Mittwoch 19ten (19. April 1876)

Cosima Wagner Tagebücher

Richter einzig noch bei uns; gemeinschaftlicher Besuch des Theaters; traurigster Eindruck, kein Vorwärtsgehen! …

Heimgekommen, Brief von Herrn Direktor Jauner, sich freuend, die Walküre für Wien1 zu bekommen (Bedingung für die Materna!!!), will schon jetzt mit Dekorationen beginnen – – -.

R. außer sich; dabei werden immer [noch] nicht die Kontrakte der benötigten Choristen abgeschickt; alles dort morsch, treulos. Und so roh, noch nicht ist R. hier mit unsäglicher Mühe zu Stande gekommen, und er soll für Wien im voraus sein Werk schänden! 

Depesche von Herrn Unger, möchte erst Sonnabend kommen! … Ist in Kassel bei seiner Braut! R. weiß nun noch gar nichts von seinen Fortschritten. Und 3 Uhr Depesche von Frau Voggenhuber, daß sie sich nicht hat von ihren Verpflichtungen befreien können, also die Sieglinde nicht wird singen können! … Dies alles an einem Nachmittag. R. meint, das Leichteste sei das, was das Schicksal zufügt, aber die Treulosigkeit der Menschen! … Ihr roher Enthusiasmus.


Fußnoten
1 Dem Heft beigelegt ein Zeitungsausschnitt »Wagneriana« vom 19. April 1876, betr. Walküre in Wien [1] und Ritters Altgeige, s. Anm.

[1] der Artikel »Wagneriana«, auf dessen Rückseite » …mburger Z … Abendblatt, Mittwoch 19. April« steht und der sich mit Wien, den Vorbereitungen der Festspiele und Hermann Ritters Altgeige beschäftigt, lautet: 

»Für das Wagnerfestspiel in Bayreuth werden jetzt die glänzendsten Vorbereitungen getroffen. Das dortige Residenzschloß wird auf Befehl aus München zum Empfange des mit seinem Besuche officiell angezeigten deutschen Kaisers prachtvoll hergerichtet. Außer dem Kaiser werden dort noch etwa 10-12 deutsche Fürsten und Prinzen, unter ihnen der Kronprinz und die Großherzoge von Baden, Mecklenburg und Weimar erwartet. König Ludwig wird mit seinen fürstlichen Gästen wahrscheinlich nicht zusammentreffen, sondern einige Tage vorher an Ort und Stelle die Aufführung in der Probe an sich vorüberziehen lassen.

– Das Wiener Hofoperntheater wird die erste deutsche Bühne sein, an welcher nach dem Bayreuther Festspiele Richard Wagner’s „Wallküre“ in Scene gehen wird. Director Jauner hat von Richard Wagner die Zusicherung in freundschaftlichster Weise erhalten und wird das Werk sofort in Angriff genommen, um die „Wallküre“ in der nächsten deutschen Winter-Saison zur Aufführung zu bringen. – 

Eine sehr werthvolle Anerkennung wurde der von dem Tonkünstler Herrn Hermann Ritter in Heidelberg neuconstruirten Viola alta (Bratsche) zu Theil, indem sich Richard Wagner vor einiger Zeit über dieselbe äußerst günstig aussprach und mehrere der neuen Instrumente für das Orchester der Bayreuther Bühnenfestspiele bestellte. In einer neuerdings an Herrn Ritter gerichteten Zuschrift stellt Richard Wagner der neuen Erfindung, über welche er sich zugleich eingehend ausspricht, ein glänzendes Zeugnis aus. Das interessante Schreiben möge hier eine Stelle finden, es lautet:  

“Geehrter Herr! Ich bedauere wahrhaft, immer noch nicht die freie Zeit gewinnen zu können, um über Ihre Altgeige mich so ausführlich vernehmen zu lassen, wie ich es für nöthig halte, um auch meinerseits dazu beizutragen, diesem Instrumente die ihm gebührende Beobachtung zu verschaffen: Ich bin überzeugt, daß die allgemeine Einführung der Altgeige in unsere Orchester nicht nur die Intentionen derjenigen Tonsetzer, welche bisher mit der gewöhnlichen Bratsche vorlieb nehmen mußten, während sie für den Gesang den wahren Altgeigenklang beabsichtigten, erst in das rechte Licht gesetzt werden, sondern daß auch in der ganzen Behandlung des Bogeninstrument-Quartetts eine bedeutende und sehr vortheilhafte Veränderung vor sich gehen dürfte. Die freie A-Saite dieses, nun nicht mehr dünn näselnden, sondern hell wohltönenden Instrumentes, wird der gehemmten A-Zwischensaite der Violine manchen energischen Gesang abnehmen können, da die Violine in dieser Lage bisher an energischer Kundgebung des Tones so sehr behindert war, daß z.B. bereits Weber hier sehr häufig ein Blasinstrument (Clarinette oder Hoboe) zur Verstärkung mit hinzunehmen mußte; die Altgeige wird dieses nicht mehr nöthig machen und den Tonsetzer nicht mehr zur Anwendung der Mischfarben veranlassen, wo der reine Streichinstrumentcharakter in der Intention lag. Zu wünschen ist nun, daß das verbesserte, ungemein veredelte Instrument sofort an die besten Orchester vertheilt und den besten Bratschenspielern zu einer ernstlichen Pflege dringend empfohlen würde. Wir werden hier auf großen Widerstand gefaßt sein müssen, denn leider treffen wir bei der Hauptanzahl unserer Orchesterbratschisten nicht gerade auf die Blüthe der Bogeninstrumentisten. Ein anfeuernder Vorgang wird aber Nachfolger herbeiziehen und schließlich werden Capellmeister und Intendanten dem guten Beispiele Aufmunterung zuzuwenden haben. 

Sehr bedaure ich, daß Sie mir so spät erst Ihre Angelegenheit zur Kenntniß brachten und außerdem ich gerade jetzt so ungemein in Anspruch genommen war, daß ich, was in der Kürze der Zeit noch zu ermöglichen gewesen wäre, nicht eifrig genug betreiben konnte. Ich bitte Sie um Nachricht über die Aufnahme Ihres Instrumentes von Seiten des vortrefflichen Herrn Hofmusikus Thoms in München; Freund Fleischhauer (Concertmeister in Meiningen) erklärte sich ja bereit, für die Anempfehlung der Altgeige schon zum Gebrauch im Orchester bei den bevorstehenden Bühnenfestspielaufführungen in Bayreuth zu wirken. 

Habe ich so die Aussicht, wenigstens zwei dieser Instrumente bereits in meinem Orchester verwendet zu sehen, so bedaure ich nur, nicht bereits sechs davon zu gleicher Mitwirkung berufen zu können. Es wäre wohl unmöglich gewesen? Ich bitte Sie nur um genaue Mittheilung über die Erfolge, welche bis jetzt Ihrem Instrumente gewonnen worden sind und bitte über mich und mein Zeugniß zu Gunsten Ihrer Sache unbeschränkt zu verfügen. 

Zunächst aber danke ich Ihnen noch für die Widmung Ihrer so bündigen und dabei so belehrenden Abhandlung und verbleibe mit aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebener Richard Wagner. Bayreuth, 28. März 1876.‘ – „

Wagner hat an den Königl. Capellmeister Herrn Carl Eckart in Berlin nachstehendes liebenswürdiges Schreiben gerichtet: „Geehrter, lieber Freund! Es fällt mir schwer auf das Herz, daß, da es bei unsrem »Tristan« zu keiner demonstrativen Generalprobe kam, mir dadurch die Gelegenheit entzogen wurde, Ihrem vortrefflichen Orchester, somit den geehrten Mitgliedern der Königlichen Hofcapelle, mit einem herzlichen Abschiedsworte zugleich meinen wahrhaften Dank, sowie meine unumwundenste Anerkennung für die Ausführung meiner so schwierigen Partitur zu bezeugen. Ich muß Sie nun bitten, bei geeigneter Gelegenheit dieses Versäumte in meinem Namen mündlich nachholen zu wollen. Gewiß ist mir nie etwas so Schwieriges, als dieser Tristan, leichter gemacht worden, als es diesmal durch die sorgfältigen, von ganzem Herzen meinerseits Ihnen, lieber Freund, verdankten Vorbereitungen in Berlin mit diesem Werke geschah. Für immer bin ich Ihnen und den vorzüglichen Künstlern der Berliner Hofcapelle für diese schöne Leistung, die ich gern eine That nenne, verpflichtet, und verbleibe mit freundschaftlichster Hochachtung Ihr sehr ergebener Richard Wagner.’“


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