Donnerstag, 18. Februar (18. Februar 1892)

Siegfried Wagner Reisetagebuch

Es regnet etwas, hört aber später auf; leider kein blauer Himmel; wir sind fast allein im Hôtel; nehmen einen etwas englisch sprechenden Führer und gehen hin, ja wir gehen hin und hinein in das grösste Steinerne Wunder der Welt.
 
Mit keinem Gefühle, das ich je empfunden, der Kunst gegenüber, kann ich das vergleichen, welches mich überkam, als ich in die Hallen der Alhambra trat; 
mir war’s als führte mich eine Hand über Raum und Zeit hinweg vor ein Traumgebäude, in dem ich nicht sprechen, nicht athmen, nicht gehen durfte; ein einziger Laut zersprengte das Gebilde und ich erwachte in einem trüben nordischen Zimmer? Ist es erhaben? Ist es lieblich? ist es grossartig? ist es heimlich? Nichts will passen! Auch nicht fremdartig!; der Begriff: Stil, Gesetzt, Symmetrie, Eurythmie, all das bleibt mir fern, und doch ist alles Gesetz und Harmonie. 
Üppig, schwelgerisch reich, und doch einfach, klein und gross, phantastisch, und doch fast arithmetisch! in vielen Farben schillernd und doch aus einem Ton! die Architektur durchbrechend, überschreitet’s doch keines ihrer Gesetze. Es ist ein Wunder, das mich umgiebt, und ich kann eigentlich nicht reden und schreiben darüber, wie über alles Unantastbare; gewiss ist es der grösste und seltenste Eindruck, den die bildende Kunst ausüben kann.
 
Nicht die Friese des Parthenon, oder der Tempel in Pästum, nicht die Markuskirche oder irgend welches Gebäude vermag wohl das, was dieses vollbringt: mit einem Zauberschlage uns ganz in die entschwundene Zeit einer grossen Kultur zu versetzen, uns die herrlichen Wohlgerüche, die gewirkten Seidengewänder, die lieblichsten Frauen ahnen zu lassen, wie sie in Tausend und Eine Nacht so wundersam auf uns wirken. – 
 
Ich will versuchen, unsren Gang durch die Burg etwas zu verfolgen. 
Die Zeit der Alhambra ist 1360-90 circa, unter Mohamed II und Jussuf. – 
Der Plan ungefähr ist dieser:
1)   Patio de los Arrayanes
2)   Patio de los Leones
3)   Sala des las Abencerrages
4)   Sala de las dos Hermanas
5)   Mirador de Lindaraja
6)   Sala del Tribunal des Justicia
7)   Salon de Embajadores
8)   Patio de la Mesquita
9)   Sala del Reposo del Baño
10) Patio de Lindaraja
11) la Mezquita
12) Zimmer Washington Irvings
13) Grosses Badezimmer
14) Badezimmer des Sultans
15) Boudoir der Königin
 
Zwei greuliche Amerikaner und Deutsche machten uns fast zu Mördern vor dieser himmlischen Welt; wir baten die Führer, uns zurückzulassen, und diese elenden Tropfen vorantrotteln zu lassen. Wie hasst man doch in solchen Stimmungen die rohe Stimme des eindrucksunfähigen Neugierigen; hätte das Bellen eines Hundes, ja das Grunzen eines Schweines uns stören können? sicher nicht. 
 
Wir bleiben den ganzen Vormittag dort, von einem Staunen und Entzücken ins andere gerathend. – Ungehörigerweise hat Karl der Fünfte gerade neben der Alhambra einen grossen (nicht einmal vollendeten) Palast errichtet in plumpem Hochrenaissance-Stil, und zwar so nahe, dass er auf den Patio de los Arranjanes und den Löwenhof tölpelhaft drückt. Ein Verdienst desselben Kaisers dagegen ist es, in feiner Weise restauriert, und manches daher vor Verfall gerettet zu haben. Die Führer finden natürlich das Interessanteste am ganzen Bau die Zimmer, welche Washington Irving[1] bewohnt hatte.
 
Nach diesen himmlischen Stunden lunchten wir im Hôtel à l’espagnole, d.h.: Omlette mit Zweibeln, Fisch mit Zwiebeln u.s.w. Ein wahrer Zwiebel-Hexensabbath mit Maurischer Musik entwicklete sich in folgedessen bei mir, aus dem mich nur der Beckenschlag eines tüchtigen Spazierganges zu retten vermochte. – 
 
An der Hôtelthüre erwartete uns ein kleiner, sehr hübscher heiterer und frecher Bube, der uns auf unsrem ganzen Wege geleitete und wirklich behülflich uns sehr amüsant war. – 
Die Stadt, am Fusse des Alhambra-Hügels gelegen und auf verschiedene andere Höhen sich erstreckend, ist ziemlich schmutzig, malerisch und arm; die Spanier sind wirklich furchtbar heruntergekommen. Der Bub, Juan de L’Ar genannt, führte uns zum Dom. O Gott, war das ein Contrast zu dem heute früh‘ Erlebten; dort alles sinnlich reizende Grazie, hier alles kalt, plump, dumpf, pfäffisch, ernst-sein-wollend, – Pfui Teufel. Mir graute ganz vor dem Katholicismus, der Inquisition, und allen schändlichen Greulen, die sie unter dem Schutze der Hostie vollbracht, – feuchter Geruch mit Weihrauch-Duft, Bilder von gemarterten Heiligen, süsslich‘ ekstatische Christus-Gestalten. – 
Keine Naivität, keine Freudigkeit, kein reizender Leichtsinn. – Die Kirche ist aus dem 17. Jahrhundert, colossal, mit 5 Schiffen (sehr hohen Seitenschiffen), antiken Säulen-Pfeilern, Chorumgang (?) und grossem Chor in der Mitte, wie in Malaga; von da gingen wir in den alten arabischen Markt; dann nach S. Jeronimo, interessante, später überklexte Kirche mit bedeutendem bemalten Holzschnitz-Altar. – 
 
Dann wir konnten nicht widerstehen – kauften wir uns jeder eine „Kapa“, andalousischen faltigen Mantel für 40 Francs. Wir finden uns unwiderstehlich darin und die Spanier können sich nicht genug verwundern, wenn sie unter ihren nationalen Costümen einen Engländer und einen Deutschen sehen. Den Effect, den einen Zipfel über die Schulter zu schwingen, hatten wir bald los; der Jubel unsres Juan de l’Ar, uns so maskiert zu sehen, war unbeschreiblich. 
Wir gaben dem Tropfen einen Peseta, gingen in ein Café, von da nach Norden in das Thal, westlich von der Alhambra, in die Zigeuner-Vorstadt (Gitanas) – unheimlicher Eindruck; dort nisten hunderte von Zigeunern in kleinen Felsen-Wohnungen mit engen niedrigen Ausgängen, aus denen bläulicher Rauch hervordringt; viele phantastische Erscheinungen, Mädchen, fortuna zu lesen, laufen uns nach; zwischen den Wohnungen ist meistens ein Kreuz aufgestellt, als Anté-Jettatura[2] – überall dazwischen verrückte Cakteen-Verzweigungen! – 
 
Wir gingen etwas über das Kloster Miquel hinaus, dann kehrten wir um, da es uns nicht ganz geheuer schien, weiter zu gehen. – Abends waren wir im Hôtel ruhig, und legten uns bald schlafen. Clement kam in mein Zimmer, als ich schon im Bett lag, und gab eine Vorstellung von Hamlet und Henry the Eighth, indem er sich costümierte als die verschiedenen Hauptfiguren. Es war so furchtbar komisch, so voll echten englischen Humors, dass ich fast erstickte vor Lachen; er ist überhaupt einzig und wir quatschen einen Blödsinn zusammen der kaum seinesgleichen hat.


[1] Amerikanischer Schriftsteller, 1783 – 1859.
[2] Gegen den bösen Blick.


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