3. Juni. (3. Juni 1876)

Tagebuch von Richard Fricke

Der ganze Tag lag wie ein Alp auf mir. Ich fühlte mich nicht wohl. Alles traf zusammen, mich ungelenk, faul und mißmutig zu machen. Vormittag, wie gewöhnlich, den Kindern Unterricht gegeben. Da Wagner zur Orchesterprobe gegangen war, blieb ich frei bis 3 Uhr, um welche Zeit Schwimmprobe angesetzt war. 

Die Geschwister Lilli und Marie Lehmann und Frl. Cammert waren angekommen. Freundliche Begrüßung. Sie sahen die Maschinen und die darinnen schwimmenden Turner. „Nein“ sagte Lilli, „das kann mir kein Mensch zumuten, das tue ich unter keinen Umständen, ich bin erst vor kurzem vom Krankenbette aufgestanden, dazu mein fortwährender Schwindel. “Die andern beiden waren still. „Fräulein Marie“ sagte ich, „Courage, versuchen Sie es einmal, und ich wette, die Angst geht vorüber, und das Vergnügen zu schwimmen bekommt die Oberhand.“ Die Leiter wird angelegt, Brandt und ich helfen ihr hinein. Unter Ach und Oh, Schreien und Quieken schnallen wir sie fest und die Fahrt beginnt ganz langsam. Sie fängt an, das ängstliche Gesicht zu verlieren, lacht und meint, es ginge ganz schön. Nun entschließt sich auch Cilli und siehe da, sie wird in wenig Sekunden die Couragierteste. Frl. Cammert folgt nun auch und alle drei schwimmen unter fröhlichem Lachen. Wagner erscheint, die ganze Scene wird glatt durchgemacht. Dazu singen die drei Damen ihre Partien entzückend. Sie bewegen sich sehr gut. Unbeschreiblich war das Gefühl, das sich meiner bemeisterte, die Tränen traten mir in die Augen ob des Gelingens der Sache, woran wir (außer Wagner) gezweifelt, ja mit Gewißheit angenommen hatten, daß die Mädchen sich nicht dazu verstehen würden. Die Scene an sich ist so seltsam schön, daß man außer sich geraten kann. Bis jetzt hatten ja nur kleine sich ungeschickt bewegende junge Turner in den Maschinen gelegen und nun die schönen Gestalten, es war wundervoll. Nachdem die Damen die Maschinen verlassen, wurde ihnen von Wagner unter Freudentränen gedankt, und er knutschte und küßte sie weidlich ab — und ich war gesund geworden. 

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