22. Juni. (22. Juni 1876)

Tagebuch von Richard Fricke

Bezüglich der Proben vom 20. und 21. Juni habe ich noch nachzuholen, daß Wagner wieder alles änderte, was er am 19. arrangiert hatte. Er ging noch weiter, er änderte sogar die Tempis im Orchester, und bei der Stelle der Brünnhilde: „Lebe, Weib, um der Liebe willen,“ was er gestern ganz langsam nehmen ließ, verlange er vollständige Änderung. Er war furchtbar aufgeregt, sprang herum und trampelte mit den Füßen, daß es einem heiß und kalt wurde. Die Walküren, mit schweren, großen Schilden und Speeren bewaffnet, waren in Schweiß gebadet. Die Sieglinde hatte ihm gestern ihre schweren Stellen: „Rette mich, Kühne, rette mein Kind“ usw. ziemlich zu Dank gesungen, heute war ihm nichts gut genug. Mit einer Wutgebärde wandte er sich von ihr ab und murmelte ärgerlich in sich hinein, ich hatte ihn noch nie so gesehen. Frau Jachmann hatte sich die jüngeren Kolleginnen um 4 Uhr bestellt. Ich hatte erfahren, daß sie die Scene im Sinne des Meisters gibt. Es wurde alles umgeworfen, ich hatte mich wohl gehütet, daran teilzumehmen. Vor Anfang der Probe sagte ich zu den Walküren-Damen etwa folgendes: „Meine Damen, Sie haben vor Allem darauf zu achten, gleichmäßge Stellungen zu vermeiden, um so mehr als, da Sie mit Schild und Speer bewaffnet sind, die Armhaltungen an sich sehr gleichmäßig erscheinen. Sie müssen fortwährend, trotzdem Sie Alle schwer zu singen haben, ihre Augen offen halten.

Es ist mir bei einigen von Ihnen aufgefallen, daß Sie Ihre Teilnahme an dieser wichtigen Scene nicht feurig genug äußern. Sie lassen sich von der Großartigkeit des Musikalischen geradezu von Ihrem Spiel ablenken und treten in die Funktion des zuhörenden Publikums, Sie vergessen, daß Sie in der Scene stehen, in der Sie wichtig zu wirken haben.“

Betz kommt auch schon, um Fragen zu stellen, und sofort korrigierte ich in der letzen Scene das Bedecken der Brünnhilde mit dem Schild. Auch mit der Sieglinde ist Wagner noch gar nicht zufrieden. Wagner lief in voller Wut an mir vorbei und raunte mir etwas zu, wovon ich nur die Worte verstand: „Ändern, ändern, Scheffsky entsetzlich!“

Gestern besuchte mich Dr. Baldamus aus Cöthen, er wollte gern die heutige Probe besuchen. Durch die Bekanntschaft Hans Richters und der Materna hoffte er Einlaß zu bekommen. Ich sagte ihm, das würde nicht möglich sein, da wir in einer Konferenz schon im vorigen Jahre beschlossen hätten, den Besuch der Arrangierproben, ebenso wie es bei anderen Theatern üblich sei, aufs strengste zu untersagen. Wir können den Künstlern nicht zumuten, bei Wagners unberechenbarem Wesen, der keine Schonung in der Aufregung kennt, sich den Augen von Laien und neugierigen Besuchern auszusetzen. Es wäre auch nicht ausgeschlossen, daß Schilderungen solcher Scenen in die schwierige Presse übergehen. Wie ich gedacht hatte, wurde Baldamus von Hans Richter abgewiesen, auch ein Brief, den er durch Vermittlung von Anton Seidl an Wagner geschrieben hatte, konnte unmöglich an die Adresse sofort gelangen. Nach der Probe fand ich ihn mit seiner Frau vor dem Theater, wir gingen zusammen nach der Stadt. Er erzählte mir viel von Koburg, und wie es ihm gelungen sei, die seit vilen Jahen dort verschwundenen Stare wieder einzuführen. Jetzt, seit zwei Jahren, brüteten auch schon wieder die Nachtigallen. „Hören Sie, Doktor, wenn Sie Wagner versprechen, daß in zwei Jahren in seinem Garten die Nachtigallen singen, so verspreche ich Ihnen, daß Sie alle Hauptproben besuchen dürfen.“

Baldamus ging hocherfreut darauf ein, und ich denke, Wagner bei Gelegenheit davon zu erzählen, da er Baldamus im Hause des Herrn v. Behr in Cöthen vor vielen Jahren kennen gelernt hatte. diese Geschichte gehört ja nicht eigentlich in das Tagebuch, doch teile ich sie mit, um zu beweisen, wie noch viele solche Menschen kamen, die sich einbildeten, weil sie vor 20 Jahren mit Wagner einmal ein Glas Wein getrunken hätten, es könnte ihnen gar nicht fehlen, ihr anliegen betreffs Eintritt für die Vorstellungen bewilligt zu sehen.

Den Obergarderobier Ernst Fischer aus Koburg habe ich engagiert. Ich erzählte dem Meister, daß er ein tüchtiger Mensch sei. „Nun,“ meinte Wagner, „wenn er ein so tüchtiger Schneider ist, wie wir zwei, dann wird er seine Stellung schon ausfüllen.“

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