Freitag, 12. Feburar. (12. Februar 1872)

Siegfried Wagner Reisetagebuch

Um 8 Uhr aufgestanden; windig und kalt, recht unfreundlich, tüchtige Ernüchterung auf die gestrige Sentimentalität; das Meer ist ruhig, grau und etwas stumpfsinnig; Nebel umgiebt es und lässt seltener die vorbeifahrenden Schiffe sehen. Herrliches Frühstück um 9 Uhr; Alvary vis-à-vis. Mouton-chop etc., grossartige Marmelade; die Kellner sind famos; einer ist bildschön, sieht dem Duke of Clarence[1]frappant ähnlich; er weiss, dass wir ihn nett finden und macht schon kleine Posen. Auf dem Deck ist ein niedlicher Seeofficier, der seine Flamme an Bord hat; er darf nicht von seiner Stelle, der arme Tropf; er sieht uns Gutmüthigkeit und Verständnis für romanhafte Situationen an, bittet uns um Mantel und Hut; ich setze seine Kappe auf; bleibe stehen und der kleine Tropf eilt zu der Liebsten. 

Es war so heiter und so nett dabei, dass wir ganz entzückt waren, ihm behülflich zu sein. Nach 10 Minuten kam er wieder.  Was werden wir wohl heute treiben; auf dem Deck ist es unfreundlich! Ein Italiener sitzt in der Nähe, will anbändeln; ich verspüre noch keine übermässige Lust dazu.

Jetzt wird gesketcht. Eben fuhren wir an der Isle of Wight vorbei; recht tötlich bei der grauen Beleuchtung; 1 Uhr Luncheon; das Vis-à-vis ist dasselbe; im allgemeinen haben Hass, Neigung und Gleichgültikeit gegen die Mitreisenden sich gesteigert.
Vor dem Lunch las ich einige entzückende Kapitel Sterne; – der Wind u. die Kälte dauern fort bis 7 Uhr; dann wird es entzückend mild, wie getern; wundervoller Sonnenuntergang, zu gleicher Zeit dicker Mondaufgang, ganz grün zuerst noch vor Neid auf die rothe Sonne. Beim 5 o‘ click tea unbeschreibliches Vis-à-vis; fünf ältliche Engländerinnen, eine hässlicher wie die andere, fast wie Thoma’s Nornen, aber furchtbar freundlich. Wir zwei erwecken das Interesse des ganzen Schiffes; man weiss nicht, was recht mit uns anfangen, was wir eigentlich sind; man blickt neugierig auf mein Sketches; kurz, wir fühlen uns.

Das Meer ist immer ruhig heute; abends legte sich auch der dumme Wind; um ½8 Uhr kamen wir in Plymouth, d.h. im Hafen, weit von dem Orte an, um eine Menge Matrosen und Marine-Soldaten aufzunehmen; es dauerte über eine Stunde bis sie drinnen waren mit ihrem Gepäck; es sah sehr effectvoll aus, wie die ganze Sache vor sich ging; die strahlende Mond-See, die rothen Schifflichter, das gelbe erleuchtete Unterdeck, die rothen Jacken der Marine-Soldaten, die guten Matrosen mit den weißen Säcken, dazu die Araber, behülflich, die Neger, faulenzend, die Europäer paffend; wenig Geschwätz bei der Arbeit; grosse Sauberkeit. – Nach diesem kleinen Ereignis fuhren wir weiter jetzt direkt nach Süden; langes Deck-bummeln; jetzt schreiben, dann zu Bette gehen – herrliche Einförmigkeit.


[1] Hier der älteste Sohn König Eduards VII. 1864-1892.


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