Ich vergaß zu erwähnen, daß mich gestern besonders das Interesse ins Opernhaus führte, dasselbe bei Beleuchtung zu sehen, und ich muß gestehen, daß es in seiner Art großartig ist. Wegen Heiserkeit Ungers, den die rauhe Witterung sehr mitgenommen hat, wurde nicht probiert. Wir setzten uns zusammen, Geschäftliches wurde besprochen. Die 25 Turner will ich nächstens in Wagners Haus empfangen, obgleich ich gerne gesehen hätte, vorher einmal mit ihnen zusammen zu kommen. Baron von Baligand, Vorstand der Wagner-Gemeinde in München, welcher von Wagner und Feustel dem Könige vorgeschlagen wurde, für die Unterbringung der fürstlichen Personen im kgl. Schlosse hier Sorge zu tragen, ist angekommen. Wir werden ihn heute abend bei Wagner treffen. Der König ist auf obigen Vorschlag sofort ein gegangen und das hat bei den hohen Hofchargen in München böses Blut gemacht. —
Briefe über Briefe kommen an, u. a. das Angebot eines Gelehrten, der Wagner das älteste Manuskript des Rattenfänger von Hameln seinige hundert Jahre alt) anbietet, um daraus eine Oper zu machen, es wandert in den Papierkorb. –
Zum Schluß, die Weckerlin kommt und so wurde meine Hoffnung Frl. Pauli hier zu sehen zu Wasser. Nächsten Sonntag, also morgen, werden die Delegierten sämt licher Wagner-Vereine in Bayreuth eintreffen und am Montag von Wagner empfangen und bewirtet werden.
Um 8 Uhr abends gingen wir, Rubinstein und ich, zu Wagner und fanden dort die jungen Musikdirektoren Fischer, Seidl und den Herrn Baron von Baligand, einige Damen, Freundinnen der Frau Cosima und eine junge Harfenistin. Schlosser hatte von München geschrieben, daß er Mittwoch hier eintreffe. Unter verschiedenen Briefen war ein höchst komischer eines Uhrmachers eingelaufen, eine Art Bettelbrief. Er hätte lange im Spital gelegen, sei aller Mittel entblößt und frägt an, ob Wagner ihn nicht bei dem Bühnenspiel beschäftigen könne. Sollte er keine Verwendung für ihn haben, so bittet er Wagner, ihm doch eine Hose oder Rock zu schenken, da er gern als anständiger Mensch in das Haus seiner Eltern zurückkehren möchte. Große Heiterkeit, die dadurch den Höhepunkt erreichte, daß Wagner seiner Gattin den Brief mit folgenden Worten überweist: „Nimm ihn hin, Du wirst schon weiter sorgen.“ Rubinstein mußte sich ans Klavier setzen, er spielte den Festmarsch für Phila-delphia und den Königsmarsch (Ludwig von Bayern).
Dann kamen wir auf verschiedene Komponisten schöner Ballettmusik zu sprechen und Wagner spielte nun den Bolero aus „der Stummen“, aus dem „Maskenball“ die Allemande und Polonaise, sowie Tänze aus „Gott und die Bajadere“, welche er einstens als Kapellmeister in Dresden dirigiert hat, Note für Note, ohne Noten. Frau Cosima erzählte von meinem „Steyrischen Tanz“ mit Frau von Mayendorf im vorigen Jahr. Und nun geriet Wagner wieder außer sich. Er erzählte und schilderte diese Episode als das Bedeutendste, was in seinem Studierzimmer jemals vorgekommen sei. Nun ging’s zur Orgel im Nebensaal. Fischer spielte die Introduktion zum ersten Akt der „Meistersinger“ und aus dem „Lohengrin“ — wie Wagner dazwischen warf „aus Logengrün“.
Als wir uns ½U Uhr empfehlen wollten, führte uns Wagner an den Cigarrenkasten und traktierte uns mit Cigarren von seinem Freunde Senator Peters aus Hamburg, allerdings ein Kraut, wie ich es lange nicht geschmeckt und gerochen hatte. Wir genierten uns in den Salon mit der brennenden Cigarre zu kommen, aber siehe da, Frau Cosima kam uns entgegen mit der brennenden Cigarette im Munde; die drei Damen hatten sich entfernt.
Die Unterhaltung wurde immer lebhafter, Wagner forderte mich auf, ein Pas de trois zu komponieren welches wir dann, wenn Dr. Liszt erst da sei, als Jubelgreise aufführen könnten. Montag, das mußte ich Frau Cosima versprechen, sollte der Tanzunterricht mit den Kindern beginnen. Wagner erinnerte an meine Art beim Unterricht Violine zu spielen, die seinem Schwiegervater, welcher von dem Unterrichtssaale nur durch eine Tür getrennt ist, so gefiel, daß er mir über die höchst gefälligen Melodien Komplimente machte.
Ich nahm Gelegenheit, Wagner an Türke, Organisten in Zwickau, zu erinnern. Ich erzählte ihm, daß ich in Zwickau in St. Marien eine Trauung mitangehört und dem Organisten, der dem Brautpaar zu Ehren ein Orgelstück vortrug, quasi für den Genuß gedankt hätte. Er hättre dann am Schluß mir zuliebe noch eine Bachsche Fuge gespielt und, als Türke erfahren, daß ich nach Bayreuth ginge, mir Grüße aufgetragen, denn er sei ein alter Bekannter, der einige Tage in Bielefeld (1862) bei Richard Wagner und nahe daran gewesen, Wagners Pflegetochter, Planer, zur Frau zu bekommen. Wagner konnte sich nicht erinnern, trotzdem er fortwährend den Namen „Türke“ sich wiederholte. Ich entgegnete ihm, daß das doch bei seinem viel bewegten Leben leicht möglich sei. „O nein! Ich habe für Alles Erinnerung und wen ich in meinem Leben einmal gesehen habe, den erkenne ich wieder. Aber ich kann mich schlechterdings nicht erinnern, ob meine Tochter einen Türken oder Griechen heiraten sollte.
Wagner hatte eine förmliche Antipathie gegen Höflichkeitsbezeugungen. So drängelte sich einmal bei einer Rheinfahrt mit vielen Bücklingen ein Mann an ihn mit den Worten heran: „ich habe wohl das große Vergnügen, Herrn Richard Wagner vor mir zu sehen!“ Und Wagner schleudert ihm ein „Nein!“ entgegen. In Zürich tritt er aus seiner Wohnung, ein Herr kommt ihm entgegen, erkennt ihn und fragt dennoch Wagner: „Um Vergebung, wohnt hier Herr Richard Wagner?“ „Ja wohl,“ sagt Wagner „zwei Treppen hoch.“ Da ging er hin.
Nach 11 Uhr gingen wir nach Hause. Herr von Baligand wohnt auch im Reichsadler und wir unterhielten uns noch eine ganze Stunde über die Großartigkeit des Werkes und ich verhehlte ihm nicht, welche Sorgen mich beschleichen bei all den Aufgaben, die uns Wagner stelle.
