17. und 18. Juni (17. und 18. Juni 1876)

Tagebuch von Richard Fricke

Erst heute komme ich nach vielen unruhigen Stunden dazu, Bericht zu erstatten. Der Meister konnte auch Freitag nicht zur Probe kommen, Schmerzen, welche ihn aufs heftigste plagten, und eine schlimme Nacht im Fieberzustande zwangen ihm, im Hause zu bleiben. Hans Richter, der mir vor Beginn der Probe, während wir zusammen beim Kaffee saßen, wohl ansehen mochte, daß ich nicht Lust hatte, zu gehen, sagte: „Nun, kommen Sie nicht?“ Ich erwiderte: „Ich werde wohl nicht nötig sein, da sämtliche Requisiten, unerläßlich nötig zur Arrangierprobe, fehlen. Niemann und Betz haben die Scene zu beherrschen, lassen Sie nur die Herren allein machen. Ich wiß bestimmt, daß, wenn Wagner kommt, er doch Alles über den Haufen wirft.“  Richter sagte: „Sie wissen, es ist der Wunsch des Meisters, daß Sie dabei sind.“ Ich ging und setzte mich ruhig mit dem Klavierauszug hinter die Kulissen. Alle arrangierten, Maschinenmeister Brandt, Niemann und Betz, aber sie wurden sich nicht einig, wie es gemacht werden könnte.

Sonnabend Morgen empfing mich der Meister mit dickgeschwollenem Gesicht und sehr angegriffen durch die schlaflosen Nächte. „Bester Freund, ich will und muß heute auf die Probe, Sie werden sich an meine Seite setzen, und da ich nicht laut sprechen kann, mein Dolmetscher sein.“ Wir setzen uns zusammen, nahmen den Klavierauszug der Walküre zur Hand. Er zeichnete mir Auftritte, Stellungen und Abgänge genau auf die Note auf. Um 5 Uhr war ich schon im Theater, um Anton Seidl zu instruieren, damit er die Auftritte an den bezüglichen Stellen nach der Note dirigiert. Brand teilte ich die Änderungen des Meisters mit, ebenfalls allen, welche beschäftigt sind. Der Meister kommt, die Probe beginnt, und wie ich’s mir gedacht, so kam es. Wagner vergaß alle Schmerzen, sprang die hohen Felsstücke auf und ab, arrangierte nach Möglichkeit und warf alles über den Haufen. Der Arzt meinte: „diese Procedur kann möglicherweise gut für seine Gesundheit ausschlagen. Er bringt sich in Schweiß und nimmt eine Pferdekur mit sich vor.“

Das Roß Grane spielt heute mit. Brünnhilde führte es, wie es sein muß, langsam über Feslgestein. In der 3. Scene, in welcher Brünnhilde dem Siegmund das Fallen im Kampfe mit Hunding anzuzeigen hat, empfand Wagner, daß das Pferd die Aufmerksamkeit von der höchst wichtigen und in der Tat großartigen Scene ablenken wird. Ich stimmte ihm bei. Obgleich die Gruppierung der Scene sehr schön sei und man bedauern müsse, wenn das Bild nicht durch Grane unterstützt würde, so sei doch die Scene viel zu wichtig, zu hochdramatisch, um nicht alle Bedenken wachzurufen. Es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß das Tier, durch ingendwelchen unberechenbaren Zwischenfall unruhig gemacht, die ganze Scene verderben könnte. Also Grane bleibt weg, Brünnhilde tritt allein auf. Der Schluß des 2. Aktes wird sich gut machen. Der Kampf Siegmunds und Hundings geht hoch oben, auf Bergeshöhen, in Wolken gehüllt, vor sich; Blitze erleuchten ihn momentweise. Wotan tritt im kritischen Moment dazu, das Schwert zersplittert, Siegmund fällt. Brünnhilde entflieht, um Sieglinde, die unten geblieben ist, abzuholen. Grane erscheint mit Brünnhilde. In Wolken und Dampf verschwindet alles.

Höchst interessant und komisch war es, als die Scheffsky bei den Worten: „Wehre den Kuß des verworfenen Weibes nicht“ sich nicht inbrünstig genug dem Siegmund an den Hals warf. Wagner machte es ihr vor, mit einem Schlage hing der kleine Wagner an des großen Niemanns Halse, daß dieser beinahe schwankte, die Fußspitzen Wagners berührten kaum noch den Boden in diesem Momente.

Er sang dazu die betreffende Stelle, riß Siegmund herum und sagte: „Hier wechselt Ihr Beide zugleich auch die Plätze.“ Wagner ließ los, und als er an mir vorbeikam, sagte er: „Das machen die Frauenzimmer nicht gern, sie denken, sie kriegen dann keinen Mann.“ Im selben Augenblick hat Hunding einzusetzen: „Wehwalt, Wehwalt, steh mir zum Streit.“

„Herrgott, reißt der Kerl das Maul auf,“ sagte Wagner. Es war geradezu ängstlich mit anzusehen, mit welcher Lebhaftigkeit Wagner nun oben auf Bergeshöhen den Kampf leitet. Niemann wendet sich ab: „Gerechter Himmel, wenn er nur herunterginge; wenn er fällt, ist ja Alles aus.“ aber er fiel nicht, er sprang mit seiner dicken Backe, welche noch durch Watte und ein dickes Tuch verbunden war, wie eine Gemse ins Tal. Wagner ist und bleibt eine der sonderbarsten Erischeinungen. Den jungen Musikern, welche sich mit ihren Klavierauszügen hinter den Kulissen niedergelassen hatten, sagte er im Vorbeigehen: „Müßt Ihr denn die alten Schartäken in der Hand haben, könnt Ihr’s denn noch nicht auswendig?“ Als Betz (Wotan) ihn fragte, um zu wissen, wie er Stellung zu nehmen habe: „Wo tritt Fricka auf“ fragte Wagner: „Links, der Teufel kommt immer von links.“

Der heutige Sonntagschluß war so sonderbar großartig, daß ich versuchen will, ihn zu schildern. Professor Wilhelmj hatte den ganzen „Bau“ schon vor acht Tagen zu einem Fasse Wein bei einem „Waldfest“ eingeladen.

Jeder sollte sich ein Trinkgefäß mitbringen. Der fortwährende Regen die ganze Woche hatte die Idee, im Walde zu lagern und zu zechen, vereitelt. Mittags rief mir Professor Wilhelmj schon aus dem Fenster seiner Wohnung zu: „Das Rendez-vous ist heute in der Festhalle“ (der Restauration am Wagner-Theater).

Unger und seine Braut, Frl. Marie Haupt, holten mich 4 ½ Uhr ab, und an der Festhalle angekommen, fanden wir eine unserer schwarzen Probetafeln aufgehängt. Darauf stand: „Die um 5 Uhr angesetzte „Probe“ findet nicht im Walde, sondern im oberen Saale der Festhalle statt.“ Man war schon im vollen Zechen aus Römern von allen Größen begriffen. Die Tische waren zu 10-12 Personen eingerichtet. Darauf wurde aus Wasserkaraffen der edle Wein kredenzt. an einer Tafel quervor saßen Wilhelmj und Bruder, Hans Richter, Unger mit Braut, die drei Rheintöchter, die jungen Musikdirektoren und meine Wenigkeit. Die Toaste nahmen ihren Anfang, der erste auf Wilhelmjs Vater, dessen Geburtstag zugleich bekannt gemacht wurde, der zweite auf Wagner, ausgebracht von Hans Richter, in welchem er den Anwesenden zugleich dessen Grüße und das Bedauern aussprechen ließ, heute nicht unter ihnen sein zu können. Ich will von anderen Toasten nur den Kreutzbergs aus Dessau (Orchester) erwähnen. Er sprach in Reinem auf Hans Richter:

Ein Hoch dem Mann,
Der uns voran,
Ein Hoch dem Mann,
Der drauf und dran,
Ein Hoch dem Mann,
Der Alles kann.
Ihr frage: „Der Mann
Wie heißt er?“
„‘S ist unser Kapellmeister“

Auch ich sprach, ich glaube, ich habe mich mit meinem Rednertalent blamiert, obgleich ich mit Zujauchzen begrüßt und entlassen wurde. Ich hatte mich auf einen Stuhl gestellt und fing folgendermaßen an:

„Jean Paul sagt „Der Mensch steigt auf einen Berg, wie das Kind auf einen Stuhl, um der Mutterbrust Natur näher zu sein.“ Ich steige auf einen Stuhl, um größer zu sein, und erlaube mir auch einen Toast auszubringen und zwar allen Denen ein Hoch – und zu Denen gehören wir wohl Alle – , welche auf’s Innigste durchdrungen, die das Herz höher schlagen fühlen bei dem Gedanken: „auch Dir ist es vergönnt, in der großen Zeit zu leben, an dem Riesenwerke mit zuarbeiten, jeder in seiner Weise.“ Und in diesem Glücke trinke ich mein Glas leer!“

Viele waren schon so des edlen Rheinweines voll, daß sie mich nicht mehr verstanden, sie sagten es mir selbst. Was nun folgte, spottet jeder Beschreibung. Die Aufregung, der an sich so schwere Wein, dazu 25 Grad Hitze, alles hatte sich vereinigt und schnell gewirkt, uns alle aus Rand und Band zu bringen. Es fanden Verbrüderungen statt, Tränen flossen, der Rest ist Schweigen ….

Um 11 Uhr sprach ich Wagner und Frau und schon war die Fama im Hause. Wagner war außer sich und zürnte Wilhelmj und Hans Richter. Ich entschuldigte, indem ich sagte, daß das Lokal, die Hitze und der schwere Wein geeignet seien, dergleichen zu erzeugen. Wagner: „Das mußten Wilhelmj und Richter wissen, daß man einen so schweren, edlen Dessertwein nicht zu einer Kneiperei geben darf.“ Der Frau Cosima hatte man sogar erzählt, zuletzt seien alle Gläser zerschlagen worden. Davon hatte ich nichts gesehen und bis zur Stunde auch nichts erfahren.

Auf der heutigen Probe begrüßte ich Frau Jachmann-Wagner, welche eine Walküre und eine der Nornen darstellen wird. Interessant war mir heute das Probieren der neukonstruierten Laterna magica, wodurch nicht allein die vorüberreitenden Walküren auf die Hinterwand geworfen werden, durch eine einfache Vorrichtung werden auch Blitzstrahlen von großer Wahrheit erzeugt. Die Bilder der vorüberziehenden Walküren sind noch nicht fertig. Ich bin sehr begierig, welche Wirkung sie haben werden.

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