Wirklich! heute ging’s los, heute,
Donnerstag, den 11. Februar 1892
von London, Albert-Docks (ausnahmsweise nicht Queen-Victoria-Dock genannt), auf der “Shannon”, grossem Orient-Schiff mit den unglaublichsten Creaturen darauf; Austin, Clements[1] famoser, echt englischer Bruder begleitete uns an Bord; von der vortrefflichen sorgenvollen Mutter Clements u. seinem Vater u. Schwester hatten wir zu Hause Abschied genommen. Wie reizend war der Anblick zahlloser Laskars (Araber) mit blauen Jacken, rothem Kopfputz, weissen Hosen und kupferner Hautfarbe, welche die Koffer ins Schiff luden.
Wir zwei haben eine Cabine zusammen im Post-Office auf dem Vorder-Deck; die grosse Frage, wer oben oder unten schläft ist noch nicht entschieden; vielleicht wechseln wir ab; denn wozu soll der eine die ganze Zeit die Catarfakte des anderen sehen, der andere die des einen hören? Bis jetzt sind wir noch nicht aus der Themse, so dass wir von Meer noch nicht sprechen können. Auf dem Schiff sind eine Menge Passagiere, meist Engländer, 2-3 Juden, darunter, Mr. Salomon, spanischer Jude; eine Menge kleine Miss Hudsons u. Chickeries, auch Miss Anny Bob Hugh[2], mit kleiner Himmelfahrtsnase, süssem Strohhut, einer Novelle von Mrs. Humphry Ward in der Hand; Flirting und Mattering; ein Mann glaubt sehr schön zu sein, ist es aber leider nicht; sieht Alvary[3] ähnlich; will, dass wir zwei ihn betrachten, was wir gleich heraus hatten u. ihn daher vollständig ignorieren.
Wir machen die herrlichsten Beobachtugen: unglückliche Ehen, Anbändeleien, Lappigheit von Männer-Seite, vollständiger Stumpfsinn, aufgegebne Heiraths-Hoffnungen was theilweis zu entzückender Resignation führt mit Zwicker un. Schleier, Roman u. Heiterkeit, theils zur Carrikatur wird mit emancipiertem Gang, Knall-Pünktchen im Gesicht, gelben Schuhen und wilden Blicken. – Eben sitzt mir vis-à-vis ein liebes kleines Wesen, charming hübsch, etwas Boni[4] gleichend, etwas coquettierend, mit Pelzkrägelchen über einem hellbraunen Mantel; die englischen Mädchen können wirklich entzückend sein.
Um 1½ Uhr hatten wir Luncheon im grossen eleganten Speisezimmer; famoses Stout, Irish Stew u. Roastbeaf; wir beobachten beständig und machen die harmlosesten dümmsten Witze. Nachher promenieren wir auf dem Deck, ich nahm Tristram Shandy[5]; kam aber nicht ordentlich vorwärts, da ich an den Füssen fror; die englische Küste ist etwas langweilig und puritanisch; die kleinen blöden Kirchen und die isolierten „Öh“häuser[6] machen zu wenig Anspruch an irgend ein menschliches Gefühl. Die Segelschiffe sehen entzückend aus. – 5 Uhr-Tea; wieder alles vesammelt; jetzt sitze ich hier. Eben bändelt eine alte Miss Chickery mit Brille, weissem Schleier und gutmüthigem Ausdruck mit uns an; eingehende Erörterung warum das Schiff auf einmal hält; wir müssen warten bis die Flut kommt, weil die gute Themse etwas wasserarm zu sein scheint.
Singe, o Muse, des Mondes hellleuchtende silberne Scheibe
Wie er die Luft umwebt, wie er im Meere sich sieht
Träumend hat sich die See dem Träumenden Fernen ergeben,
Liebetrunken umgarnt, eint sich das himmliche Paar,
Wiegend und wogend und webend in raumlos schwebender Nähe
Küsst sie den holden Freund, küsst er den lieblichen Mund.
Das soll die Stimmung von heute Abend ausdrücken.
Es ist geradezu bezaubernd; warm, windlos, glänzend.
Cl. u. ich stiegen lange umher auf dem Deck, singend und lachend; um ½7 Uhr hatten wir Abend-Essen; vis-à-vis sass Pseudo-Alvery mit einem blühend blöden Freunde, ferner der strahlende Nelson; man ass tüchtig; o benützt die Zeit, verehrte Versammlung vor der Bay of Biscay!
denn dann: …. sind wir öde wie die Schlussquninten des Inferno[7]. Um 11 Uhr gingen wir zu Bett; durch das Loos erhielt ich das obere Bett; equilibristisches Kunststück hinaufzukommen; wir, oder wenigstens ich, schlief spät ein; man muss sich erst an die Unmasse Luft gewöhnen. Neben uns sind 2 alte Herren, welche munter quatschen; endlich schlief ich ein und träumte von „Üch“[8]! How silly!
[1] Clement Harris, ein junger Engländer, der gleichzeitig mit Siegfried in Frankfurt Musik bei Humperdinck studierte.
[2] Diese Namen sind Erinnerungen Siegfrieds, um gewisse immer wiederkehrende englische Typen zu charakterisieren.
[3] Max Alvary – sang 1891 in Bayreuth Tristan und Tannhäuser.
[4] Kosenamen für Siegfrieds Halbschwester Blandine von Bülow, spätere Gräfin Gravina.
[5] Roman des englischen Humoristen Lawrence Sterne 1713-1768.
[6] Nachahmung des beständigen Ausrufs der Engländer bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit.
[7] Siehe Liszt’s Symphonische Dichtung „Dante“.
[8] Spitzname für Eduard Speyer, Kunstenthusiast und Freund der Familie Thode.
