Wagner las mir heute die Glückwunsch-Depesche an den Intendanten von Hülsen zum 25jährigen Jubiläum in Berlin vor:
„Innigst bedauernd, ein Vierteljahrhundert Ihrer so segensreichen Wirksamkeit fern gestanden zu haben, erhoffe ich einem neuen Vierteljahr hundert desselben antheilsvoll näher zu stehen, und indem ich mir selbst somit ein hohes Alter bestimme, wünsche ich Ihnen, hochverehrtester Herr, die schöne Geduld, welche sie zur goldenen Jubelfeier des heutigen silbernen Tages führen möge.
Hochachtungsvollst ergebenst
Richard Wagner.“
Hülsen und Wagner sind sich bis vor kurzem (I. Aufführung von Tristan und Isolde) einander ganz fern geblieben. Zur Zeit der ersten Aufführungen des Lohengrin in Berlin, bei welcher Gelegenheit Wagners Gegenwart nötig war, hatte Hülsen, als preußischer Junker, ihn, den politischen Flüchtling, dem er auf den Barrikaden 1849 gegen überstand, nie empfangen. Jetzt sind sie die besten Freunde geworden.
Wagner gab mir den Auftrag, mit Frau Cosima in die Stadt zu fahren, um bei einem Kupferschmied oder Klempner Requisiten für den Nibelungenhort zur heutigen Probe auszuleihen. Bei Klempner Vogel fanden wir den Hort in Gestalt von 44 Gegen ständen: Ölkannen, Büchsen, Trichter, Kuchenformen, Eimern, Gießkannen, Kessel usw., und dirigierten mit dem Schatz nach dem Theater.
Nach Tisch fand ich in der „Sonne“, wohin ich ging, um Kaffee zu trinken, Wilhelmj und Bruder, Hans Richter und Frau und Reichenberg u. a. beim Champagner. Wilhelmj konnte nicht Worte genug finden für all das Lob, das mir gebühre für meine Arrangements, so daß mir angst und bange wurde.
6 Uhr Scenenprobe, 4. Scene Rheingold. Diesmal traten wir unter allgemeiner Heiterkeit (ich und die 30 Turner) mit unserm sauer erworbenen Nibelungenhort auf und ernteten aufs neue Lob und Ruhm. ¾9 Uhr zur Stadt zurück. Ein furchtbares Wetter stand am Himmel, das auch bald losbrach, Schlag auf Schlag, Blitz auf Blitz. Es hatte in ein Haus eingeschlagen, eine Wand ruiniert, aber kein Menschenleben gefährdet.
