Schlosser aus München war gekommen. 11-1 Uhr Scenenprobe Siegfried 1. Akt. Ich hatte heute die Freude, Wagners Talent zu bewundern, wie er es versteht, einen Charakter, wie den des Mime, dem Darsteller klarzulegen. Es war meisterhaft, wie er einzelnes darstellte, nüancierte! Schlosser wird ein ausgezeichneter Mime werden, aber nicht, wie Wagner es sein würde. Schlosser begreift schnell. Er hatte sich nur einzelnes anders gedacht und so einstudiert. Das muß er nun wieder loswerden. Ich werde den heutigen Morgen nicht vergessen.
Mein Mittagstisch bei Schierbaum gestaltet sich jetzt von Tag zu Tag gemütlicher. Für 86 Pfennige bekommen wir ein delikates Essen, trinken dazu einen leichten Pfälzer Wein und spielen nachdem Ecarté. Mottl sehnt sich nach Wien und dieses Gefühl läßt ihn auf Norddeutschland schimpfen. In solchen Momenten ist er urkomisch. Wir necken ihn oft damit, daß wir ihm aus allen (nicht Wagnerschen) Opern, von Auber, Meyerbeer, Mendelssohn, Themen duettartig vorträllern. Mitunter kommen auch die Italiener Bellini, Donizetti, Verdi daran. Wie lange wird’s dauern? Morgen schon geht der Ernst der Sache los! Nachmittag sollte abermals eine Scenenprobe stattfinden. Auf dem Wege dorthin begegnete mir Wagner, der, weil er etwas angegriffen, die Probe aufhob.
Spaziergang mit Unger, an der Landesirrenanstalt vorbei, auf sanften Anhöhen zum Wagner Theater. Der Unternehmer des Etablissements lud mich zum Abendbrot ein. Der Koch sei angekommen der müsse doch zeigen, was er könne. Bei dem trefflichen Essen saß neben mir der Redakteur des Bayreuther Wochenblattes, Dr. Zimmermann, wir wurden schnell miteinander bekannt. Am Tische war noch ein Koburger, jetzt bayreuther Bürger namens Semmler, ein Enkel meines guten alten Semmler bei dem ich vor 40 Jahren in Koburg viele Jahre wohnte, einem der originellsten Menschen, leidenschaftlichen Angler. Er erzählte Geschichten, die er alle erlebt haben wollte, daß einem die Haut schauderte.
