegfried« ausersehen? – Für immer und ewig liebend u. begeisterungsvoll, freudevoll dem wonnespendenden Sommer entgegenharrend, bleibe ich immerdar
Ihr
allergetreuster Freund,
der nie wanken wird
Ludwig.
Hohenschwangau
den 11. Jan. 1876
(dem Nibelungen-Jahr!)
