12. Mai. (12. Mai 1876)

Tagebuch Richard Fricke

11 Uhr zu Wagner. Mit Unger Scenenprobe Götterdämmerung. Erzählung bis zur Sterbescene Siegfrieds. Die Scenen sind unstreitig das Großartigste, was man sich denken kann. Wagner teilte uns mit, daß er von Amerika ein Telegramm erhalten habe, sein Festmarsch habe einen ungeheuren Erfolg gehabt. Die Zeitungstelegramme sind bereits bekannt. Ebenso sprach er von den Erfolgen seines Tannhäuser in London an der italienischen Oper. — 

Briefe und Nachrichten mit Unannehmlichkeiten und Ärger stören, wenn auch nur vorübergehend, seinen Humor und veranlassen die ausgezeichnetsten Sarkasmen. Der Wagen steht vor der Tür; Wagner ist bereits in Toilette, um einen Besuch mit seiner Gattin, bei einem Regierungspräsidenten oder, Gott weiß wem, zu machen, was ihm sehr schwer zu werden scheint. Nachmittag Besuch bei Frau Staatsanwalt Heumann, Spaziergang zum Gottesacker mit Unger, Jean Pauls Grab. Im kgl. Opernhaus spielt gegen wärtig eine Schauspielgesellschaft des Direktor Merlé. Unger besorgte Billete, es wurden zwei Operetten gegeben. Wir Beide hatten mit einer genug und gingen zu Angermann. Ich wollte mir die Zwickauer Eindrücke nicht verderben. Dieser Monat Mai ist ein ganz gewöhnlicher Bursche. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nicht so gefroren. Bis jetzt mußte ich, um schreiben zu können, fast jeden Tag heizen lassen. Der Typhus hat, ganz besonders unter dem Militär schon viele Opfer gefordert. Wie es heißt, ist diese Krankheit jetzt im Abnehmen. 

<p>Dieser Inhalt kann nicht kopiert werden. / This content cannot be copied.</p>