17. Mai. (17. Mai 1876)

Tagebuch Richard Fricke

10 Uhr zum Unterricht bei Wagner. Zu den Kindern hatten sich noch drei Schülerinnen gesellt, Töchter der Frau von Staff-Reitzenstein. 11 Uhr zu Anton Seidl in das Nibelungen-Bureau, er spielte mir die Musik zu dem 2. Auftritt der Nibelungen, wie sie den Hort herbeibringen (Rheingold). 7 Uhr zum Turnen. Meine Anrede an diese 25 Herren verschiedener Lebensstellung war ungefähr folgende:

„Meine Herren, ich halte es zunächst für nötig, Ihnen einen kleinen Einblick zu geben in die für den Laien verschlossenen Funktionen eines Regisseurs oder Arrangeurs der Scenen, welche in der Oper oder im Schauspiel vor Ihrem Auge vorüberziehen. Je mehr es Ihnen Freude bereitet, bei großen Scenen (Volksscenen) sich alles ganz natürlich abspielen zu sehen, desto größer ist das Verdienst des Regisseurs. Er hat die Funktion, die Scenen zu ordnen, den Darstellern der ersten Rollen ihre Plätze und Auftritte genau anzugeben, den Novizen, Anfängern mit kleinen Rollen, Betonung des Wortes und Satzes zu bezeichnen. Diese sind in die Intentionen des Dichters durch die Leseproben und ihre zu studierenden Rollen ein geweiht. Etwas anderes ist es mit den Choristen und Statisten. Diese müssen auf den Arrangierproben in die Situation der Scene eingeweiht werden. Der Regisseur teilt ihnen die Hauptsache der Handlung mit, sucht ihr Interesse rege zu machen, damit sie sich charakteristisch an der Scene beteiligen, in der sie, als Bild betrachtet, einen wichtigen Teil ausmachen. Nachdem dies geschehen, verteilt der Regisseur die Auf- und Abgänge, die Stellungen und Gruppierungen, und wenn nötig, giebt er ihnen Anleitung, ihre Worte oder ihren Gesang mit Gesten und Armbewegungen zu verbinden. In einem ähnlichen Falle befinde ich mich Ihnen gegenüber. Der Meister hat mich mit dem Auftrage beehrt, Ihnen, die noch nie die heißen Bretter betraten, eine der schwierigsten Scenen seines Werkes einzustudieren.

Wenn ich, da Sie sich freiwillig zur Mitwirkung stellten, annehmen kann, daß Sie das Werk entweder gelesen oder sich mit dem Inhalt vertraut gemacht haben, so halte ich es doch für nötig daß ich ganz speziell Ihnen die Reihenfolge der Scenen in kurzen Worten bis zum Eintritt und Erledigung Ihrer Funktion, wo Sie in die Scenen einzugreifen haben, mitteile, Ihnen das Charakteristische ihrer Erscheinung klar darzulegen versuche. Ich kann nicht jedem Einzelnen lehren und sagen:

„So ist des Einen Bewegung und Geste, so des Andern Stellung und Miene. Sie selbst haben das Charakteristische hineinzulegen. Ich habe nun die Funktion, nachdem ich Sie mit dem In halt der Scenen bekannt gemacht habe, mit Ihnen körperliche Uebungen vorzunehmen, damit es Ihnen gelingt, sich auch gewandt und plastisch bewegen zu lernen.“

Ich nahm nun mein Buch vom Rheingold und führte sie durch die Scenen zur Verständigung der Handlung bis zu ihrem Auftritte, wobei sie, ich fühlte es heraus, mir mit der größten Aufmerksamkeit und mit Interesse folgten. Ich kam auf unser deutsches Turnen zu sprechen, wo jetzt, im Gegensatz zu früher, ein System geschaffen, aber noch viel zu reformieren sei. Darauf fuhr ich fort:

„Ich werde Ihnen zunächst aus der französischen Tanzschule zusammengesetzte, von mir erfundene Freiübungen, welche ich gleich für das vorliegende Werk zurecht machte, zeigen, lediglich um die Glieder zu kräftigen und Ihnen die Herrschaft über Ihren Körper zu geben. Sie können diese Uebungen Tag für Tag in Ihrem Zimmer probieren und Sie werden bald die gute Wirkung spüren.“

Es wurde ein Kreis geschlossen, im Armabstand angetreten, und nun ging die Tanzstunde los. Ich hatte es mit lauter liebenswürdigen Menschen zu tun und hatte ihr großes Interesse durch mein Raisonnement für mich gewonnen. Um 8½ trennten wir uns, ich war in meinem Eifer doch etwas warm geworden.

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