Delegirtenversammlung der Rich. Wagner-Vereine.

Das Museum, 1876, 119, 21.5.1876 (Belletristisches Beiblatt zur Neuen Frankfurter Presse)

6.2. Bayreuth, 18. Mai.

Folgend der Einladung Meister Wagners und seines Verwaltungsrathes tagten am 15. und 16. ds. dahier die Delegirten der Richard Wagner-Vereine, um von dem Fortgange des Werkes, das demnächst ins Leben treten wird, Kenntniß zu nehmen, und die ihnen von Seiten desVerwaltungsrathes unterbreiteten Anträge zu beschließen. 

Vertreten waren folgende Vereine durch die nachverzeichneten Herren: Der Richard Wagner- Verein in Wien durch Nilius; Mannheim durch Emil Heckel «(dieser zugleich in Vertretung des Vereines in New York); Dr. Grünfeld von Wien in Vertretung des Herrn Barons Victor von Erlanger; I. T. Hildebrand für Mainz; Wilhelm Harburger für denselben Verein; Georg Davidsohn für Berlin; Carl Rödel fürden allgemeinen deutschen Musikverein, den Dresdener und den Leipziger Richard Wagner-Verein; Eduard Gras Du Moulin für Regensburg; M. v. Baligand für München; Dr. Carl Wolf fürden akademischen Wagner-Verein in Wien; E. W. Fritzsch für Leipzig; August Le Simple für Köln; Emil Mattenheimer und Adolph Groß für den Bayreuther Verein. Für den Verwaltungsrath waren anwesend die Herren: Bürgermeister Th. Muncker, Advocat Kaesserlein und Friedrich Feustel. — 

Nachdem die Herren Vertreter der Vereine im Allgemeinen von den Vorbereitungenzu dem Unternehmen, von der Thätigkeit des Wohnungscomites Kenntniß genommen und denTheater-Neubau an der Hohenwart besichtigt, einigten sie sich vor Uebergang zur Specialberathung zu folgender Erklärung, der sie die möglichst weite Verbreitung wünschen:

„Wir halten es für unsere Pflicht, über die Ergebnisse der heutigen Versammlung und über die bei unserer Anwesenheit in Bayreuth gemachten Wahrnehmungen den Mitgliedern unserer Vereine, sowie Allen, welche sich für das nationale Kunstunternehmen interessiren, einen kurzen Bericht zu erstatten: Der rastlosen Energie und der aufopfernden Thätigkeit unseres Verwaltungsrathes, der sich der mühevollen Aufgabeunterzog, die schöpferischen Gedanken Richard Wagner’s praktisch zu verwirklichen, haben wir es vor allen Dingen zu danken, daß, der großen Schwierigkeiten ungeachtet, die wesentlichen Vorbereitungen für das Werk nunmehr vollendet, und dieses selbst vollständig gesichert ist. Den Mitgliedern dieses Verwaltungsrathes im Namen aller Betheiligten den wärmsten Dank hierdurch öffentlich auszusprechen, halten wir für unsere erste Pflicht. —

Weiter können wir unseren Auftraggebern die erfreuliche Mittheilung machen, daß alle Anordnungen sowohl in Bezug auf Vertheilung der Plätze im Theater und für die einzelnen Vorstellungen, als die Sicherung von Wohnungen für die Gäste und deren materielle Verpflegung während der Festtage der Art getroffen sind, daß jedem billigen Wunsche Rechnung getragen werden kann. Die Besucher der Festspiele werden den ihrer harrenden künstlerischen Genuß durch keinerlei äußere Unzuträglichkeit beeinträchtigt sehet.“

Wir knüpfen aber an diese Versicherung die wiederholte Bitte: es möge Niemand eine rechtzeitige Anmeldung, weder für die Billete zu den Vorstellungen, noch für die Vormerkung auf eine Wohnung verabsäumen. Sämmtliche (oben genannte) Delegirte sind bereit solche Meldungen entgegenzunehmen, falls die Betheiligten es nicht vorziehen sich direct an denBayreuther Verwaltungsrath unter der Adresse des Herrn Friedrich Feustel oder des Polizeiofficianten Ulrich zu wenden.

Noch einen Punkt müssen wir erwähnen, den Richard Wagner in seiner jüngst veröffentlichten Bekanntmachung bereits andeutete: der ursprüngliche Gedanke des Meisters ging dahin, daß die Aufführung des Bühnenfestspiels „Der Ring der Nibelungen“ nicht eigentlich als eine theatralische Darstellung im gewöhnlichen Sinne zu betrachten sein sollte, zu welcher der Eintritt gegen Entgelt Jedermann gestattet wäre; er wählte daher die Form des Patronats für die Gewinnung der materiellen Grundlage des Unternehmens. 

Aber neben 1000 Patronen sollten 500 weniger bemittelte Freunde der Kunst und Förderer des Werkes, sowie verdiente Musiker zu jeder der drei Aufführungen des Festspiels freien Eintritt haben. Die praktische Ausführung dieses schönen Gedankens erwies sich leider als unmöglich. 

Die Zahl der Plätzemußte aus bautechnischen Gründen verringert, die Zahl der Patrone aus financiellen Gründenvermehrt werden. Indessen ist auch in dieser Richtung (siehe weiter unten) Fürsorgegetroffen, daß die Absicht des Meisters, wenn auch nicht im vollen Umfange, so doch theilweise verwirklicht werden kann: die einzelnen Vereine sind in den Stand gesetzt, den innerhalb ihres Wirkungskreises sich kundgebenden Wünschen Genüge zu leisten.

So wären denn alle Schwierigkeiten der Vorbereitung glücklich überwunden, alle Bedenken Derer zu nichte gemacht, die an der Möglichkeit der Ausführung des gewaltigen künstlerischen Werkes gezweifelt. Wir scheiden von Bayreuth, erfüllt von dem Bewußtsein, daß auf den Grundstein, den wir am 22. Mai 1872 gelegt, die bevorstehenden Tage der Aufführung den gewaltigen Schlußstein setzen, auf daß für Gegenwart und Zukunft ein weithin leuchtendes Denkmal erstehe: „Das Denkmaleiner großen nationalen künstlerischen That!“ —

Bezüglich der am 15. d. M. unter dem Vorsitze des Herrn Bürgermeisters Muncker stattgehabten Specialberathung der Herren Delegirten ist als besonders wissenswerth Folgendes zu verzeichnen:

Aus dem von Herrn Friedrich Feustel erstellten Rechenschaftsberichte ist constatirt worden: daß für die erste Serie der Aufführungen des Festspiels (13., 14., 15. und 16. August)sämmtliche Plätze bereits vergriffen sind. — Rühmend gedachte dieser Bericht der Hochherzigkeit des Herrn Carl Ritter von Maffei, der ohne jegliche Gegenleistung zwei Dampfkessel für die Maschinerie des Theaters zur Verfügung gestellt hat, deren Anschaffung mit einem bedeutenden Kostenaufwande verknüpft gewesen wäre.

Aus der Discussion über die Vertheilung der Freiplätze ist Folgendes von Belang: Es war gelegentlich der Delegirten-Verhandlungen vom 23. Mai 1872 ein Gesammtbeschluß dahin erzielt worden, daß in einer drei Monate vor der Aufführung anzuberaumenden Versammlung der Patrone und Vereinsdelegirten über die jenigen 500 Plätze, welche über 1000 vorhandensein würden, Bestimmung getroffen werden solle, in welcher Weise die­selben an unbemittelte Künstler zu vertheilen seien. Ur­sprünglich war die Zahl der Plätze im Parquet und in der Fürstenloge aus 1417, die Zahl der oberhalb der Fürstenloge sich hinziehenden Gallerieplätzeauf 200 bestimmt. Daß die Zahl der Parquetplätze in Wirklichkeit auf 1344 verrigert werdenmußte, findet seine Begründung in der nothwendigen Vergrößerung des Orchesters. Hiedurchschon mußte sich die Zahl der Freiplätze um ein gutes Theil vermindern. Allein noch einanderer Umstand war in Betracht zu ziehen bei der Verringerung der Freiplätze: es ergab sich nämlich die zwingende Nothwendigkeit, sämmtliche Parquetsitze an Patrone abzugeben, um die zum Theile nicht vorhergesehenen Auslagen für das Unternehmen decken zu können.

Richard Wagner erörterte selbst in ausführlicher Rede in der Versammlung die Gründe hierfür. Die Delegirten-Versammlung beschloß hierauf: für Freiplätze nur die 200 oberhalb der Fürstenloge sich hinziehenden Galleriesitze zu verwenden. Von diesen 200 Freiplätzen sind für jede der drei Ausführungsserien je 100 für jene Einwohner und Bürger von Bayreuth zu reserviren, welche sich zur unentgeltlichen Ausnahme von Musikern und Künstlern während der Dauer der Festspiele verbindlich gemacht haben, und zwar wird jedem der vorbezeichneten Bürger von Bayreuth freier Zutritt zu einer vollständigen Serie (4 Vorstellungen) gewährt. Anlangend die hiernach noch übrigen 100 Freiplätze, wurde beschlossen, und zwar ohne Betheiligung des Verwaltungsrathes, daß von den zahlreich vorliegenden Gesuchen um Freiplätze 37 zu bewilligen sind; 19 Freiplätze sind dem Verwaltungsrathe für spätere Anmeldungen als Reserve vorzubehalten; an die Wagnervereine werden 244 Eintrittskarten gratis — und zwar im Verhältnisse ihrer Leistungen — abgegeben, und steht der Vorstandschaft dieser Vereine das Recht der Vertheilung zu. Vorzugsweise soll hierbei derakademische Wagner-Verein in Wien berücksichtigt werden, der in höchst uneigennütziger Weise alle gesammelten Gelder, ohne Patronatsscheine dafür zu lösen, an den Verwaltungsrathabgeliesert hat.

Um den jetzigen Verwaltungsrath theilweise von seiner immensen Geschäftslast zu befreien,wurde noch eine Verstärkung desselben beschlossen, und wurden zu weiteren Mitgliederngewählt die Herren: M. v. Baligand (München), Emil Heckel (Mannheim), Adolph Groß (Bayreuth).

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