Um 11 Uhr zu Wagner, er war sehr unwohl und schickte uns nach Hause. Spaziergang mit Unger nach der Nibelungen-Kanzlei, im Hofgarten Militär-Musik. Ich begrüßte Frau Cosima noch vormittags, sie bat mich den Tanzunterricht wieder aufzunehmen, wie im vorigen Jahr, doch entgegnete ich ihr, daß ich wohl kaum Zeit finden würde, da mich der Meister sehr in Anspruch nähme, und vertröstete sie auf ruhigere Tage.
Nach mittags trat Wagner in mein Zimmer, er war gekommen, um Dr. Pringsheim adieu zu sagen, und hatte das Zimmer verfehlt. Er hatte mit seinen beiden großen Leonberger Hunden einen Spaziergang gemacht, um sich das Kopfweh und die nervösen Aufregungen zu verlaufen. Er sah sehr angegriffen aus, und seine Hand war feucht und kalt. Es schien ihm viel Spaß zu machen, mich in meiner Hauskleidung zu sehen. Seit Jahren benutze ich im Sommer meinen Reiseplaid als Schlafrock, welcher einfach umgehängt, am Hals mit einigen Nadeln festgesteckt und um die Hüften mit einem Lederriemen festgehalten wird. Diese Art Mantel ist sehr praktisch und Wagner besah mich von allen Seiten, wie ein Kind tut, wenn es etwas Seltsames und Neues erblickt. „Sie sind doch in allen Sachen ein Tausendsappermenter!“ führte ihn nun in meinem Kostüm zum Nachbar Pringsheim, der mit dem Einpacken zur Reise beschäftigt war.
Beim Fortgehen, nahm ich Gelegenheit, ihm von dem Wunsche Frau Cosimas betreffs des Tanzunterrichts Mitteilung zu machen. „Ach ach, ach, wir bekommen ruhigere Tage, da können Sie meiner Frau schon den Gefallen thun.“ „Denn man zu“, sagte ich, und unter freundlichem Lachen ging er die Treppe hinab. Jung Siegfried – Unger holte mich zum Spaziergang ab, ich brachte meine Briefe zur Bahn und wir besuchten das Wagner Theater.
Bauführer Runkwitz, ein junger Altenburger, führte uns und zeigte uns die Garderoben und Requisiten-Magazine. Herren- und Damengarderoben sind in überreicher Anzahl vorhanden. Sowie Professor Döpler kommt, soll es an die Einteilung und Einrichtung dieser Räume gehen. Die Decke und der Plafond wird sehr schön, die Stuck arbeiten sind von papier maché, eine noch nicht alte Erfindung. Arabesken, Friese, Verzierungen alles federleicht, die prachtvolle Malerei in matten Farben wird wie Tapete aufgeklebt. Die Gasbeleuchtungsapparate sind im Gegensatz zu Dessau riesenhaft. Aber was noch alles zum 1. Juni im Theater fertig werden muß, ist auch riesenhaft. Außerhalb arbeitet man an den Gartenanlagen man hat aus diesem wüsten Berg das Möglichste geschaffen.
Links vom Theater steht eine Bierhalle, welche am Geburtstag Wagners, am 22. Mai, eingeweiht werden soll. Rechts ein Etablissement, wo 1000 Personen speisen können, soll nächstens in Angriff genommen werden. Der Mittwoch-Abend schloß, wie wahrscheinlich alle noch zu verlebenden Abende, in heiterer Unterhaltung und guter Gesellschaft bei Angermann.
