Gute Nacht im Schlafcoupé, um 2 Uhr in Berlin [1]; erste Begrüßung durch Mimi; Unmöglichkeit, das Benehmen des Reichskanzlers in unserer Sache zu begreifen! …
Brief einer armen Uhrmachers- Frau aus Eidenach [2] in ich weiß nicht welchem Teil von Bayern, welche ihm rührend schreibt, die Prophezeiung des Brandes [3] unseres Theaters sei [ihr] auch in ihrem Dorf zugekommen, sie liebe R. und hielt ihn für den besten Freund des Königs, deswegen bäte sie ihn doch, ja alle Maßregeln zu treffen, damit kein solches Unglück geschähe! Es rührt dies R. sehr, und er bittet mich, der Frau zu danken, was ich auch tue.
[1] Vermutlich sind Cosima und Richard am Berliner „Anhalter Bahnhof“ angekommen, dies war der zentrale Bahnhof für Verbindungen aus dem Süden.
[2] so gelesen, möglicherweise verschrieben.
[3] Cosima berichtet bereits am 1. Juni 1875 von einer ultramontanen Prophezeiung: »Von mancherlei Ungemach, das der gläubige Christ als eine heilsame Zuchtruthe Gottes ansiehet, wird Bayern heimgesucht werden. Feuer- und Wassergefahr werden dräuen. Der Hagelschlag wird die Erndte durch große Landstriche verwüsten, brausende Wasserfluthen zahlreiche Wiesen und Felder zerstören.
Ein fürchterlich Unglück aber wird sich in einer Stadt zutragen. Dort wird eine große Bude aufgeschlagen sein, in welcher aus Nah und Fern unzählige Schaulustige zuströmen. Musik, Gesang und schillernde nichtige Pracht wird in derselben die Sinne berücken. Aber eines Tages wird durch einen unglücklichen Zufall Feuer ausbrechen zu einer Zeit, wann die Bude mit Tausenden von Menschen angefüllet ist. Mit Riesenschnelle wird sich die Gluth ausbreiten. Entsetzen wird alles erfassen. Wo eine Minute zuvor noch sündiger Sang und Klang ertönte, wird es gellen gleich wie in der Hölle das verzweiflungsvolle Geschrei der Verdammten. Hunderte werden erdrückt werden und verbrennen, so daß nächsten Tags der über den rauchenden Schutt schreitende Fuß mit jedem Schritt auf halbverkohlte Leichen tritt. Es wird der Ruf des Entsetzens über dieses ungeheure Unglück durch die ganze Welt dringen und in den meisten Landen, sogar über dem Weltmeer bittere Thränen erwecken.
An der Stelle aber wo die unglückselige Bude gestanden, wird fürder nicht mehr den sündhaften Lüsten der Welt gefröhnet, sondern es wird zum Gedächtniß der armen Seelen dort ein dem Himmel geweihter Tempel erbauet werden.«
