9. Mai. (9. Mai 1876)

Tagebuch Richard Fricke

Das vergangene Jahr 1875 war für mich ein von den interessantesten Erlebnissen und Eindrücken so reiches, daß ich mir oft sagte und immer wiederholte: „es ist schade, du hättest doch von den Tagen und Stunden, die dir dort zu teil wurden, genau Bericht erstatten sollen, mit andern Worten ein Tagebuch führen“. 

Ich konnte wohl den Freunden erzählen, meiner Frau und Tochter Luise in Briefen einzelnes mitteilen, ja selbst, da ich seit 1840 eine Art Tagebuch, jedoch ohne Raisonnement, führe, seelischen Eindrücken Worte verleihen. So habe ich eine Art Anhaltpunkt, um nach Jahren daraus das Vergessene aufzufrischen. Aber meine Kinder und Freunde erfahren aus diesem Journal kaum mehr, als daß ich in Bayreuth bei Richard Wagner war, mit ihm tagelang verkehrte, aber niemals das spezielle meines höchst interessanten Zusammenseins mit dieser in der Tat großartigen Erscheinung eines Menschen, der unter den Musikern, wie Louis Ehlert-Berlin sagt, ein von der Parteien Haß und Gunst hinreichend entstelltes Unikum ist.

Und so entschloß ich mich diesmal, wo es nun Ernst wird mit den Aufführungen in Bayreuth, wo mich Richard Wagner mit seinem Vertrauen beehrt und Ansprüche macht an mein kleines Talent, wo ich täglich fast vier Monate mit ihm verkehren werde, ein Tagebuch zu führen, in welchem ich versuchen will, getreulich alles niederzuschreiben, was ich erleben werde. Ich will versuchen, jedes mit Wagner gesprochene Wort festzuhalten und wieder zugeben. Das Schwere der Arbeit liegt am Tage, er wird mich nach seinen Briefen und nach der gestrigen ersten Unterredung stark beschäftigen und zwar so, daß mir manchmal, ich fühle das schon jetzt heraus, die Lust vergehen wird, noch in der Nacht Notizen zu machen, und daß mir die Muße fehlen wird, mit vollgestopften Aufgaben im Kopf, den Eindrücken Worte zu geben, sie zu schildern usw. Aber ich will’s mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft versuchen und Ihr müßt vorlieb nehmen mit dem, was ich hier niederschreibe.

Ich gehe schnell über die Reiseeindrücke hinweg, kann aber nicht verschweigen, weil es zur Sache gehört, einiges ganz speziell zu berühren. Aus meinem Briefwechsel mit Wagner, der wie Ihr wißt, von hohem Interesse ist, erfahrt Ihr, was derselbe bei der Aufführung seines großen Werkes in Bayreuth von mir verlangt. Dieser Briefwechsel versetzte mich aus meiner alltäglichen Beschäftigung in meinem Alter, in eine Stimmung die ganz außerordentlich, kaum zu beschreiben!

Wirst Du den Ansprüchen und Anforderungen dieses Mannes genügen können? Mir schwindelt vor diesem Vertrauen. Er schrieb mir: „Sehen Sie! Ich habe keinen Regisseur, keinen Ober- und Unter-Inspektor, keinen — Gott weiß was. Sie müssen mir Alles sein!“ usw.

Den Abschied von Euch Ihr Lieben auf vier Monate machtet Ihr mir schwer genug, mein Humor brachte uns aber darüber hinweg. Ich eilte fort, kehrte getrieben von Sorge bei einem alten Freunde ein, er war nicht im Hause, und das Herz übervoll, wandte ich mich an die Schwestern mit der Bitte, sie sollten ihm sagen, daß, sollte mir etwas Menschliches passieren, er sich meiner Familie annehmen möge.

Freitag den 5. erfolgte die Abreise nach Zwickau, wo Freund Diedicke mit der Dessauer Oper verweilte. Ich blieb bis Montag den 8. und trennte mich schwer, es waren schöne Stunden, die ich dort verlebte. Nicht versagen konnte ich mir, die herrliche Kirche (Marien) zu besuchen, mit ihren wahrhaft großartigen Kunstwerken eines Wohlgemuth, L. Cranach und Veit Stoß. Montag (den 8. Mai) reiste ich mit Schnellzug nach Bayreuth und war 1½ Uhr mittags dort. 

Das erste, was der Reisende erblickt, ehe sich von Bayreuth etwas entdecken läßt, ist auf dem Berge das Wagner-Theater. Das Herz klopfte mir hörbar, und ich wünschte im stillen: „ich wollte, alles wäre vorüber und der König gekrönt“. Einkehr im Reichsadler, wo ich durch den freundlichen Wirt erfuhr, daß Freund Gießel bereits nach mir gefragt und diesem Auftrag gegeben habe, mich 14 Tage zu beherbergen, bis ich bei ihm ein ziehen könne. Dann zu Gießel — freundlicher Empfang. Ich sandte Richard Wagner durch einen Dienstmann meine Karte und wurde zu 8 Uhr abends bestellt. Die Nibelungen, die jungen Musikdirektoren, Seidl aus Pest, Fischer aus München (Schüler von Wagner), den Siegfried (Unger) fand ich bei Schierbaum, ein Weinhaus, wo ich schon im vorigen Jahr die Bekanntschaft herrlicher Menschen machte und viele interessante Stunden verlebte. Als ich hier mein Schorle Morle wieder vor mir stehen hatte, waren die 8 Monate meiner Abwesenheit zu 8 Tagen zusammengeschrumpft. 

Hier erfuhr ich nun, daß der Meister mich schon am 5. erwartet habe, erfuhr spezielles über das Gebahren des Herrn Jauner, Direktors der großen Oper in Wien, der im vergangenen Jahr einige Tage hier war und, wie es mir schien, im besten Einvernehmen mit Wagner stand. Derselbe hatte ruhig den Urlaub von Fr. Materna, Scaria, Hans Richter und 2 Choristen 1875 gestattet. Für dieses Jahr waren noch 9 Choristen gewünscht und gewährt, und er bewilligte vor Toresschluß auch wohl den Urlaub, jedoch ohne Gehalt und nur unter der Bedingung, daß, wenn Wagner obige Mitglieder haben wolle, er ihm dagegen die Walküre zur Aufführung in Wien ohne Honorar überlassen müsse. Warum Scaria nicht kommt, werde ich erfahren und berichten, es ist haarsträubend, welchen Keulenschlägen von Unannehmlichkeiten, Nebensächlichem und Ärger Wagner ausgesetzt ist. Kränkungen aller Art, ab gerechnet die Sorgen!! Bewunderungswürdig, wie er es erträgt, wie er kämpft! ewig jung, schlagfertig, dabei fortwährend im Briefwechsel, das Kleinste nicht aus den Augen verlierend, unbegreiflich, daß er bei alledem noch komponiert, daß er überhaupt nicht zusammenbricht.

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