Früh um ½5 Uhr weckt uns der Stewart: „Gibraltar, Sir“.
Wir beide sind furchtbar faul, müssen aber auf. Es regnet warme Tropfen. Im Zwielicht erblicken wir den imposanten Felsen und unten an ihm die Lichter der Stadt.
Wir frühstücken mit mehreren Mit-Landenden, nehmen von den Anderen Abschied und beglücken durch Trinkgelder. Was für liebliche Gesichter so eine dumme Münze doch hervorzubringen vermag! –
Ein kleines Boot nimmt uns auf, um nach der Stadt zu fahren. Während des Trajekts wird es wilder und regnet mehr, so daß wir da zum ersten Male hätten an Seekrankheit glauben können; aber die Küste war zu nah.
Alles ist hier englisch; und der Contrast des südlichen und nördlichen unglaublich. Am custom-house hatten wir keine Schwierigkeiten. Die Befestigungen sind colossal; doch davon erst nachher; zunächst fuhren wir nach dem Hôtel Royal, zuerst an Palmen und Rosen vorbei, dann durch die enge Hauptstrasse mit seinem ganz italienischen Leben. Das Hôtel ist etwas betrügerisch. Wir machen uns gleich auf, erst zum Telegraph; dann geht das Obst-Essen los, himmlische Orangen, Bananen, Mandeln, Nougat etc. wir suchen Mr. Smith, Agent der London Coal-Company auf, der sehr freundlich sich unserer annahm, uns eine Entrée zu den Gallerien (s. u.) verschaffte; wir besprachen auch den Plan nach Granada.
Von ihm aus gingen wir zum Thor hinaus, in die Anlagen, welche den Norden mit der Südspitze der Halbinsel verbinden. Der erste Anblick, links vom Thore, war ein alter Friedhof englischer Krieger aus den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, das ergreifend Schönste an Stimmung der trauernden und versöhnenden Natür; Heliotropen-Büsche, Pinien, Cypressen, Palmen und frisches Grün, dazwischen gelbe Rosen, vom hellsten Sonnenlichte bis zum dunkelstenfernsten Schatten. Ganz beglückt, wie neue Menschen, in beständigen Ausrüfen, fast heulend, immer bald hierhin bald dorthin blickend, gehen wir weiter in die unbeschreiblich üppigen Anlagen; der ganze, fast unheimlich sinnliche Zauber der südlichen Natur bricht hier los auf einem nicht grossen Raume.
Entzückende duftende Blüthen allenthalben, glühende Orangen, leider schon verblühte Aloe’s etc. etc., viele Palmen! Wie viel dachte ich an das südliche Italien, das ich gerade vor 10 Jahren zum letzen Male sah[1].
Die Sonne brennt tüchtig; der Blick auf die Bucht ist grossartig; fern im Norden: wild zackige Berge, auf der afrikanischen Seite mehr ruhige stolze Linien.
Um 1 Uhr Luncheon; nicht besonders; scheusslicher Valdepennas Wein. Einige „Shannon“-freunde vis-à-vis. Man fühlt sich als intimste Freunde. Um 2 Uhr machten wir uns zu einem grossen Marsche auf, mit unsren neuen engl. Strohhüten, unter denen wir uns unwiderstehlich dünkten. Auf kleinen ganz neopolitanischen Kraksel-Wegen, die aber dank den Engländern, sehr sauber sind, und die unglaublichsten Namen führen: Queens Street, Engineer Road etc., wanderten wir den Berg hinauf bei wundervoller Knall-Sonne, soweit es erlaubt ist; denn oben ist alles befestigt und unzugänglich.
Wir kehren um und gingen in die Gallerien, Meilen-lange in den Felsen gehauene Gänge mit Öffnungen in Entfernungen von 10 bis 20 Metern, in welchen die Canonen stehen; ich durfte mich nicht als Deutschen kundgeben, da nur Engländer Zutritt haben; eigentlich interessieren mich diese brutalen Dinge garnicht und die Millionen, welche die engl. regierung dafür ausgiebt, könnten besser angewendet sein; Gladstone stimmt sehr für Aufhebung der ganzen Colonie; gesprengt wurde diese Gallerien im J. 1788 u. 1798 von den Sträflingen. Schön ist die Aussicht nach Norden über die schmale Landenge, wo ein öder breiter Streifen die Grenze der Colonie bezeichnet, nach den schönen fernen Bergen; unten links, am Meerbusen liegt ein spanischer Ort mit grossem Stier-Kampf-Theater, rechts, direkt unten die Friedhöfe der Engländer, Italiener (?) und Juden, denn deren giebt‘s tüchtig viele, recht unangenehme; wogegen die Mauren in ihren pittoresken Costümen einen guten Eindruck machen.
Von dort kehrten wir in die Stadt zurück, in ein Café, dann an 2 English Churches vorbei, an die Südspitze des Felsens; herrlicher Blick ins Mittelländische Meer und nach Afrika. –
Der Heimweg göttlich, durch einen mächtigen Pinien-Hain; der Schuss vom Felsen kündet Sonnen-Untergang an und hallt brüllend an den fernsten Felsen wieder. Wie glücklich fühlen wir uns, wie gesund und frisch ermüdet. Kaum im Hôtel, erhalten wir die Nachricht, dass wir vollauf Zeit haben nach Granada zu reisen; gegessen, gepackt, gezahlt, gegangen, am Ufer von Smith’s kleinem launch aufgenommen und hinübergefahren zu dem französischen Dampfer „la ville de Barcelone“ von der compagnie transatlantique; obwohl das Schiff nicht so hübsch und sauber ist wie die englischen, so freute ich mich doch sehr, wieder das liebe Französisch zu hören; es klingt doch viel hübscher als das Englisch. –
Alle Spachen wirren hier drucheinander; selbst paar Deutsch machen sich mit unangenehmem Gequatsch breit und hindern uns am Schlaf; was wir ihnen sehr übel nehmen; denn wir sind furchtbar müde und legen uns sofort, jeder in seine Cabine. Wir herrlich schliefen wir!
[1] Den Winter 1881 – 1882 verlebte die Familie in Sizilien.
