Freitag, 19. Februar (19. Februar 1892)

Siegfried Wagner Reisetagebuch

Es ist stürmisch und regnet; wir sitzen den ganzen vormittag zuhause und schreiben an diesem Tagebuche.
Furchtbarer Ärger wegen des Telegramms nach Wahnfried: man fragt von Berlin wie der lieu de destination meines Telegrammes heisst, da diese elenden Kerle „Wahnfried Bayreuth“ auf das entsetzlichste verstümmelt hatten. Ich schimpfte wie toll, so dass der Hotelier über meine Wuth lachen musste, als ich schloss: ce n’est donc pas ma faute, si ces Espagnols ne savent pas lire. – 
Nach dem Dejeuner gehen wir wieder in die Alhambra; es regnet nicht mehr, ist aber grau. Der Eindruck ist wieder ganz hinreissend; wir setzen uns lange in den Löwenhof; dann gehen wir nochmals in die anderen Räume;
im Salon del Reposo del Baño redet uns ein kleiner deutscher vegetarianischer Maler oder Architect an, welcher copiert und furchtbar schwäbelt; er war 10 Jahre in Karlsruhe und heisst – Rampelmeier! – Ach Oberländer, wärst Du hier!
 
– Etwas commun und trivial, rührend nur duch den echt deutschen Eifer, der ihn, trotz geringer Mittel, zu dieser grossen Reise antrieb. Er schloss sich uns an, als wir nach der Cartuja (Karthäuser-Kloster) wanderten; wir geriethen gleich in einen heftigen Streit über die moderne deutsche Architektur, und musste ich mich sehr in Acht nahmen nicht grob zu werden. Der Deutsche hat doch gar keinen Geschmack; wie strich ich die moderne pariser Architektur heraus! fast musste ich über mich selber lachen. – 
 
Die Cartuja ist ganz inferiorer jesuitischer Art und sehr unangenehm. Was ich bis jetzt von christlich-spanischer Architektur gesehen habe, hat mir durchaus missfallen. Wir trennten uns von Herrn Rampelmeier und gingen in ein Café, dann ins Hôtel. Den Abend sassen wir wieder ruhig und schrieben.



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