R. erhält in der Frühe einen Brief von Dr. J. auf seine Depesche vom Sonntag; Protestationen, Erschrecken über »die feindselige Disposition der Hofoperndirektion« der Depesche; dabei bleibt er aber bei der Bedingung der Walküre im November mit seinem Personale! …
Frau Mallinger telegraphiert ab; immer [noch] keine Sieglinde. – Gestern abend besprechen wir mit R. das hiesige Benehmen der Einwohner, welche in dem Fest und dem Besuch der Fremden nur die Gelegenheit zur Übervorteilung erblicken; also nirgends in Deutschland Gemeinsinn und das daraus erwachsende Ehrgefühl! Wie anders darin die Franzosen. – Die Gemeinheit und Torheit dieser Gesinnung erregt wirklichen Ekel, R. sagt, er würde den Leuten, wenn es also fortführe, sagen, daß er die Aufführungen abmelden müsse. –
R. geht zum Theater mit dem endlich durch einen heftigen Brief von Feustel aufgeschreckten Herrn Brückwald – alles immer im Rückstand; und die von den Herrn Brückner versprochene Decke ist nicht da, die Leinwand sei falsch gewesen!! –
R. sehr ärgerlich heim. Erzählt unter andrem beim Abendbrot, daß der König um Vergrößerung der Zivilliste bei den Kammern angeht; unter Vorgeben der vergrößerten Angaben durch die neue Währung [1] Die ultramontane Kammer wird die Gelegenheit ergreifen, die Nachteile des neuen Regimes nachzuweisen, dann gewiß dem König viel Häßliches sagen – was wird er dann tun; große Besorgnisse! …
Herr Hey telegraphiert, daß Frl. Scheffsky nächsten Montag kommt; sehr verspätet. –
Es heißt, die Serben wollen der Türkei Krieg erklären, R. sagt, er hoffe noch einmal, Papst und Sultan aus Europa (etwa in Jerusalem) zu sehen. –
Wie im Traum und als Nebengestalten gehen alle die Dinge an mir vorüber; einzig drang es wie ein Messerstich mir durch das Herz, als neulich vorübergehend Herr Rubinstein erzählte, daß Hans öffentlich in Amerika die Deutschen geschmäht habe und darauf die Marseillaise gespielt! … Wer dann so leidet wie ich, für den gibt es kein Wohlergehen, und das Übel trifft nur wie gespenstisch! …
[1] Durch das Reichsmünzgesetz vom 9. Juli 1873 wurde die Mark auf ein Drittel eines Vereinstalers umgestellt; das Deutsche Reich hatte von 1871 bis zur Außerkurssetzung des alten Talers 1907 eine Goldwährung von 1 RM = 1/2790 kg Feingold; dieser Währung schlossen sich jetzt die süddeutschen Staaten an, 1876 auch Frankreich.
