20. Mai. (20. Mai 1876)

Tagebuch von Richard Fricke

Um 10 Uhr Tanzunterricht wieder Frau Cosima beiwohnte. „Mein Mann läßt Ihnen sagen, er hätte notwendige Angelegenheiten mit Ihnen zu besprechen, Sie möchten nach der Stunde nicht gleich fortgehen.“ Um 11 Uhr kam Unger; ich erzählte ihm von Frau Cosima, daß sie eine strenge Mutter sein müsse. Eine der Töchter hätte heute zur Strafe nicht in die Tanzstunde kommen dürfen, sie wurde in den Saal geführt und Frau Cosima erzählte den anderen Kindern, daß sie unordentlich gewesen sei.

Was ich voraus gesehen habe, daß auch bei Freund Wagner endlich die Angst, wenn ich es so nennen darf, kommen werde, nimmt jetzt seinen Anfang: Der junge Brandt ist, wie ich schon er wähnte, angekommen und richtet nun die Schwimm Maschinen ein. Wagner war Freitag im Theater und hat einen Einblick in diese komplizierte Geschichte bekommen. „Freund, nächsten Dienstag müssen wir die Sache anfangen, da giebt’s zu tun.“

Der Meister hatte heute sehr starkes Kopfweh, er gestand ein, daß er es sich durch einen steifen Grog zugezogen habe. „Meister, ich helfe Ihnen,“ sagte ich, „lassen Sie sich gleich aus der homöopathischen Apotheke Nux vomica holen.“ „Das giebt’s ja garnicht hier,“ sagt Unger. „Gut,“ sage ich, „so gehe ich zu Riemenschneider, der hat sich gestern damit von einer Maikatze befreit.“ Gesagt, getan, ich eilte hin, brachte gleich die ganze Flasche mit. Wagner brachte Zucker und ich gab ihm 3 Tropfen. Während ich damit beschäftigt war, sagte er: „Sie messen mir das Gift tropfenweise zu,“ ernannte mich aber au moment zu seinem Leibarzt.Als ich mittags nach Hause kam, fand ich Briefe von den Meinen und von einem Leipziger Studiosus, der um eine Freikarte an den Verwaltungsrat geschrieben hat. Er bittet mich, für ihn zu wirken. Nachdem ich ein wenig geschlafen, ging ich zu Feustel, fand dort seinen Schwiegersohn Groß und hoffe so viel für diesen begeisterten Jüngling getan zu haben, daß er von den noch 7 übrigen Freikarten eine bekommen wird.

7 1/4 Uhr abends ging ich mit meiner Violine in die Turnhalle, ließ Freiübungen machen, welche auf Knie und Fußbeuge berechnet waren, und ließ sie dann in der Borghesischen Fechterstellung nach der rechten und linken Seite in Verbindung mit Vorwärtsschreiten ausfallen und abwechselnd Armbewegungen machen. In Schweiß gebadet, aber im Gange wie ein altes Postpferd, wollte ich zu neuen Übungen schreiten, als der Diener Wagners eintritt und mich ersuchte, noch auf eine halbe Stunde zum Meister zu kommen, er hätte Wichtiges zu besprechen.

Ich fand Wagner mit seiner Frau allein bei der Teemaschine: „Freundchen, es wird ernsthaft, Sie müssen morgen eine Stunde, vielleicht 11½ Uhr, zu mir kommen, da wollen wir uns zusammensetzen und beraten. Ich habe heute wieder einen Einblick genommen in das komplizierte Wesen dieser Rheintöchter-Schwimmerei, jetzt müssen Sie ran! Das muß choregraphisch angeordnet werden ich habe heute den ganzen Nachmittag den Klavierauszug zur Hand gehabt und mir oberflächlich die Zeichen gemacht, bin aber stecken geblieben. Der leitende Maschinist wird von drei Musikdirektoren, Seidl, Fischer und Mottl — an letzteren habe ich sofort telegraphiert — kommandiert. Die Bewegungen von rechts nach links, von oben nach unten, müssen auf die Note einstudiert werden.“ 

Ich warf dazwischen: „Die drei Musikdirektoren haben ein Pas de trois zu tanzen!“ „Richtig, und das müssen Sie choregraphisch in ihren Klavierauszug zeichnen mit farbigen Stiften. Hier, das ist Ihr Klavier auszug, den behalten Sie, ich werde gelegentlich noch meine Photographie hineingeben und Ihnen ein Gedicht dazu machen.“ Bis 10 1/2 Uhr blieb ich, wir hatten heißen Tee genommen, da erinnert sich Frau Cosima: „Mein Gott, Sie haben gewiß noch nicht zur Nacht gespeist!“ Ich sagte ihr, daß mich mein Abendbrot bei Schierbaum erwarte, verschwieg aber, daß ich in großer Sorge sei, daß mir die anderen von dem Bockbier etwas übrig gelassen hätten. (Unger hatte ein Achtel von einem Freunde aus München bekommen.) Aber nun kamen wir noch auf Kindererziehung und Gouvernanten und deren mangelhafte Erziehung. Ich konnte nicht unterlassen, zu fragen, wer heute morgen so schmerzlich geweint. Frau Cosima sagte, es wäre Evchen gewesen. Das war mein Liebling. „Was hatte sie denn verbrochen?“ frug ich: „Ich fand ihren Schrank in Unordnung, da lag Wäsche auf ihrem Sommerhut und Butterbrod auf neuen seidenen Bändern, ich mußte sie strafen.“ Der Meister erzählte aus seiner Kinderzeit, auch ich erzählte von meinem guten, alten Vater Schnurren, die dazu paßten. Wagner schüttelte sich vor Lachen: „Jetzt geht erst mein Kopfweh weg, Sie sind ein guter Doktor.

Um 11 Uhr kam ich zum Bocktrinken, sie hatten mir richtig gerade noch ein Glas übrig gelassen.

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