27. Mai. (27. Mai 1876)

Tagebuch von Richard Fricke

Nach der üblichen Lektion bei den Kindern Unterhaltung mit Wagner von seinem körperlichen Unwohlsein. „Hier sitzt es“ sagte er und faßte sich in die Magengegend, „ich habe gar keine Zeit, sonst würde ich wieder einmal Marienbader trinken, und außerdem ist mein Nervensystem schauderhaft gestört. Sie haben keine Ahnung, womit ich gequält und geärgert werde. Im Winter dachte ich, es sei Alles in bester Ordnung, Du lieber Gott, von überall her kommen die Quengeleien der Herrn Intendanten, so daß ich meinen Probenplan schon wieder ändern mußte, und wir ein paar freie Tage darin streichen müssen.“ Er gab mir beim Weg gehen den Auftrag, mit Unger Scenen aus Siegfried (Siegfried und Brünnhilde) zu studieren.

Vor dem Essen noch zu Gießel in die Buchhandlung. Zum 1. Juni wird in den Urzustand eines Junggesellen zurückgekehrt, denn ich werde ein Zimmer im Gießelschen Hause als Chambregarnist mieten. Das Wetter ist abscheulich kalt, wirkt ganz niederschlagend auf mich; bei meinem Mittagsschlaf mußte ich mich, da ich nicht heizen lassen wollte, in alles Mögliche einhüllen, um nicht zu erfrieren. Erst als ich mit meinen Turnern zusammenkam, wurde mir wohl. Von heute an ist mir von der kgl. Behörde das Opernhaus zum unbeschränkten Probehalten übergeben worden. Unser Verwaltungsrat zahlt die Beleuchtung. Ich habe schon von diesem interessanten Bau einmal gesprochen. Sein heutiger Eindruck auf mich war wieder ein un-abgeschwächter, seltsam schöner; geht man allerdings auf die Einzelheiten der Verzierungen und Ornamente ein, so tritt uns viel Unschönes, Unkünstlerisches, was die Zopf-Zeit mit sich führt, entgegen. Interessant ist es für mich, auf dieser Bühne wirksam sein zu können. 

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