Der Wurm ist noch nicht angekommen, er kommt aus England, ein Teil (der Schwanz) schwimmt im Kanal. Die Dekoration des zweiten Aktes ist schöne. Es werden prachtvolle Wirkungen durch Transparentbeleuchtungen erzielt. Nur ist man zu weit gegangen, auch die Soffitten, herabhängendes Baumlaub, hat man transparent gehalten. die Wirkung täuscht nicht mehr, stört geradezu, weil zu unnatürlich. Reichenberg – Fafner – wikt mit seiner Stimme durch ein Sprachrohr kolossal. Die ganze Scene ist in der Presse vielfach besprochen, als etwas sehr Gewagtes hingestellt. Ich selbst war derselben Ansicht und hielt sie für eine der größten Klippen. Aber nun hat sie das Gegenteil bei mir bewirkt. Die Zusammenstellung der Dekorationskörper ist schon von gewaltiger Wirkung und bringt uns in eine unbeschreibliche Stimmung. Das erste Wecken des Wurms durch Wotan, das vergebliche Bemühen, ihm die Gefahr zu zeigen, die letzten Worte Fafners: „Laß mich schlafen“ brechen bei dem Zuschauer und Hörer die Spitze des Komischen ab. Das Singen des Waldvogels (Lilli Lehmann), das Schneiden der Rohrpfeife von Siegfried, der Zank des Mime und Alberich, alles trägt den Stempel des Außergewöhnlichen, wir werden gefesselt durch das überwiegend Poetische, und am Schluß weiß man nicht, welcher von den vorangegangenen Akten der schönste war.
Gestern morgen kam der Meister in die Stunde zu den Kindern, er war besonders heiter gestimmt. „Wenn ich Ihre Violine höre, erinnere ich mich der genialen Zeit, welche wir im vorigen Jahre mit einander verlebten. Sie müssen heute bei mir bleiben, Kögl, der Hagen-Sänger, kommt zur Probe, schöne Stimme, fast zu edel für den Hagen, aber ich fürchte, er hat kein Darstellungstalent, ich habe große Lust, Scaria zu holen (ich stutzte!). Ach, der bereut schon, daß er nicht dabei sein kann, nun wir wollen sehen. Es wäre ganz gut, wenn Kögl den Hunding sänge, es widersterbt mir, Eilers, der im Rheingold erschlagen wird, gleich am zweiten Tag in der Walküre als Hunding wieder auftreten zu sehen.“
Ehe Kögl noch zur Probe kam, frühstückte ich mit dem Meister und erzählte ihm dabei von Dr. Baldamus. „In Cöthen? vor 21 Jahren?“ sagte Wagner, „da war ich ja noch flüchtig, habe keine Ahnung von dem Manne, aber wenn er mir in zwei Jahren Nachtigallen in meinen Garten bringt, dann soll er in diesem und dem nächsten Jahr die Hauptvorstellung besuchen.“ Ich gedenke alsbald Baldamus davon zu benachrichtigen.
Kögl hat eine wundervolle Stimme, aber er ist ein Schulmeister, ich fürchte dieselbe Couleur wie Eilers. Daß ihm Wagner den „Donner“ wieder abgenommen, machte ihn sehr glücklich. In der gestrigen Probe spielte Wagner darauf an, ihm en Hunding zu geben. Das hat ihn ganz entsetzt. Er hat mich himmelhoch gebeten, all meinen Einfluß geltend zu machen, um Wagner zu bestimmen, dies nicht zu tun.
