22. Mai. (22. Mai 1876)

Tagebuch von Felix Mottl

Am Geburtstag des Meisters komme ich an. Werfe mich in Frack und weisse Kravatte und erscheine so, zu grossem Gaudium Wagners in Wahnfried! „Da kommt der Graf Almaviva“ ruft er zur Begrüssung!

Mir stand der Angstschweiss auf der Stirne, umsomehr, als er, scheinbar ganz ernsthaft, sagte, vor mir müsse man sich hüten, ich käme aus Wien und wollte Alles von Bayreuth nach an Hanslick berichten. Ich geriet darüber in solche Verlegenheit, dass Wagner es bemerkte und gleich so lieb und herzlich wurde, dass ich bald meinen Schrecken überwunden hatte und mir nun des unerhörten Glückes, bei ihm arbeiten zu dürfen, langsam bewusst wurde! Ich trank mit Champagner auf seine Gesundheit und der Vormittag war bald heiter und fröhlich beschlossen.

Seidl, Fischer, Kapellmeister Riemenschneider, (ein fabelhaft dicker Mann!) Zimmer, ein kränklicher, langer Mensch, der eben in Aegypten Heilung eines Lungenleidens gesucht hatte und ein Grieche Lalas, jetzt Direktor des Konservatoriums in Athen, mit denen ich bei Schürbaum (Weinstube) zu Mittag gegessen hatte, begleiteten mich auf einer Spazierfahrt nach der Eremitage.

Abends im Beisein des Meisters, Einweihung der Restauration auf dem Festhügel. Balletmeister Fricke aus Dessau, ein lustiger, intelligenter, etwas viel redender alter Herr. Familie Giessel. Wagner hält eine launige Rede auf den Restaurateur, zu dessen Gunsten er seinem Ruhm entsagen will. Später erscheint er auf der Gallerie der Restauration mit Spiess und Laterne und singt das Nachtwächterlied aus den Meistersingern, wobei er, sehr komisch, das Fis des Stierhorns nachahmt.

Nachtkneipe bei Angermann. Ich wohne in der „Sonne“. Theater besucht. 

<p>Dieser Inhalt kann nicht kopiert werden. / This content cannot be copied.</p>