Um 11 Uhr zum Meister. Wir gingen sofort an die Arbeit, ich ließ ihm erst freien Lauf, er liebt nicht die Unterbrechung. Mit meinem Klavierauszug verfuhr er, indem er mit Rotstift alle möglichen Zeichen machte, nicht übel. Ich hatte ziemlich von morgens 8 Uhr an, auch schon im Bett, mir einen Plan gemacht, welcher allmählich immer lichter und fester wurde, so daß mir anfing das Herz freudig zu schlagen. Nach des Meisters Idee einen choregraphischen Plan zu zeichnen und darnach auf der Arrangierprobe zu verfahren, ist eine zu riesige Arbeit und verwirrt nur. Der Meister selbst brach, während er mir er klären wollte, in die Worte aus: „Es ist eine furcht- bare Arbeit.“ Nachdem er genug Zeichen aller Art gemacht und er scheinbar den Faden verlor, hub ich an: „Meister, nach reiflicher Ueberlegung, nach langen Erfahrungen muß, wie ich schon gestern sagte, das Ganze wie ein Tanz arrangiert sein. Die drei Musikdirektoren, welche in ihren Wagen sitzen, jeder mit einer Singstimme der drei Rheintöchter bewaffnet, die mit roten, blauen und orangegelben Zeichen (bestimmte Zeichen für Rechts- und Linksschwimmen, für Aufsteigen oder Niederlassen, Liegen und Aufrechtstehen) versehen ist, sind die Tänzer, die das Pas de trois ausführen, die drei dirigierenden Maschinenmeister hören auf ihr Kommando, lernen das Pas de trois mit. Die Bewegungen werden wie auf dem Ballettsaal taktweise aneinandergereiht. Sind diese und das ganze Bewegungsarrangement fertig, ganz fest einstudiert, dann erst kommen die willenlosen Rheintöchter dazu, welche, das ist wohl anzunehmen, sich an das Außergewöhnliche ihrer Situation gewöhnen werden, sobald sie das nötige Sicherheitsgefühl haben.
Ein und zwei Takte vor dem Einsatz ihres Singens werden sie von den Musikern in eine aufrechte Stellung gebracht. Nur so, mein verehrter Meister, ist eine Möglichkeit denkbar, über diese Scene, die große Klippe, hinweg zu kommen. Tritt dann Alberich dazu, so wird es eben ein Pas de quatre, in welches er ebenfalls auf die Note ebenso seine einstudierten Bewegungen, Wendungen Herabgleiten von den Felsstücken, Fangen nach den Rheintöchtern, bis zum Sturz in die Tiefe, auszuführen hat. Da für choregraphische Zeichen vorher auf Papier zu bringen, ist eine Riesenarbeit, die auch in der Praxis noch nicht einmal etwas helfen wird. Wir fangen gleich mit den Maschinen an, sehen zu, welche Mittel uns hier zu Gebote stehen und wie wir mit ihnen am besten die Aufgabe lösen können.“
Eine sichtbare Ruhe kam über Wagner und er war als bald mit meinem Vorschlag einverstanden. „Sie müssen Alles machen, Sie sind das Kerlchen, das ich glücklich gefunden“ usw. Nachmittag arrangierte sich mit Fischer, Seidl und Zimmer eine Fahrt nach der Phantasie, dem schönen Sommeraufenthalt des Herzogs Alexander von Württemberg. Er ist der Bruder der Herzogin von Koburg, er kennt mich noch von meinem da maligen Aufenthalt und ich gedenke ihm in den nächsten Tagen meine Aufwartung zu machen. Um 6 Uhr fuhren wir wieder zurück, hielten in der Nibelungenkanzlei an und musizierten. Ich spielte Bratsche zur Erheiterung sämtlicher Um- und Einwohner.
Um 8 Uhr folgten wir einer Einladung zu Wagner. Bassist Staudigl (Sohn des berühmten Staudigl) sang aus „Joseph“ von Méhul wunderschön. Die Unterhaltung war, wie immer, belebt und interessant, um 10 Uhr ging es zu Ungermann, wo Punkt 12 Uhr auf das Wohl des Geburtstagskindes Richard Wagner, der sein 63. Lebensjahr vollendete, begeistert angestoßen wurde. Gott er halte ihn noch lange!
