Nachdem ich mich eine Stunde mit Unger beschäftigt hatte, ihm Anleitung gab, die Herrschaft über seinen Körper zu bekommen und ein Langes und Breites über meinen systematischen Unterricht gesprochen, ihm die Wichtigkeit desselben plausibel gemacht, gingen wir um 11 Uhr zu Wagner, wo wir alsbald zur Scenenprobe schritten: Götterdämmerung, Scene mit den Rheintöchtern.
Wir wurden nach einer Stunde unterbrochen durch Kapellmeister Frank aus Mannheim, welcher sich verabschieden wollte. Die Unterhaltung drehte sich in der Hauptsache um Mannheim, musikalische Zustände, Rechte der Autoren. Wagner erzählte uns viel Interessantes bezüglich seiner Kämpfe s. Z. in Dresden. Dieses Hoftheater hat unverdrossen (seit seinem Abgang von Dresden 1849) seine Opern Rienzi, Fliegender Holländer und Tannhäuser gegeben, ohne der Rechte, der neuen Rechten des Autors sich annähernd zu erinnern. Wagner war zur Zeit der ersten Aufführungen genannter Opern Kapellmeister in Dresden und deshalb mit 20—40 Friedrichsdor je nachdem bezahlt. Auf eine Anfrage in den letztverflossenen Jahren, währenddessen die Dresdner die Opern ungehindert aufführten, antworteten diese, sie hätten das wohlerworbene Recht dazu. Und dabei blieb es zunächst.
„Vor kurzer Zeit,“ sagte Wagner „regelte Herr v. Hülsen auf die nobelste Weise eine ganz ähnliche Affäre. Den „Fliegenden Holländer“ hatte Hofrat Küstner aufgeführt und ein verschwindend kleines Honorar gezahlt. Seit seinem Abgange ist bekanntlich diese Oper in Berlin vielfach gegeben und man hat nie an eine Tantieme für mich gedacht. In direkt ließ ich durch einen Freund Herrn v. Hülsen darauf aufmerksam machen und dieser ließ sofort die Aufführungen und deren Einnahme durchsehen und zahlte alles nach. Ja er ging noch weiter, auch die andern Hoftheater, welche unter seiner Ägide stehen, haben gezahlt! Gegenüber den Stadttheatern werden meine Rechte durch Agenten (er brauchte einen drastischen Ausdruck zu ihrer Charakterisierung) gewahrt, denen gebe ich 25%, dafür haben sie alle Prozesse zu führen usw.“
Um 1 Uhr gingen wir, ich erinnerte an Frl. Weckerlin. „Kann jeden Augenblick Nachricht haben, ich habe an den Intendanten nach Hannover geschrieben, um zu erfahren, wo sich Frl. Weckerlin aufhält, ob in Hannover oder wo? Im ersteren Falle soll er sie fragen, ob sie gewillt ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen.“
Brief von Niering (dem Hunding-Darsteller aus Darmstadt, der seine Braut, eine Tänzerin, mit bringen will, um sie bei den Vorstellungen in Bay reuth (umsonst) beschäftigt zu sehen. Ich schrieb ihm, daß das Personal für Comparserie komplett sei. Abends 7 Uhr folgte ich einer Einladung in die Familie meines Freundes, des Buchhändlers Carl Gieszel, welchen ich nach 30 Jahren hier wiederfand. Seine Gattin, aus Coburg stammend, eine vortreffliche Mutter ihrer Kinder, nahm mich in der liebenswürdigsten Weise auf. Ich verlebte schon im vorigen Jahr auf der Villa Gießel, in der Nähe des Wagner-Theaters, schöne Stunden.
Heute war eine große Anzahl von Freunden und Verwandten geladen, um gut zu essen und Musik zu treiben. Unter den Gästen befand sich auch Bankier Feustel. Er ist eine liebenswürdige Erscheinung und humoristischer Gesellschafter, Schatzmeister des Deutschen Wagner-Vereins, Freund Wagners und ein bedeutender Faktor in den Geldangelegenheiten des Wagner-Unternehmens. Er erzählte, daß ihm, nachdem er der Aufführung von Tristan und Isolde in Berlin beigewohnt hatte, bei den Auszeichnungen, welche dort Wagner zu teil geworden, das Herz aufgegangen sei und er wieder Mut gefaßt hätte, jetzt allen Stürmen zu trotzen, welche in der letzten Zeit gegen das Unternehmen getobt haben. „Eine rührende Episode“, erzählte Feustel u. a., „erlebte ich bei Wagner. Er sagte mir, daß in wenigen Augenblicken sein ältester Freund mit Namen Schröder (der Verfasser des „Haasen und Swinegel“ erscheinen würde. Derselbe trat ein, eine lange hagere Gestalt, sprach kein Wort, sah sich Wagner lange an. Und nun geht’s an die alten Erinnerungen, die Studentenzeit, wie er Wagner als seinen Leibfuchs, an dem sich die andern Landsmannschaften, weil Wagner eine kleine unscheinbare Figur hatte, fortwährend rieben, stets geschützt habe und für ihn eingetreten sei!“ Die ganze Beschreibung dieses Schröder, der jetzt wohl, wie ich entnehmen konnte, als Literat in Berlin lebt, war sehr interessant.
