15. Mai (15. Mai 1876)

Tagebuch Richard Fricke

10 Uhr zu Wagner, Unterhaltung im Familienzimmer. Einladung zu heute abend 8 Uhr. Die Delegierten der Wagner-Vereine werden wie ich schon erwähnte, heute hier empfangen. Um 6½ Uhr holte ich den Meister von Angermann ab. Wir wollen unsere 25 Nibelungen, Hartläufer, wie sie Wagner nennt, kennen lernen. Er hielt eine Ansprache an die Turner. Er nähme ihre Hilfe in Anspruch, damit sie ein Scherflein beitragen möchten zum großen Ganzen, und damit auch bei den vorliegenden Verhältnissen Ersparnisse an den Kosten erzielt würden, welche bei Heranziehung von Balletkräften geradezu unberechenbar wären. Er sagte ihnen Dank für ihre Bereitwilligkeit, der allerdings vorläufig nur darin bestehen könne, daß sie den Vorteil genössen, den Proben und Vorstellungen ungehindert beizuwohnen, wofür viele andre viel geben würden. Hier mein Balletmeister wird Sie vorbereiten und Sie in Alles einweihen. 

Da die jungen Leute meistens durch ihre Beschäftigung in ihrer Zeit beschränkt sind, so wurde besprochen, zunächst die Abendstunden zu den Vorübungen zu benutzen. Zu den späteren Proben, wo auch der Vormittag beansprucht würde, wollten sie sich freimachen. Ich bestellte sie mir zur ersten Probe für den 17. d. M. abends 7 Uhr und wir trennten uns. 

Ich begleitete Wagner durch den Hofgarten, in welchem König Ludwig ihm einen Eingang in seinen Garten, der daran grenzt, gestattete. Wir besprachen die Garderoben-Einrichtung und er war mit meinen Vorschlägen ein verstanden. Wir kamen auf die Regieführung und ich bemerkte, bei diesem seinem Werke sei, als etwas vor her noch nie Dagewesenem, nötig, der Nachwelt eine schriftliche Scenerie zu überliefern. Ich würde, da es jetzt einen zu großen Zeitaufwand erfordere von 4 solchen Werken bis zum 1. Juli einen Regieauszug zu schaffen, aufmerksam seinen Anordnungen folgen und dann ein Regie- und Sceneriebuch anfertigen, womit er sehr einverstanden war. 

Wagner war in übler Stimmung, denn er war heut morgen, obgleich er es verschworen hatte, vor dem 1. Juni das Theater zu sehen, mit den Delegierten nach der Konferenz dort gewesen. Das Gerüst steht noch immer in der Fürstenloge, worin doch ungehindert gearbeitet werden könnte. Es ist noch viel zu tun, aber wenn man fragt, warum nicht daran gearbeitet wird, schiebt es einer auf den andern.

Bevor wir uns trennten, konnte ich es nicht unterlassen, ihn auf die Schwierigkeit der Nornen scene mit dem Seilwerfen aufmerksam zu machen. Ich sagte: „Beim Lesen einer Scene von solchem Ernst und düstern Wesen, sei unsre Phantasie in voller Tätigkeit; sobald aber die Sache unserm Auge vorgeführt wird, wo all die andern Sinne lebendig sind, kann unser geschaffenes Phantasiebild bis zur Lächerlichkeit zusammenschrumpfen und bei dieser Scene, die wir uns, um sie arrangieren zu können, dem Auge und unsern Sinnen vorzuführen haben, ist die Klippe da! Das Seil muß lang, golden und leicht sein und doch auch wieder schwer genug, daß es zugeworfen werden kann, ich fürchte, „Sie daß es die drei Damen nicht lernen werden.“ „Sie müssen es so lange üben, bis sie es können,“ rief er dazwischen. „Und wenn sie es nicht lernen? Diese Scene hat mir den ganzen Winter zu denken gegeben, hören Sie meinen Vorschlag! Wie wäre es, wenn wir das Seil mechanisch, für das Publikum unsichtbar durch Drähte in Bewegung setzen und wenn das nicht geht, schlage ich vor, gar kein Seil zu nehmen, es pantomimisch auszudrücken. Er stutzte — „Nein, nie — pantomisch, – nun wir werden sehen.“ 

Ich entgegnete ihm, „ja wenn ich lauter Darstellerinnen wie Frau Jachmann Wagner hätte (sie giebt die erste Norne), dann würden wir nicht allein mit dem von mir vorgeschlagenen Dirigieren des Seils, wir würden auch mit dem von Ihrer Phantasie geschaffenen Werfen des Seiles fertig werden.“ Ich war nahe daran, ihn noch auf andre und fast größere Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, Dinge, die unsre Phantasie zu den schönsten Bildern gestalten, welche aber, wie gesagt, in der Wirklichkeit die Scene geradezu in Frage stellen. Die Unmöglichkeit der Verwirklichung tritt an uns heran und der Fluch der Lächerlichkeit zerstört das Gebilde. Aber vorläufig war ich zufrieden, daß ich ihm, dem beweglichen Manne, dies Eine gesagt hatte, auch wurden wir durch seine beiden großen Leonberger Hunde, welche sich an ihn hingen, und von denen einer ihn beinahe durch seine Liebkosungen über den Haufen warf, davon abgelenkt und ich verabschiedete mich von ihm. 

Abends 8 Uhr waren bereits bei meinem Eintreten im Musiksaal die Delegierten versammelt, darunter Professor Riedel. Er hatte eine Adresse in schöner Enveloppe mit den Unterschriften der Mitglieder des Vereins überreicht. Es interessierte mich, die Namen zu lesen, ich fand unter ihnen manchen Bekannten. Emil Heckel Mannheim, den ich schon im vorigen Jahr kennen gelernt hatte, begrüßte mich herzlich und teilte mir mit, daß Wagner heute in der Versammlung mein Lob gesungen habe. — 

Es wurde Angermannsches Bier, Tee und Eis herumgereicht, man stand in Gruppen bei lebhafter Unterhaltung. Riedel erzählte mir von dem Altenburger Musikfest, das in den letzten Tagen des Mai stattfinden sollte. Er berichtete, wer alles zur Aufführung kommt, daß Liszt zugegen sein würde usw. Nun wurde zu Tisch gerufen, man bediente sich selbst von einer reich besetzten Tafel, wo kalte Speisen und Delikatessen aller Art aufgestellt waren. An dem Tische, wo ich saß, hatten sich Fritzsch, Riedel und Davidsohn niedergelassen. Wagner kam an unsern Tisch und seine Stellung zur Presse, ein sehr interessantes Thema, kam zur Verhandlung. 

Wie Wagner zur Presse steht, ist ja bekannt, und wenn man ihn hört, wie erbittert er derselben gegenübersteht, kommt man mit ihm in Wut. Es ist der Presse nicht gelungen, wie sie es nach seiner Meinung wollte, Wagners Wirken und Unternehmen tot zu schweigen; sie, die er ja als eine Macht anerkennt aber nicht genügsam beachtet hat, fängt jetzt an, nach den Erfolgen klein beizugeben. Er erzählt einzelnes und läßt uns einen interessanten Einblick in dieses Tun und Treiben gewähren. Um 11 Uhr erfolgte der Aufbruch. 

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