8. Juni. (8. Juni 1876)

Tagebuch von Richard Fricke

Um 11 Uhr waren die Sänger und Sängerinnen der zweiten Scene von „Rheingold“ zu Wagner beschieden, um Stellungen, Gesten usw. festzustellen. Es geht ihm hier, wie mit Unger, sie werden nicht mutig, denn heute will er es so und morgen wieder anders. Es ist geradezu unmöglich die Scene in ihren Wechselungen festzustellen. Er unterbricht fortwährend und verlangt höchst komische Sachen, welche die Darsteller (die doch nicht das erste Mal auf der Bühne stehen) geradezu verwirren.

Er verlangt z. B. von den beiden Riesen, daß sie bei ihrem Auftritt über die bergigen Erhöhungen in einer besonderen Gangart erscheinen sollen. Er machte es ihnen so seltsam komisch vor, daß ich einsprang und ihm (heimlich) sagte: „Meister, das geht so nicht, das ist unnatürlich, ich will ihnen zeigen, wie ich es mir gedacht habe“ (schwerfälligen Gang nach dem Motiv). „Ganz gut, ganz gut,“ sagte Wagner, „mein Schritt taugte nichts.“ Ebenso wollte er von Eilers (Fasolt) wieder ganz unnatürliche Gesten, die ich korrigieren mußte.

Bei all diesen Arrangierproben wird mir allerdings Angst um Wagners Gesundheit. Er springt zwischen die Singenden, stellt sich neben sie und macht die Gesten vor. Sein lebhaftes Temperament läßt ihn vergessen, was er gestern bezüglich der Scenen, der Stellung, des Wechsels in der Stellung gesagt und angeordnet hat. Und kommt nun der eine oder der andere und sagt: „Lieber Meister gestern bestimmten Sie so und so“, so kommt dann gleich mit heftigen Worten: „Nein, nein, ich will es heute aber so haben.“ Und morgen sagt er: „Sie können es doch so lassen.“ (Wenn mir solches, als Schauspieler oder Sänger, von einem Regisseur geschähe? – Ich glaube, ich würde ….)

Trotzdem hoffe ich, daß es mir gelingen soll, der Sache noch Herr zu werden, ohne daß es Wagner merkt. Nachmittag ging ich zu Eilers und brachte ihm die fünf Takte bei; ich und er haben mächtig geschwitzt bei dieser Kunstleistung.

6 – 81/2 Uhr Scenenprobe 2. und 3. Scene Rheingold mit Orchester und Dekoration, aber immer noch ohne Requisiten. Wieder dieselben Unterbrechungen, dasselbe Einspringen und Ändern der Scene. Es ist wahrlich zum Verzweifeln. Der Auftritt und Abgang der Turner wird jedesmal mit Akklamation begrüßt und die ganze Szene ist so einfach. – Die Verwandlungen zwischen den Scenen mit Hilfe von Dämpfen gehen gut, aber die Verwandlungen und das Verschwinden des Alberich durch Dämpfe und Versenkungen lassen noch zu wünschen übrig. Unser guter Hill hat viel zu leiden. die Musiker beklagen sich, daß die Dämpfe durch die Verbindungswand des Podiums in den hinteren Orchesterraum schlagen, und daß deshalb die Harfen nicht Stimmung halten können. Auch beklagen sie sich über Zugluft, es sei kaum auszuhalten. Wagner läßt nachsehen, geht selbst mit, kommt wieder und ruft ins Orchester: „ich habe die Oper komponiert und nun soll ich auch noch die Fenster zumachen“.

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