Himmelfahrtstag. Regnerisch, unfreundlicher Morgen, noch immer kalt. 11 Uhr geschäftliche Besprechung bei Wagner mit Unger, Mottl, Seidl. Der alte Brandt ist angekommen. Es wird tüchtig an der Aufstellung der Scenerie zu Rheingold gebaut, vielleicht können wir morgen schon mit den Schwimmproben beginnen. –
Parade-Musik im Hofgarten, der an Wagners Heim grenzt. Sie spielten den Marsch aus dem „Sommernachtstraum“. Der Meister und wir hörten zu. „Der Mann hat schöne Sachen geschrieben, der Eingang ist schön, das Trio aber nudelt und nöhlt sich in der langweiligsten Weise fort und wird nicht fertig sagte Wagner. Nachmittag holte mich Freund Professor Hönig ab, um endlich die Freunde und Gönner in der Harmonie wieder zu begrüßen. Ein alter Herr, ein Medizinalrat aus Würzburg, welcher seine alten Jugendfreunde hier wiedergefunden, nahm die Unterhaltung für sich in Anspruch und war interessant genug, uns zu fesseln, bis das Thema sich, wie immer, auf Wagner und die bevorstehenden Aufführungen lenkte.
Der alte Herr gestand mir, daß er ein entschiedener Gegner der Wagnerschen Musik noch bis vor kurzem gewesen sei, aber er hätte trotzdem den größten Respekt vor der Erscheinung dieses Mannes gehabt, dessen Talent sich unter den schwierigsten Umständen entwickelt, dessen Mut und Vertrauen zu seinem guten Genius ihn unter den härtesten Kämpfen endlich seinem erstrebten Ziele zugeführt habe. Er habe ihn gehaßt, weil er alle Musik, außer der seinigen, als Nichts hinstellt, weil er Mendelssohn mißachte. Trotzdem habe er sich nicht verschweigen können, daß „das Judentum in der Musik“ im höchsten Grade geistreich geschrieben sei. Er habe sich nicht von dem Gedanke losreißen können, daß Wagner ein arroganter Charakter sei. —
Erst durch eingehendes Beschäftigen mit Wagners Person finge es nun an, ihm klarer zu werden; er bedaure, daß es noch keine Autobiographie von Wagner gäbe. Aus dieser könne man sich, wie die Erfahrung lehrt, das beste Bild schaffen. Der Entwicklungsgang eines Menschen gibt uns die Aufschlüsse, die nötig sind, um einen mit all seinen großen Menschen wie Wagner Mängeln und Schlacken, deutlich und klar hinzustellen.
Ich versuchte dem alten Herrn mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln, unterstützt durch meine heiße Zuneigung für Wagner, mich so deutlich wie möglich zu machen, Richard Wagner als Mensch zu schildern, im großen und ganzen und in Einzelheiten und betonte dabei, wie Wagner ein Feind aller Reklame sei, daß er es verschmähe, die Presse für sich und sein Wirken in Anspruch zu nehmen.
Als er dann die Presse gegen sich gehabt habe, sei zunächst das Bild als etwas Verzerrtes von der Presse gemalt, und was man immer und immer wieder gedruckt liest, habe eine gewaltige Macht. Dazu seien seine Werke entstanden, darunter, “Das Judentum in der Musik“. Ich brauche nicht zu erinnern, welche Stürme, Vernichtungsversuche über sein Haupt zogen, unbeirrt sei er vorwärtsgegangen, endlich mit seinem Vorhaben am Ziele angelangt! Die Stürme legen sich, man fängt an (ohne Reklame zu machen) in den Reihen seiner Gegner ruhiger zu werden, ja es gibt bereits Leute unter den früher unerbittlichsten Feinden, die sich jetzt für ihn schlachten lassen.
Dem Medizinalrat war von großem Interesse zu erfahren, wie das ganze Unternehmen geführt und geleitet würde, wie man es vom richtigen Standpunkt aus betrachten kann und soll. Ich sagte ihm darüber: „Es ist allbekannt, daß Wagner sich vor Jahr und Tag mit den Darstellern, welche ihm helfen sollten, sein Werk aufzuführen, in Verbindung setzte. Die Grundfrage an dieselben lautete „Wollt Ihr mir helfen?“ und sie eilten in ihrer Ferienzeit herbei und studierten. Die Begeisterung wuchs Wagner ist nicht als Theaterdirektor oder Impressario zu betrachten, der Geschäfte machen will oder muß, um die teuren Kräfte zu honorieren. Er hat tausende von Thalern geopfert für seine Sache. Von den Mitwirkenden sind rührende Beispiele zu erzählen, welche Opfer sie brachten, nur um dabei sein zu können und Wagner zu helfen. Die Oeffentlichkeit weiß bereits, welches Abkommen Wagner mit seinen Helfern geschlossen hat. Um sie zu entschädigen, sollen sie teilhaben an dem pekuniären Vorteil, welchen das Unternehmen künftiges Jahr und das Jahr 1878 quasi gewährleistet.
Es ist ganz unmöglich, eine solche Unterhaltung in allen seinen Teilen des Verlaufs im Kopfe zu behalten. Was ich im Obigen schreibe, ist in der Tat nur ein schwacher Abklatsch des Ganzen. Der alte Herr dankte mir für alle ihm so interessanten Mitteilungen und meinte, nun gehe ich in alle Welt, und lehre alle Heiden. –
