Erste Vormittagsstunde um 10 Uhr mit Wagners Kindern, die sich auf den heutigen Tag wie auf eine Geburtstagsfeier gefreut hatten. Frau Cosima wohnte dem Unterrichte bei und in den Pausen unterhielten wir uns über die Wichtigkeit eines plastischen Unterrichts für die auf der Bühne beschäftigten Künstler: Sänger, Schauspieler, Choristen und Statisten. Auf dem Gebiete der Oper, wie sie Wagner geschaffen und reformiert, sei es geradezu eine Bedingung geworden, die landläufigen, unmotivierten Armbewegungen der Sänger zu verbannen. Die dramatischen Situationen in den Opern Wagners erfordern eine Reform.
Nach der Stunde kam Wagner und erzählte mir von Wien, wo er dem Darsteller des Tannhäuser gezeigt hatte, welche Geberden er zu machen habe, wenn im 1. Akte die Freunde ihn wiedersehen und wie er ihnen entfliehen will. Er konnte mir die Ungeschicklichkeit garnicht gräßlich genug ausmalen und es gab viel zu lachen. Als ich nach Hause kam, fand ich Briefe von Frau und Kindern vor.
Nachmittag holte ich Freund Heumann ab, um unsern armen schwer krank daniederliegenden Hauptmann Baron von Schrenck zu besuchen. Er hat sich im vorigen Jahr beim Ausrücken zum Manöver durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde den Fuß gebrochen. Diensttauglich wird er wohl nicht mehr werden. Er hat noch keine Ahnung davon, gedenkt sich zu den Festspielen hinaus fahren zu lassen, um zu hören und zu schauen, was Wagner nach jahrelangem Kämpfen nun doch fertiggebracht hat. Ich fand ihn heiter scherzend, herzlich erfreut, mich wieder zu sehen. Eine Stunde blieben wir bei ihm.
Um 10½ wanderten wir nach unserm Nibelheim (Angermann), dort fanden wir außer den Bayreuther Freunden noch Heckel, und dann kam (die Freunde hatten ihn von der Bahn geholt) ein Schüler Wagners, Musikdirektor Zimmer aus Karlsruhe. Er war in Cairo und Neapel gewesen, um Heilung zu suchen, hustete furchtbar, die Reise hatte ihn sehr angestrengt. Er erzählte von dem wundervollen Aufenthalt im Süden, Cairo und den Pyramiden. Um 1 Uhr gingen wir nach Hause, es ist einmal nicht anders, der Tag wird bei Angermann beschlossen — und angefangen.
